Es gibt Phasen, in denen so vieles gleichzeitig passiert, dass man kaum hinterherkommt, es zu sortieren. Der Kalender quillt über, der Kopf ist voll, und am Ende eines langen Tages bleibt trotzdem das Gefühl, nicht wirklich sichtbar zu sein. Ich wollte einen Text über Vielfalt schreiben. Er ging versehentlich verloren, und mit ihm der Antrieb, ihn neu zu beginnen. Stattdessen ist ein anderes Thema nach vorn gerückt, das zwischen Sichtbarkeit und Erschöpfung liegt. Es ist unbequemer, aber ehrlicher.

Das Wichtigste in Kürze
- SAP hat im Mai 2025 seine angestrebte Frauenquote von 40 Prozent in der Belegschaft aufgegeben und begründete das mit dem Druck der US-Regierung und rechtlichen Entwicklungen [1][2].
- Auch die Kennzahl „Frauen in Führungspositionen” wurde bei der kurzfristigen Vorstandsvergütung gestrichen, die USA werden bei der Quote nicht mehr einbezogen [2][3].
- 86 Prozent der berufstätigen Frauen zwischen 40 und 62 Jahren haben nach einer bundesweiten Befragung im Auftrag der DAK bereits Wechseljahresbeschwerden erlebt [4].
- Drei von zehn fühlen sich dadurch im Arbeitsleben beeinträchtigt, in Betrieben mit bis zu neun Beschäftigten liegt der Anteil ohne Gegenmaßnahmen bei 46 Prozent [4][5].
- Mehr als die Hälfte der belasteten Frauen berichtet, dass ihr Arbeitgeber keinerlei Unterstützung bietet [4].
Der Rollback ist real, und er hat Namen
Der Rückzug aus Gleichstellungszielen ist keine gefühlte Entwicklung, sondern in konkreten Unternehmensentscheidungen dokumentiert. Im Mai 2025 gab SAP bekannt, das Ziel eines Frauenanteils von 40 Prozent in der Belegschaft nicht weiter zu verfolgen. Begründet wurde das mit juristischen Entwicklungen und dem Druck der US-Regierung [1][2].
Die Details sind aufschlussreich. Die Kennzahl „Frauen in Führungspositionen” wird künftig nur noch auf zwei statt drei Ebenen unterhalb des Vorstands erhoben, also nur noch so weit, wie es in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben ist. Die USA werden bei der Quote weiblicher Führungskräfte nicht mehr einbezogen, und beim kurzfristigen Bonus des Vorstands entfällt die Zielgröße ganz [2][3]. SAP selbst widerspricht der Deutung, man sei eingeknickt, und erklärt, die DEI-Programme würden im Wesentlichen fortgeführt [1].
Ich halte beide Lesarten für erwähnenswert und ziehe trotzdem eine klare Schlussfolgerung. Wenn Ziele wegfallen, sobald sie unbequem werden, dann waren sie nie Struktur, sondern Stimmung. Und SAP ist kein Einzelfall, auch bei anderen Unternehmen mit großem US-Geschäft wurden DEI-Ziele zurückgenommen [3].
Das ist der Punkt, an dem ich innehalte. Nicht der Richtungswechsel beunruhigt mich am meisten, sondern das Tempo, mit dem er übernommen wird.
Was das für Netzwerke bedeutet
Was im Großen passiert, zeigt sich im Kleinen zuerst an der Tonlage. Ich erlebe gerade in einem Verband, in dem ich Verantwortung trage, wie schnell eine mühsam aufgebaute Kultur des Miteinanders unter Druck geraten kann, wenn Konkurrenz an die Stelle von Verständigung tritt.
Ich schreibe das bewusst allgemein. Als Wahlleitung habe ich eine Rolle, die Neutralität verlangt, und Aussagen über einzelne Personen gehören nicht in einen öffentlichen Text, sondern in das dafür vorgesehene Verfahren. Was ich hier festhalten will, ist etwas anderes: Eine wertschätzende Streitkultur ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Sie ist eine Praxis, die jedes Mal neu verteidigt werden muss.
Und sie hat Folgen weit über die eigene Organisation hinaus. Das Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum nennt als einen Grund für den gesunkenen Frauenanteil in NRWs Räten ausdrücklich eine rauer werdende Streitkultur, die Frauen von Kandidaturen abhalte [6]. Wer Umgangston für ein weiches Thema hält, unterschätzt seine Wirkung auf Beteiligung.
Was Menschen in Essen tatsächlich fehlt
In Gesprächen an Haustüren und auf Märkten höre ich selten große Forderungen. Ich höre kleine.
Bänke, auf denen man sich ausruhen kann. Ältere Menschen, die nicht mehr spazieren gehen, weil unterwegs keine Sitzgelegenheit ist. Jugendliche, die ihre Zeit in digitalen Räumen verbringen, weil es reale kaum noch gibt. Eltern, die bezahlbare Freizeitangebote suchen. Und Ehrenamtliche, die Projekte stemmen wollen und an Raummangel, Kosten und Zuständigkeiten scheitern.
Ich versuche selbst gerade, einen Verein zu gründen und ein Barcamp zu organisieren, das niedrigschwellig Menschen zusammenbringt. Es scheitert bislang daran, dass ich keinen bezahlbaren Raum finde.
Das ist die Frage, die ich mit in den Ausschuss nehme: Wenn ehrenamtliches Engagement die Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung sein soll, warum machen wir es den Engagierten so schwer? Räume, Ansprechpersonen und einfache Verfahren kosten wenig und entscheiden viel.
Erschöpfung ist kein persönliches Versagen
Ich stehe mitten in den Wechseljahren, und ich schreibe das, weil das Schweigen darüber ein Teil des Problems ist. Mein Energielevel schwankt. An manchen Tagen kostet es Überwindung, überhaupt anzufangen. Und genau dann merke ich, wie sehr unser System auf gleichbleibende Leistungsfähigkeit ausgelegt ist.
Die Zahlen dazu sind eindeutiger, als das Thema öffentlich präsent ist. Für eine bundesweite Befragung im Auftrag der DAK wurden 2.500 berufstätige Frauen zwischen 40 und 62 Jahren befragt. 86 Prozent von ihnen haben Wechseljahresbeschwerden bereits erlebt, drei von zehn fühlen sich dadurch im Arbeitsleben beeinträchtigt [4]. Fast jeder zweiten Befragten ist es unangenehm, mit dem Arbeitgeber darüber zu sprechen, und 35 Prozent haben bisher gar keine Maßnahmen ergriffen. In Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten sind es sogar 46 Prozent [5].
Der Wert, der mich am meisten beschäftigt: Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich belastet fühlen, erhält nach eigenen Angaben keinerlei Unterstützung vom Arbeitgeber [4].
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ordnet das ein: Ein gutes Drittel der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen ist zwischen 40 und 54 Jahre alt, und Symptome wie Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme können dazu führen, dass Frauen Beförderungen ausschlagen, Arbeitszeit reduzieren oder früher in Rente gehen. Belastbare arbeitsmarktbezogene Studien fehlen für Deutschland weitgehend [7].
Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu erzeugen. Ich erzähle es, weil ich als Frau in einem politischen Amt zu der Gruppe gehöre, über die selten jemand spricht, und weil Schweigen genau das ist, was Strukturen unverändert lässt.
Was daraus folgt
Vielleicht ist dieser Beitrag deshalb wichtig, weil er kein Hochglanzthema verfolgt. Er beschreibt, wie sich viele gerade fühlen: zerrissen zwischen Engagement und Erschöpfung, zwischen Gestaltungskraft und Grenzen.
Was ich mir wünsche, sind Räume, in denen Menschen Mensch sein dürfen. In denen man zuhören kann, ohne sofort zu bewerten. In denen Ideen entstehen dürfen, ohne Kapital, ohne Perfektion, ohne Druck.
Sichtbarkeit entsteht nicht durch Lautstärke. Sie entsteht durch Haltung. Und Haltung beginnt dort, wo wir einander wieder wahrhaftig begegnen.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Im eigenen Betrieb nach Regelungen für diese Lebensphase fragen | Ein Gespräch | Über die Hälfte der Belasteten bekommt bisher keinerlei Unterstützung [4] |
| Bänke und fehlende Sitzgelegenheiten im Mängelmelder melden | 5 Minuten | Kleine Infrastruktur entscheidet über Bewegungsfreiheit im Alter |
| Einen Raum für ein Ehrenamtsprojekt anbieten | Eine Zusage | Raummangel ist eine der häufigsten Blockaden vor Ort |
| Eine Kollegin fragen, wie es ihr wirklich geht | Zehn Minuten | Schweigen ist der Mechanismus, der Strukturen erhält |
| Bei Unternehmen nachfragen, ob Gleichstellungsziele noch gelten | Eine Mail | Ziele, die niemand prüft, verschwinden leise [1][2] |
| Eine Pause einplanen, bevor sie erzwungen wird | Ein Termin im Kalender | Belastbarkeit ist keine Charakterfrage |
Häufige Fragen
Was hat SAP an seinen Gleichstellungszielen geändert?
Das Unternehmen gab im Mai 2025 das Ziel eines Frauenanteils von 40 Prozent in der Belegschaft auf, erhebt die Kennzahl „Frauen in Führungspositionen” nur noch auf zwei statt drei Ebenen unterhalb des Vorstands, bezieht die USA nicht mehr ein und strich die Zielgröße beim kurzfristigen Vorstandsbonus [1][2][3].
Wie viele Frauen sind im Job von Wechseljahresbeschwerden betroffen?
Nach einer Befragung von 2.500 berufstätigen Frauen zwischen 40 und 62 Jahren im Auftrag der DAK haben 86 Prozent solche Beschwerden bereits erlebt. Drei von zehn fühlen sich im Arbeitsleben beeinträchtigt, bei den Frauen ab 49 Jahren empfindet knapp die Hälfte die Beeinträchtigung als stark [4][5].
Bekommen betroffene Frauen Unterstützung vom Arbeitgeber?
Meist nicht. Mehr als die Hälfte der belasteten Frauen berichtet, dass ihr Arbeitgeber keinerlei Unterstützung bietet. Wo Maßnahmen ergriffen wurden, betreffen sie am häufigsten Arbeitszeitregelungen, Bewegungsangebote und Entspannungskurse [4].
Warum ist das ein wirtschaftliches Thema?
Weil Beschwerden dazu führen können, dass Frauen Beförderungen ausschlagen, ihre Arbeitszeit reduzieren oder früher aus dem Beruf ausscheiden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weist darauf hin, dass belastbare Studien dazu in Deutschland weitgehend fehlen [7].
Was hat Umgangston mit Beteiligung zu tun?
Mehr, als oft angenommen. Das Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum nennt eine rauer werdende Streitkultur als einen Grund dafür, dass Frauen von kommunalpolitischen Kandidaturen absehen [6].
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt persönliche Erfahrungen und allgemeine Studienlage. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Wer unter Beschwerden leidet, bespricht das am besten ärztlich, es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten.
Und du? Wo erlebst du gerade die Lücke zwischen dem, was du geben möchtest, und dem, was du geben kannst? Schreib es mir, ich lese jede Nachricht.
Quellen
- Personalwirtschaft: SAP verabschiedet sich von Frauenquote, mit Stellungnahme der Personalvorständin, Mai 2025 — https://www.personalwirtschaft.de/news/hr-organisation/sap-verabschiedet-sich-von-frauenquote-191310/
- Haufe: SAP streicht Frauenquote, Details zu Kennzahlen und Erhebungsebenen, Mai 2025 — https://www.haufe.de/personal/hr-management/sap-streicht-frauenquote_80_648634.html
- finanzen.net: SAP streicht Frauenquote, Einordnung und Hinweise auf weitere Unternehmen, Mai 2025 — https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/anpassungen-an-us-politik-sap-streicht-frauenquote-14472937
- DAK-Gesundheit: Jede dritte Frau fühlt sich im Job durch die Wechseljahre beeinträchtigt, bundesweite Befragung von 2.500 berufstätigen Frauen, November 2025 — https://www.dak.de/presse/bundesthemen/umfragen-studien/jede-dritte-frau-fuehlt-sich-im-job-durch-die-wechseljahre-beeintraechtigt_152254
- DAK-Gesundheit: Wechseljahre im Job, Detailergebnisse der Befragung — https://www.dak.de/arbeitgeber-portal/service/wechseljahre-im-job_136644
- Ruhr-Universität Bochum: Rückgang des Frauenanteils in Stadt- und Kreisräten, Auswertung der NRW-Kommunalwahl 2025, Januar 2026 — https://news.rub.de/wissenschaft/2026-01-22-studie-zur-kommunalwahl-2025-rueckgang-des-frauenanteils-stadt-und-kreisraeten
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Auswirkungen der Wechseljahre auf die Arbeitswelt, ein unterschätztes Tabuthema, Februar 2025 — https://iab-forum.de/auswirkungen-der-wechseljahre-auf-die-arbeitswelt-ein-unterschaetztes-tabuthema/
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierung aufgrund der Wechseljahre, Fachgremium berät Empfehlungen an Politik und Arbeitgeber, Januar 2026 — https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2026/20260120_Wechseljahre_Gremium.html
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.