Warum strategisches Netzwerken mit bewusster Selektion beginnt

Am Ende des letzten Jahres habe ich mir eine Frage gestellt, die mich länger beschäftigt hat als erwartet: Haben die Menschen, die mir wichtig sind, eigentlich mitbekommen, was mich dieses Jahr bewegt hat? Ich habe mehrere tausend Kontakte auf LinkedIn, und trotzdem wurde mir klar: Ein Netzwerk ist nicht die Summe aller Kontakte. Strategisches Netzwerken beginnt genau dort, wo man aufhört zu sammeln und anfängt zu entscheiden.

Grafik mit dem Titel „Strategisches Netzwerken beginnt mit Selektion" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Beziehungspflege und bewusste Auswahl

Das Wichtigste in Kürze

  • Die populäre Annahme, Menschen könnten höchstens etwa 150 stabile Beziehungen pflegen, ist wissenschaftlich umstritten [1].
  • Eine Reanalyse in den Biology Letters der Royal Society kommt je nach Methode auf Durchschnittswerte von 69 oder 107 Personen, mit Schwankungsbreiten von 4 bis 520 beziehungsweise 0,3 bis 336 [1][2].
  • Die Autorinnen und Autoren schließen daraus, dass es keine harte kognitive Obergrenze für menschliche Sozialität gibt [1][3].
  • Eine Untersuchung in Science mit mehr als 20 Millionen Menschen über fünf Jahre zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen für neue Möglichkeiten am wirksamsten sind [4].
  • In vier Experimenten unterschätzten Menschen systematisch, wie überrascht und wie positiv Empfängerinnen und Empfänger auf einen Dankesbrief reagieren, und überschätzten die eigene Peinlichkeit [5][6].

Die berühmte Grenze von 150 Kontakten hält nicht, was sie verspricht

Die Dunbar-Zahl wird in Netzwerk-Ratgebern gern als Naturgesetz zitiert, sie ist aber statistisch nicht haltbar. Robin Dunbar hatte in den 1990er Jahren aus dem Verhältnis von Neocortex-Größe und Gruppengröße bei Primaten hochgerechnet, dass Menschen etwa 150 stabile Beziehungen unterhalten können [3].

Ein schwedisches Team um Patrik Lindenfors von der Universität Stockholm hat diese Rechnung 2021 in den Biology Letters der Royal Society mit größeren Datensätzen und aktuellen Methoden wiederholt. Je nach Berechnungsweg ergaben sich Durchschnittswerte von etwa 69 oder etwa 107 Personen. Vor allem aber waren die Schwankungsbreiten enorm: einmal von 3,9 bis 508,2, einmal von 0,3 bis 336,3 [2]. Aus solchen Intervallen lässt sich keine kognitive Grenze ableiten. Die Forschenden halten fest, dass es keine harte Obergrenze für menschliche Sozialität gibt, und vermuten, dass die Zahl vor allem deshalb so beliebt ist, weil sie einprägsam ist [1][3].

Ich schreibe das, obwohl die 150 in vielen Netzwerk-Trainings als Beleg dient, auch in Trainings, die ich besucht habe. Wer mit Zahlen arbeitet, sollte sie prüfen, auch wenn sie die eigene These stützen.

Begrenzt ist nicht dein Gehirn, sondern dein Kalender

Wenn es keine feste kognitive Grenze gibt, dann ist die eigentliche Begrenzung eine praktische: Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Und das ist keine Schwäche, sondern eine Rechengröße.

Wer versucht, allen gerecht zu werden, wird niemandem gerecht, sich selbst zuletzt. Strategisches Netzwerken bedeutet deshalb nicht, Menschen zu bewerten. Es bedeutet, Verantwortung für die eigenen Kapazitäten zu übernehmen und ehrlich zu benennen, was man tatsächlich leisten kann.

Selektion schafft dabei drei Arten von Klarheit: Klarheit darüber, mit wem gemeinsame Werte und Ziele bestehen. Klarheit darüber, wo Wirkung entstehen kann. Und Klarheit darüber, wo man Energie loslassen darf, ohne dass es ein Bruch sein muss.

Selektion heißt nicht, den Kreis enger zu ziehen

Das größte Missverständnis beim bewussten Netzwerken ist, Auswahl mit Rückzug auf die engsten Kontakte zu verwechseln, und genau davor warnt die Forschung. Eine 2022 in Science veröffentlichte Untersuchung wertete randomisierte Experimente über fünf Jahre mit mehr als 20 Millionen Menschen aus. Ergebnis: Die wirksamsten Verbindungen für neue Möglichkeiten sind nicht die engsten, sondern die mäßig schwachen. Der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U, ganz enge und völlig lose Kontakte wirken beide schwächer [4].

Das ist ein wichtiger Einwand gegen meine eigene Ausgangsthese, und ich lasse ihn stehen. Wer beim Aufräumen des Netzwerks alles wegräumt, was nicht eng ist, entfernt genau die Schicht, aus der neue Impulse kommen.

Die brauchbare Regel lautet deshalb anders: Selektion bedeutet nicht weniger Kontakte, sondern bewusstere Pflege über verschiedene Nähegrade hinweg. Ein paar sehr enge Beziehungen. Eine bewusst gepflegte mittlere Schicht, in die man regelmäßig hineingeht. Und ein großer Rand, der offen bleibt, ohne Pflegeanspruch.

Warum ein Danke mehr bewirkt, als du denkst

Menschen unterschätzen systematisch, wie stark eine ausgesprochene Wertschätzung wirkt, und überschätzen gleichzeitig, wie peinlich sie selbst dabei wirken. Das ist der Befund einer Untersuchung von Amit Kumar und Nicholas Epley, veröffentlicht in Psychological Science. In vier Experimenten schrieben Teilnehmende einen Dankesbrief an eine Person, die ihr Leben spürbar geprägt hatte, und schätzten anschließend ein, wie überrascht, wie glücklich und wie unangenehm berührt die Empfängerin oder der Empfänger reagieren würde. Danach wurden die Beschenkten selbst befragt [5][6].

Das Ergebnis war in allen Experimenten dasselbe. Die Schreibenden unterschätzten deutlich, wie überrascht und wie positiv die andere Seite reagierte, und überschätzten, wie unangenehm die Situation für sie wäre. Und genau diese Fehleinschätzung führt dazu, dass Menschen seltener Danke sagen, als sie eigentlich wollen [5][7].

Damit hat mein Jahresrückblick per Post eine sachliche Erklärung. Ich hatte ihn hochwertig gedruckt und mit einer persönlichen Karte an ausgewählte Menschen geschickt, nicht an alle. Das Feedback war eindeutig, und ich habe mich gefragt, warum eigentlich. Die Antwort steht in dieser Studie: Nicht der Aufwand wirkt, sondern die Tatsache, dass jemand sich bewusst entschieden hat.

Die Zettelmethode

Der schönste Vorsatz nützt nichts, wenn im Dezember die Erinnerung fehlt. Deshalb eine Methode, die bei mir funktioniert und die nichts kostet.

Stell dir einen kleinen Behälter auf den Schreibtisch. Immer wenn du merkst, dass ein Gespräch gut war, eine Begegnung wertvoll oder eine Unterstützung echt, schreibst du Namen und zwei Stichworte auf einen Zettel und legst ihn hinein. Unterjährig kannst du hineingreifen, wenn du überlegst, wen du wieder ansprechen könntest.

Am Jahresende musst du dann nicht überlegen, wem du danken willst. Du weißt es bereits. Und du hast nebenbei etwas, das kein Netzwerkprofil liefert: einen ehrlichen Nachweis darüber, wer dich tatsächlich begleitet hat.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Zettelbehälter aufstellen und ein Jahr durchhaltenZwei Minuten pro WocheAm Jahresende brauchst du keine Erinnerungsleistung mehr
Drei Namen aus der mittleren Schicht auswählen und kontaktierenDrei NachrichtenGenau dort liegt der belegte Nutzen für neue Möglichkeiten [4]
Einen echten Dankesbrief schreiben, nicht per Chat20 MinutenDie Wirkung wird von Schreibenden systematisch unterschätzt [5]
Für dich klären, welche Beziehungen ruhen dürfenEine halbe StundeLoslassen ist kein Bruch, sondern Kapazitätsplanung
Nach jedem Netzwerktreffen zwei Notizen machenFünf MinutenOhne Notiz verschwindet die Begegnung binnen einer Woche
Einmal im Jahr die eigenen Kontakte durchsehenEin NachmittagNetzwerke verändern sich mit uns, und das dürfen sie

Häufige Fragen

Stimmt es, dass man nur 150 Kontakte pflegen kann?

Das ist die sogenannte Dunbar-Zahl, und sie ist umstritten. Eine Reanalyse in den Biology Letters der Royal Society kam je nach Methode auf 69 oder 107 Personen, bei Schwankungsbreiten von 4 bis 520 [2]. Die Forschenden schließen daraus, dass es keine harte kognitive Grenze für menschliche Sozialität gibt [1].

Bedeutet strategisches Netzwerken, Menschen auszusortieren?

Nein. Es bedeutet, Verantwortung für die eigenen Kapazitäten zu übernehmen. Zeit und Aufmerksamkeit sind begrenzt, das Netzwerk selbst muss es nicht sein. Sinnvoll ist eine bewusst gepflegte mittlere Schicht statt eines möglichst kleinen Kerns.

Sind enge Kontakte die wertvollsten?

Nicht für neue Möglichkeiten. Eine Untersuchung in Science mit über 20 Millionen Menschen zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen die berufliche Mobilität am stärksten erhöhen, weil sie Zugang zu Informationen bieten, die im engen Kreis nicht vorkommen [4]. Enge Kontakte sind für anderes wichtig, für Vertrauen und Rückhalt.

Wirkt ein Dankesbrief wirklich?

Ja, und stärker als die meisten erwarten. In vier Experimenten unterschätzten die Schreibenden, wie überrascht und wie positiv die Empfänger reagieren, und überschätzten, wie unangenehm die Situation wirkt [5][6]. Diese Fehleinschätzung ist der Hauptgrund, warum Wertschätzung seltener ausgesprochen wird, als sie gedacht wird.

Wie fange ich am besten an?

Mit vier Fragen: Welche Kontakte begleiten mich wirklich? Mit welchen Menschen möchte ich dieses Jahr etwas bewegen? Welche Beziehungen möchte ich vertiefen? Und welche darf ich bewusst ruhen lassen? Danach kommt die Zettelmethode, damit die Antworten nicht bis Dezember verschwinden.

Zum Schluss

Ob Ernährung, Netzwerkarbeit oder politische Prozesse: Die Mechanismen ähneln sich mehr, als man denkt. Wirkung entsteht nicht durch Masse, sondern durch Fokus und durch den Mut, nicht alles gleichzeitig zu wollen.

Netzwerke wachsen mit uns. Sie verändern sich. Und sie dürfen das.

Und du? Welche kleine Geste der Wertschätzung hat in deinem Netzwerk schon einmal besonders viel bewirkt? Schreib es mir, ich sammle solche Beispiele für meine Workshops.

Quellen

  1. Lindenfors, P., Wartel, A., Lind, J.: „Dunbar’s number” deconstructed, Biology Letters der Royal Society, Mai 2021 — https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsbl.2021.0158
  2. science.ORF.at: Gehirn, Zahl der Sozialkontakte nicht vorbestimmt, Darstellung der Berechnungswege und Schwankungsbreiten, Mai 2021 — https://science.orf.at/stories/3206364/
  3. scinexx: Mythos von maximal 150 Freundschaften widerlegt, Mai 2021 — https://www.scinexx.de/news/biowissen/mythos-von-maximal-150-freundschaften-widerlegt/
  4. Rajkumar, K. et al.: A causal test of the strength of weak ties, Science, September 2022 — https://www.science.org/doi/10.1126/science.abl4476
  5. Kumar, A., Epley, N.: Undervaluing Gratitude, Expressers Misunderstand the Consequences of Showing Appreciation, Psychological Science, 2018 — https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0956797618772506
  6. University of Chicago: People underestimate value of sending letters of appreciation, Zusammenfassung der Studie — https://news.uchicago.edu/story/people-underestimate-value-sending-letters-appreciation
  7. British Psychological Society: Underestimating the power of gratitude, Einordnung der Befunde — https://www.bps.org.uk/research-digest/underestimating-power-gratitude

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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