Politik: Wenn der Stadtrat dich auslaugt

Ein ehrlicher Rückblick auf Monate voller Widersprüche, Getuschel und der Frage, wofür das alles gut ist.

Ich sitze hier mit etwas Abstand zur letzten Ratssitzung und merke, dass ich einfach reden muss. Nicht über Anträge, nicht über Zahlen, sondern über das, was ich erlebt habe. Wie es sich anfühlt, als Unternehmerin und Ratsgruppenmitglied gleichzeitig zu funktionieren, und was mich in den letzten Monaten wirklich beschäftigt hat.

Die letzte Ratssitzung war teilweise respektlos

Das sage ich so direkt, weil es so war. Nicht nur die Art und Weise, wie der Bürgermeister das Gremium geführt hat, auch der Umgang der Ratsmitglieder untereinander hat mich erschrocken. Vor mir saß der Geschäftsführer der Grünen, links daneben der Geschäftsführer der SPD. Tuscheln, flüstern, reden, während vorne jemand am Mikrofon steht. Hinter mir sammelten sich kleine Gruppen um zu quatschen, weil sie keine Lust auf ihre Plätze hatten. Das Geraschel der Presseleute direkt im Rücken. Und dazu Kinder im Ratssaal, was ich grundsätzlich für vereinbar halte mit politischer Arbeit, aber nicht, wenn ich schlicht nicht mehr zuhören kann.

Es geht mir nicht ums Prinzip. Es geht mir darum, dass ich dort sitze, um zu verstehen, was entschieden wird, und dass mir das systematisch schwer gemacht wird.

Als Unternehmerin zahle ich einen anderen Preis

Viele Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker sind beim Land angestellt, als Lehrerinnen, Polizisten, Beamte. Sie werden freigestellt für Termine, die über die Fraktion laufen. Stunden, die anfallen, können angerechnet werden. Das gilt für eine Fraktion, für uns als Ratsgruppe allerdings nicht.

Ich bin Geschäftsführerin der Life & Food Farm, Vorständin der vilaron Stiftung und führe mehrere weitere Organisationen. Ich kann nicht mal eben ein paar Stunden freinehmen, ohne dass es mich etwas kostet. Und das hat es. Nachdem ich mit der politischen Arbeit begonnen habe, sind meine Einnahmen eingebrochen. Unter anderem, weil der Algorithmus in den sozialen Netzwerken mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, sobald ich politische Inhalte gepostet habe. Das war hart.

Ich sage das nicht, um Mitleid zu wecken. Ich sage es, weil es die Realität ist, die kaum jemand ausspricht. Kommunalpolitik kostet, und zwar nicht nur Zeit.

Matthias Stadtmann hat mir den Rücken freigehalten

In dieser Zeit war die Zusammenarbeit mit Matthias Stadtmann von Die PARTEI ein echter Halt. Er ist gewissenhaft, fleißig und hat gute Absichten, und er hat es in den letzten Monaten geschafft, mir Luft zu verschaffen. Dafür bin ich aufrichtig dankbar. Denn ohne diesen Rückhalt wäre vieles noch schwerer gewesen.

Zwölf Ausschüsse, zwei Ratsmitglieder

Anfang des Jahres wurde unsere Ratsgruppe auf fünf sachkundige Bürgerinnen und Bürger reduziert. Das bedeutet: fünf sachkundige Bürger und zwei Ratsmitglieder stemmen zusammen zwölf Ausschüsse plus den Rat. Ohne Geschäftsführung, die Reden schreibt oder Anträge vorbereitet. Das machen wir alles selbst.

Und das ist kein Klagen, das ist eine Beschreibung der Realität. Der Beitrag, den wir für die Gesellschaft leisten, ist enorm. Die Vergütung dafür ist minimal.

Für wen stehe ich eigentlich da vorne?

Das ist die Frage, die mich wirklich beschäftigt. Im Ratssaal hört kaum jemand zu. Am Bildschirm verfolgt fast niemand, was dort passiert. Selbst Menschen aus meiner politischen Heimat wissen nicht, wie die letzten Ratssitzungen gelaufen sind. Das erschreckt mich.

Ich werde natürlich in der Zukunft Redebeiträge halten, das ist klar. Aber ich muss ehrlich sein: In den letzten Monaten war kein Raum dafür. Und bevor ich halbe Sachen mache, gehe ich zuerst. Nur wenn ich stabil stehe, kann ich auch etwas für die Stadt tun. Das ist keine Schwäche, das ist Achtsamkeit mit mir selbst.

Über andere lästern ist ein No-Go

Was mich neben all dem am meisten erschrocken hat, ist der Umgang zwischen einzelnen Ratsmitgliedern. Menschen herabzusetzen, sich über sie lustig zu machen, sie als zu emotional abzutun, das gehört nicht in dieses Gremium. Punkt. Wer dort sitzt, sitzt dort für die Menschen dieser Stadt und das sollte auch im Umgang miteinander spürbar sein.

Mit meinen Organisationen bewege ich gerade mehr

Das ist vielleicht die ehrlichste Erkenntnis aus diesen Monaten. Mit der vilaron Stiftung, mit der Mach mit! Essen gUG und mit meiner täglichen Arbeit in der Life & Food Farm passiert gerade mehr, als ich im Rat bewegen kann. Das erschreckt mich, wenn ich ehrlich bin. Und gleichzeitig zeigt es mir, dass ehrenamtliches Engagement mit klarer Struktur manchmal direkter wirkt als Kommunalpolitik in einem Gremium, das sich selbst im Weg steht.

Was ich mir für die Zukunft wünsche

Bei der nächsten Kommunalwahl hoffe ich auf mehr Vertrauen und mehr Stimmen für Volt, sodass wir als Fraktion in den Rat gehen können. Mit einer Fraktion kommen finanzielle Mittel, personelle Unterstützung und mehr Möglichkeiten, wirklich etwas zu bewegen. Aktuell werden Ergänzungsanträge und Änderungsanträge von kleineren Gruppen wie uns permanent abgelehnt, auch wenn der Inhalt gut ist. Das kann kein Grundgerüst einer Demokratie sein.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Und ich bin noch nicht vollständig überzeugt, dass das, was wir dort leisten, so wahrgenommen wird, wie es sollte. Aber ich mache weiter, weil ich glaube, dass es wichtig ist. Und ich bitte euch: Geht wählen. Bei jeder Gelegenheit. Und überlegt genau, wen ihr wählt und warum.

Diese Blogserie ist mein Weg, euch mitzunehmen. Folgt mir gerne, damit ihr auf dem Laufenden bleibt.

Und jetzt möchte ich von dir wissen: Verfolgst du, was in deiner Stadt im Stadtrat passiert, und wenn nicht, was hält dich davon ab?

Quellen und Links

Über Mandy

Stadtraetin fuer Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead fuer Partnership & Kommunikation, Volt Team Essen
Geschaeftsfuehrerin bei Die Life & Food Farm
Founder und Vorstaendin der vilaron Stiftung
Founder und Vorstaendin vom BPW eClub
Founder und GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und fuehre nachhaltige Strukturen fuer gesunde Ernaehrung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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