Am 28. Februar 2026 stand ich mit meiner Nachbarin und ein paar Leuten aus dem Viertel mit Greifzange und Müllsack auf der Straße. Zwei Stunden später hatten wir Säcke voller Fast-Food-Verpackungen, Dosen, Zigarettenstummel, dazu alte Möbel und Reifen. An einem einzigen Vormittag, in einer einzigen Ecke von Essen. Der SauberZauber Essen hat in diesem Jahr zwei Rekorde aufgestellt, und beide sagen etwas über diese Stadt, das man nicht überlesen sollte.

Das Wichtigste in Kürze
- Beim 21. SauberZauber vom 28. Februar bis 15. März 2026 beteiligten sich 30.000 Menschen in 635 Gruppen, der bisherige Rekord aus 2023 lag bei 26.606 Teilnehmenden in 586 Gruppen [1].
- Gesammelt wurden 28,39 Tonnen Abfall. In den Vorjahren lag die Menge meist knapp über oder unter 20 Tonnen [2].
- Sonderabfälle wie Reifen, Autobatterien und Lachgasbehälter sind in dieser Menge nicht enthalten, sie mussten gesondert entsorgt werden [2].
- Rund 80 Prozent der Teilnehmenden sind jünger als 18 Jahre [3].
- Der Einwegkunststofffonds nahm für das Jahr 2024 rund 216 Millionen Euro von Herstellern ein, gut 200 Millionen Euro stehen zur Auszahlung an Kommunen bereit [4].
Zwei Rekorde, und der zweite ist nicht das, wonach er aussieht
Beim SauberZauber 2026 wurde so viel Müll gesammelt wie nie zuvor, aber es haben auch so viele Menschen mitgemacht wie nie zuvor, und das eine erklärt einen Teil des anderen. 30.000 Engagierte in 635 Gruppen sammelten 28,39 Tonnen [1][2]. Zum Vergleich: 2023 waren es 26.606 Teilnehmende in 586 Gruppen [1], und die Sammelmenge lag in den Vorjahren meist um 20 Tonnen [2].
Mehr Hände finden mehr Müll. Aus der Rekordmenge lässt sich deshalb nicht sauber ableiten, dass in Essen mehr weggeworfen wird als früher. Was sich ableiten lässt, ist etwas anderes und in meinen Augen Ernsteres: Diese Mengen liegen offenbar dauerhaft herum, bis jemand sie aufhebt.
Und noch eine Zahl gehört dazu. Rund 80 Prozent der Teilnehmenden sind Kinder und Jugendliche [3]. Die Aktion begann 2006 mit etwa 8.000 Menschen in 170 Aktionen [3]. Zwanzig Jahre später räumen im Wesentlichen Schulklassen und Kitagruppen auf, was Erwachsene fallen lassen. Das ist großartige Umweltbildung. Es ist gleichzeitig eine unbequeme Arbeitsteilung.
Was Essen bereits tut, und warum das nicht reicht
Die vorhandenen Instrumente in Essen greifen erst, wenn der Müll schon liegt, und genau darin liegt ihre Grenze. Der SauberZauber ist Teil des städtischen Aktionsplans „Essen bleib(t) sauber!” [1]. Dazu kommen der Mängelmelder, mit dem jede Person vermüllte Stellen melden kann, Kontrollen und Bußgelder.
Alle diese Maßnahmen sind sinnvoll. Alle sind reaktiv. Sie organisieren das Aufräumen besser, sie verhindern nicht das Wegwerfen. Solange die Kosten des Wegwerfens bei der Allgemeinheit landen und der Nutzen der Einwegverpackung beim Hersteller bleibt, ändert sich an der Grundrechnung nichts.
Deshalb halte ich Appelle für notwendig, aber nicht für ausreichend. Wer eine dauerhaft sauberere Stadt will, muss an die Verursacherfinanzierung heran.
Der Hebel, über den kaum jemand spricht: der Einwegkunststofffonds
Seit 2025 zahlen Hersteller von Einwegkunststoffprodukten eine Abgabe, aus der Kommunen ihre Reinigungskosten anteilig erstattet bekommen können. Grundlage ist das Einwegkunststofffondsgesetz, verwaltet wird der Fonds vom Umweltbundesamt. Für das Jahr 2024 nahm er rund 216 Millionen Euro ein. Nach Abzug von etwa 11 Millionen Euro Verwaltungskosten stehen gut 200 Millionen Euro zur Auszahlung bereit, das Umweltbundesamt prüfte dafür knapp 2.000 Leistungsmeldungen [4].
Das Geld fließt nicht automatisch. Öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger müssen sich beim Umweltbundesamt registrieren und ihre erbrachten Leistungen jährlich melden, abgerechnet wird über ein Punktesystem, etwa nach Reinigungskilometern und geleertem Papierkorbvolumen [5][6]. Wer nicht meldet, bekommt nichts.
Der Verband kommunaler Unternehmen fordert außerdem, den Fonds zu einem umfassenden Anti-Littering-Fonds weiterzuentwickeln und weitere typische Wegwerfprodukte wie Kaugummis und Pizzakartons einzubeziehen [4]. Diese Forderung unterstütze ich. Ein Pizzakarton verschmutzt einen Park genauso wie ein Plastikbecher, nur zahlt für ihn bisher niemand.
Dazu kommt ein zweites Instrument, das in der Praxis zu wenig sichtbar ist: Seit dem 1. Januar 2023 gilt die Mehrwegangebotspflicht nach dem Verpackungsgesetz. Wer Getränke oder Speisen in Einwegkunststoff zum Mitnehmen verkauft, muss dieselbe Ware auch in Mehrweg anbieten, und zwar nicht teurer. Kleine Betriebe mit höchstens fünf Beschäftigten und maximal 80 Quadratmetern Verkaufsfläche sind ausgenommen, sie müssen aber mitgebrachte Behälter befüllen [7].
Meine drei Forderungen
Erstens: Alle erstattungsfähigen Leistungen konsequent melden. Jeder nicht gemeldete Reinigungskilometer ist Geld, das in anderen Städten landet. Ich werde im Ausschuss nachfragen, welche Leistungen Essen für 2024 und 2025 gemeldet hat und welche Summe daraus geflossen ist.
Zweitens: Mehrwegangebotspflicht kontrollieren. Eine Pflicht, deren Einhaltung niemand prüft, ist eine Empfehlung. Die Kontrolle liegt bei den Ländern, die Praxis vor Ort betrifft aber unsere Straßen.
Drittens: Infrastruktur an den Hotspots. Mehr und größere Behälter dort, wo der To-go-Verkehr tatsächlich stattfindet, und häufigere Leerung an Wochenenden. Das ist unspektakulär und wirkt sofort.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Beim nächsten SauberZauber anmelden | 5 Minuten | 2026 waren es 635 Gruppen, jede weitere zählt [1] |
| Mehrweg beim Take-away verlangen | Ein Satz an der Theke | Die Pflicht besteht, sie wird zu selten eingefordert [7] |
| Eigenen Becher oder Behälter mitnehmen | Einmal einpacken | Auch kleine Betriebe müssen ihn befüllen [7] |
| Vermüllte Stellen im Mängelmelder eintragen | 2 Minuten | Die Meldung erzeugt einen Vorgang, den jemand bearbeiten muss |
| Zigarettenstummel in den Taschenaschenbecher | Einmalig ein paar Euro | Ein Stummel belastet Boden und Wasser weit über seine Größe hinaus |
| Freundlich ansprechen statt schweigen | Ein Satz | „Da vorne ist ein Mülleimer” wirkt besser als jeder Aushang |
Häufige Fragen
Wie viel Müll wurde beim SauberZauber 2026 gesammelt?
Insgesamt 28,39 Tonnen, gesammelt zwischen dem 28. Februar und dem 15. März 2026 von 30.000 Engagierten in 635 Gruppen. Das ist die höchste Menge in der Geschichte der Aktion, in den Vorjahren lag sie meist um 20 Tonnen. Sonderabfälle wie Reifen und Autobatterien sind darin nicht enthalten [1][2].
Heißt der Müllrekord, dass Essen schmutziger geworden ist?
Nicht zwingend. Es haben auch deutlich mehr Menschen mitgesammelt als je zuvor, 30.000 gegenüber 26.606 im bisherigen Rekordjahr 2023 [1]. Mehr Suchende finden mehr. Belegt ist damit vor allem, dass diese Mengen liegen bleiben, bis jemand sie einsammelt.
Wer bezahlt eigentlich die Reinigung von weggeworfenem Verpackungsmüll?
Seit 2025 beteiligen sich Hersteller von Einwegkunststoffprodukten über den Einwegkunststofffonds. Für 2024 nahm der Fonds rund 216 Millionen Euro ein, gut 200 Millionen Euro stehen zur Auszahlung an Kommunen bereit. Ausgezahlt wird nur an Entsorgungsträger, die sich registriert und ihre Leistungen gemeldet haben [4][5].
Muss mir jedes Café Mehrweg anbieten?
Seit dem 1. Januar 2023 gilt die Mehrwegangebotspflicht für Getränke und Speisen in Einwegkunststoff, ohne Aufpreis. Betriebe mit höchstens fünf Beschäftigten und maximal 80 Quadratmetern Verkaufsfläche sind ausgenommen, müssen aber mitgebrachte Behälter befüllen [7].
Wann findet der nächste SauberZauber statt?
Die Aktion läuft jedes Jahr im Frühjahr, 2026 vom 28. Februar bis 15. März, organisiert von der Ehrenamt Agentur Essen mit den Entsorgungsbetrieben Essen als Hauptsponsor und logistischem Partner. Anmeldungen laufen über die Website der Aktion [1][3].
Danke, und trotzdem
Ich bin beeindruckt von 30.000 Menschen, die freiwillig aufräumen, was andere fallen lassen. Ich bin dankbar für jede Kitagruppe und jede Schulklasse, die mit Zange und Sack unterwegs war.
Und ich finde, wir sollten aufhören, das als Selbstverständlichkeit zu behandeln. Ehrenamt ist ein Geschenk, kein Ersatzsystem. Die Aufgabe der Politik ist es, dafür zu sorgen, dass beim nächsten SauberZauber weniger zu finden ist, nicht mehr.
Und du? Was ist dein erster Schritt: der eigene Becher, eine Meldung im Mängelmelder oder die Anmeldung fürs nächste Jahr? Schreib es mir, ich sammle die Ideen und bringe sie in die nächste Ausschusssitzung.
Quellen
- Stadt Essen: 21. SauberZauber erreicht neuen Rekord, 30.000 Essener*innen engagieren sich für eine saubere Stadt, essen.de, März 2026
- Entsorgungsbetriebe Essen (EBE): SauberZauber endet mit Rekorden bei Beteiligung und Müllmenge, ebe-essen.de, März 2026
- Entsorgungsbetriebe Essen (EBE) und Ehrenamt Agentur Essen e. V.: Auftakt SauberZauber 2026, Teilnehmerstruktur und Geschichte der Aktion, ebe-essen.de, Januar 2026
- Verband kommunaler Unternehmen (VKU): Über 200 Millionen Euro für saubere Städte, Einwegkunststofffonds zeigt Wirkung, Pressemitteilung, Mai 2026
- Umweltbundesamt: Einwegkunststofffonds, Registrierung, Leistungsmeldung und Punktesystem, umweltbundesamt.de, abgerufen am 03.08.2026
- Bundesumweltministerium: FAQ zum Einwegkunststofffonds, Auszahlung an Kommunen, abgerufen am 03.08.2026
- Verpackungsgesetz (VerpackG), §§ 33 und 34, Mehrwegangebotspflicht seit 1. Januar 2023
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.