Wir haben es geschafft, in allen Wahlkreisen anzutreten. Möglich wurde das durch über 1.450 Unterstützungsunterschriften, gesammelt von einem jungen Team, das dafür wochenlang an Haustüren stand. Was nüchtern klingt, ist in Wirklichkeit eine Hürde, die das Wahlrecht bewusst aufstellt. Und sie erklärt gut, warum sichtbar werden und Verantwortung übernehmen dasselbe sind.

Das Wichtigste in Kürze
- Parteien ohne Vertretung müssen in NRW für jeden Wahlbezirksvorschlag bis zu 20 Unterstützungsunterschriften aus dem jeweiligen Wahlbezirk beibringen [1].
- Für die Reserveliste kommen Unterschriften von einem Tausendstel der Wahlberechtigten hinzu, mindestens fünf und höchstens 100 [1].
- Diese Unterschriften müssen persönlich und handschriftlich geleistet werden, jede Person darf nur einen Wahlvorschlag derselben Art unterstützen [1][2].
- Im Jahr 2024 waren 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert, das sind rund 27 Millionen Menschen [3].
- Gegenüber 2019 ist der Anteil leicht gesunken, damals waren es 39,7 Prozent. Gleichzeitig investieren die Engagierten wieder mehr Zeit in ihre Tätigkeit [3][4].
Was 1.450 Unterschriften wirklich bedeuten
Die Unterstützungsunterschrift ist keine Formalität, sondern die eigentliche Eintrittshürde für neue Parteien in die Kommunalpolitik. Nach § 15 des Kommunalwahlgesetzes NRW müssen Wahlvorschläge von Parteien und Wählergruppen, die nicht bereits in der zu wählenden Vertretung, im Landtag oder im Bundestag sitzen, je nach Größe des Wahlbezirks von bis zu 20 Wahlberechtigten aus genau diesem Wahlbezirk unterschrieben werden. Für die Reserveliste kommen Unterschriften von einem Tausendstel der Wahlberechtigten der Kommune hinzu, mindestens fünf, höchstens 100 [1].
Entscheidend ist die Bedingung dahinter: Die Unterschriften müssen persönlich und handschriftlich geleistet werden, und jede Person darf nur einen Wahlvorschlag derselben Art unterstützen [1][2]. Es gibt also keine Onlineabkürzung und keine Mehrfachnutzung. Jede Unterschrift bedeutet ein Gespräch, einen Weg, ein Formular.
Wer in einer Stadt mit vielen Wahlbezirken flächendeckend antreten will, muss diese Zahl also multiplizieren. Genau das ist der Grund, warum kleine Parteien häufig nur in einzelnen Wahlbezirken kandidieren. Und genau deshalb ist die Zahl 1.450 kein organisatorisches Detail, sondern das eigentliche Ergebnis dieser Monate.
Ich sage das nicht, um uns zu loben. Ich sage es, weil viele Menschen glauben, politische Beteiligung scheitere an mangelndem Interesse. Sie scheitert häufiger an Verfahren.
Engagement in Deutschland: hoch, aber leicht rückläufig
Freiwilliges Engagement bleibt in Deutschland auf hohem Niveau, ist aber erstmals seit Langem wieder etwas zurückgegangen. Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey, der auf über 27.000 Befragten beruht und im November 2025 veröffentlicht wurde, waren 2024 rund 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert. Das entspricht etwa 26,97 Millionen Menschen [3]. Im Jahr 2019 lag der Anteil noch bei 39,7 Prozent, damals waren es 28,8 Millionen [4].
Ein Detail finde ich dabei besonders aufschlussreich: Zwar engagieren sich anteilig etwas weniger Menschen, aber die Engagierten investieren wieder mehr Zeit [3]. Die Last verteilt sich also auf weniger Schultern.
Das ist der Punkt, an dem aus einer schönen Empfehlung eine ernste Aufgabe wird. Wer engagiert ist, kennt das Gefühl, dass immer dieselben zwanzig Leute alles tragen. Nachwuchs entsteht nicht durch Aufrufe, sondern durch direkte Ansprache.
Sichtbarkeit entsteht durch Wiederholung, nicht durch Auftritt
Ich werde oft gefragt, wie man sichtbar wird, ohne sich zu verbiegen. Meine Antwort ist unspektakulär: durch Kontinuität.
Sichtbarkeit entsteht nicht über Nacht und nicht durch einen gelungenen Auftritt. Sie entsteht, wenn Menschen dich mehrfach zum selben Thema erleben. Das gilt an der Haustür genauso wie im Verein, in der Ratssitzung oder auf einer Bühne.
Und sie hat eine Voraussetzung, die selten benannt wird: Man muss bereit sein, für ein Thema in Haftung zu gehen. Wer sichtbar wird, wird auch angreifbar. Das ist kein Nebeneffekt, das ist der Preis.
Fünf Empfehlungen aus der Praxis
Diese Punkte sind meine Erfahrung als Netzwerkerin, Beraterin und Autorin, keine Studienergebnisse. Ich kennzeichne das ausdrücklich.
Erstens: Politik ist nicht weit weg. Wenn du ein Anliegen hast, ob gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit oder Zusammenhalt, gibt es Wege, damit sichtbar zu werden. Die Zeit, die man in ein Ehrenamt investiert, ist keine verlorene Zeit, sie ist ein Beitrag zu einer Welt, in der man selbst gerne lebt.
Zweitens: Netzwerken ist keine Vertriebstechnik. Es beginnt nicht mit dem perfekten Elevator Pitch, sondern mit aufrichtigem Interesse an Menschen. Diese Haltung trägt auf Veranstaltungen, an der Haustür und im Ausschuss gleichermaßen.
Drittens: Sichtbarkeit braucht Wiederholung. Ein Beitrag reicht nicht, ein Auftritt auch nicht. Präsenz über Zeit ist das, was wirkt.
Viertens: Tiefe schlägt Menge. Ein Netzwerk lebt nicht von der Zahl der Kontakte, sondern von der Tragfähigkeit der Beziehungen. Wie sich beides sinnvoll verbinden lässt, habe ich in einem eigenen Beitrag über strategisches Netzwerken beschrieben.
Fünftens: Du musst nicht Spitzenkandidatin werden. Vielleicht ist dein Platz der einer Mentorin, einer Kursleiterin oder einer Stimme für ein Thema, das sonst untergeht. Wer andere bestärkt, verändert etwas, oft leiser und nachhaltiger.
Warum ich das mit Volt verbinde
Ich erkenne meine Themen in den Werten von Volt wieder, auch wenn ich nicht für jede einzelne Position stehe. Entscheidend ist für mich der Raum, meine Themen sichtbar zu machen und Menschen zu stärken.
Dasselbe gilt für meine Arbeit außerhalb der Politik. Im Verlag Life & Food Farm unterstütze ich Menschen dabei, ihre Bücher zu veröffentlichen. Als Ernährungsfachwirtin gebe ich keine Diätpläne aus, sondern arbeite daran, dass Menschen wieder in die eigene Kraft kommen. Mit der vilaron Stiftung geht es um Ernährungsbildung und Klimaschutz dort, wo es am meisten gebraucht wird: bei Kindern, in Schulen, in Familien.
Für mich ist das kein Nebeneinander, sondern eine Linie. Die Frage lautet überall gleich: Wo kann ich mitgestalten, und was bringe ich mit?
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Eine Unterstützungsunterschrift leisten, wenn du gefragt wirst | Zwei Minuten | Sie entscheidet über Zulassung, nicht über deine Stimme [1] |
| Ein Thema wählen und ein Jahr dabei bleiben | Kontinuität | Sichtbarkeit entsteht durch Wiederholung, nicht durch Auftritte |
| Eine Person direkt ansprechen statt allgemein aufzurufen | Ein Gespräch | Engagement entsteht fast nie aus einem Aufruf |
| Einmal im Quartal etwas veröffentlichen | Ein Nachmittag | Auch ein kurzer Beitrag hält ein Thema am Leben |
| Bei einer Initiative mitmachen, statt eine neue zu gründen | Eine Anfrage | 36,7 Prozent sind engagiert, die Strukturen sind da [3] |
| Deine Kompetenz einbringen statt Zeit zu füllen | Klarheit über dich selbst | Fachliche Mitarbeit ist wertvoller als reine Anwesenheit |
Häufige Fragen
Was sind Unterstützungsunterschriften und wozu braucht man sie?
Sie belegen, dass ein Wahlvorschlag genug Rückhalt hat. Nach § 15 Kommunalwahlgesetz NRW brauchen Parteien ohne Vertretung bis zu 20 Unterschriften pro Wahlbezirk sowie für die Reserveliste ein Tausendstel der Wahlberechtigten, mindestens fünf und höchstens 100 [1].
Verrate ich damit meine Wahlentscheidung?
Nein. Eine Unterstützungsunterschrift bedeutet nicht, dass man diese Partei später wählt. Sie ermöglicht lediglich die Zulassung zur Wahl. Allerdings darf jede Person nur einen Wahlvorschlag derselben Art unterstützen [1][2].
Wie viele Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich?
Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey waren 2024 rund 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert, etwa 27 Millionen Menschen. 2019 waren es 39,7 Prozent [3][4].
Geht das Ehrenamt zurück?
Anteilig leicht, ja. Gleichzeitig zeigt der Freiwilligensurvey, dass die Engagierten wieder mehr Zeit investieren [3]. Die Arbeit verteilt sich also auf weniger Menschen, was das Risiko von Überlastung erhöht.
Wie werde ich sichtbar, ohne mich zu verbiegen?
Indem du ein Thema wählst, das du ohnehin vertrittst, und dabei bleibst. Sichtbarkeit entsteht durch Wiederholung. Und sie bedeutet, für dieses Thema auch einzustehen, wenn Widerspruch kommt.
Zum Schluss
Wenn man sich einbringt, verändern sich Dinge. Vor allem verändert man sich selbst. Man wird sicherer, man erkennt die eigene Wirksamkeit.
Genau das wünsche ich dir, ganz gleich ob parteipolitisch oder auf einem anderen Weg. Und mit dem Mut, dein Thema in die Welt zu tragen, auch wenn es unbequem wird.
Und du? Welches Thema würdest du vertreten, wenn dich morgen jemand danach fragen würde? Schreib es mir.
Quellen
- Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen: Erläuterung der Anforderungen an Unterstützungsunterschriften nach § 15 Absatz 2 Kommunalwahlgesetz NRW, Pressemitteilung 2020 — https://www.verfgh.nrw.de/aktuelles/pressemitteilungen/2020/20_200710/index.php
- Stadt Köln: Unterstützungsunterschriften für Wahlvorschläge, Verfahren und Formblätter nach der Kommunalwahlordnung NRW — https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/wahlen/73177/index.html
- Bundesregierung, Staatsministerin für Sport und Ehrenamt: Bericht zur Lage von Engagement und Ehrenamt, Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys 2024, November 2025 — https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064
- Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE): Zentrale Ergebnisse des Fünften Deutschen Freiwilligensurveys 2019 — https://www.b-b-e.de/aktuelles/detail/freiwilliges-engagement-in-deutschland-zentrale-ergebnisse-des-fuenften-deutschen-freiwilligensurveys-fws-2019-veroeffentlicht/
- Publikationen der Bundesregierung: Sechster Deutscher Freiwilligensurvey (FWS 2024), Kurzbericht — https://www.publikationen-bundesregierung.de/pp-de/publikationssuche/freiwilligensurvey-6-2393642
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.