Bevor du zum nächsten Event gehst, lohnt sich eine ehrliche Frage an dich selbst.
Ich erinnere mich noch gut an einen Abend in Essen, an dem ich auf einer Veranstaltung stand, Visitenkarten in der Hand, und mich fragte, was ich hier eigentlich tue. Ich kannte niemanden, das Programm war nett, aber ich ging ohne echtes Ergebnis nach Hause. Nicht weil die Menschen uninteressant waren, sondern weil ich selbst nicht wusste, was ich wollte. Kein Ziel, kein Fokus, kein roter Faden.
Genau das ist der Punkt, den ich im zweiten Kapitel meines Buchs Strategisch Netzwerken so ausführlich behandle. Networking ist kein Selbstzweck. Es dient immer einem individuellen Ziel, und dieses Ziel ist so verschieden wie die Menschen, die es verfolgen.
Ohne Richtung ist jeder Schritt zufällig
Viele Menschen gehen netzwerken, weil sie das Gefühl haben, sie sollten es. Weil alle es tun, weil LinkedIn ruft oder weil ein Event in der Nähe stattfindet. Das ist kein Vorwurf, das war ich selbst. Aber wer ohne Richtung läuft, landet irgendwo, nur selten dort, wo er hinwollte.
Nachhaltiges Networking beginnt mit einer klaren Antwort auf eine einfache Frage: Was möchtest du mit deinem Netzwerk erreichen? Nicht irgendwann, sondern jetzt, in dieser Phase deines Lebens und deiner Arbeit. Die Antwort verändert sich mit dir, und das ist vollkommen in Ordnung.
Wissen ist eines der stärksten Motive
Eines der häufigsten Hauptziele, das ich beobachte, ist der Wunsch nach Wissen. Wissen teilen, von der Expertise anderer profitieren, Zugang zu Erfahrungen bekommen, die man selbst noch nicht gemacht hat. Das klingt simpel, ist aber kraftvoll.
Wenn du weißt, dass du in deinem Netzwerk primär lernen willst, veränderst du automatisch, wen du ansprichst. Du suchst dir andere Veranstaltungen, andere Gesprächspartner, andere Plattformen. Du fragst mehr, du hörst mehr zu, du gehst tiefer. Und du gibst auch mehr zurück, weil du verstehst, dass Wissen nur im Austausch wächst.
Vertrauen ist keine weiche Währung
Ein anderes Hauptziel, das ich persönlich sehr ernst nehme, ist der Aufbau von Vertrauen als echte Basis. Nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Fundament, auf dem alles andere steht. Vertrauen braucht Zeit, Kontinuität und Ehrlichkeit, auch dann, wenn es unbequem ist.
Ich habe in meiner Arbeit, ob bei der vilaron Stiftung, beim BPW eClub oder bei Mach mit! Essen, immer wieder erlebt, wie viel schneller Projekte vorankommen, wenn die Menschen im Raum einander vertrauen. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis bewusster Beziehungsarbeit über viele kleine Momente hinweg.
Sichtbarkeit ist kein Eitelkeitsprojekt
Sichtbarkeit und Reputation aufbauen, das klingt für manche nach Selbstdarstellung. Ich sehe es anders. Wenn du relevante Arbeit machst und niemand davon weiß, ist das kein Zeichen von Bescheidenheit, das ist eine verpasste Chance zur Wirkung.
Sichtbarkeit im Netzwerk bedeutet, dass die richtigen Menschen wissen, wofür du stehst und was du kannst. Das öffnet Türen zu Kooperationen, zu Projekten, zu Gesprächen, die sonst nicht stattfinden würden. Als Stadträtin für Volt Essen merke ich das besonders, denn wer politisch gestalten will, muss als Person erkennbar und ansprechbar sein.
Gemeinsam ist mehr als ein Schlagwort
Manche Ziele sind schlicht zu groß für eine Person allein. Gemeinsam große Ziele erreichen ist deshalb für mich persönlich eines der wichtigsten Motive überhaupt. Die Life and Food Farm, die ich führe, ist ein Beispiel dafür: ein Projekt, das nur funktioniert, weil Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen und Hintergründen zusammenarbeiten.
Wenn du weißt, dass dein Hauptziel die gemeinsame Wirkung ist, suchst du im Netzwerk keine Kontakte, sondern Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Du fragst dich nicht, was jemand dir geben kann, sondern was ihr gemeinsam bewegen könnt. Das verändert die Energie in jedem Gespräch.
Neue Perspektiven machen dich besser
Neue Perspektiven und Kooperationen entwickeln, das steht in meinem Buch als eigenständiges Ziel, weil es so oft unterschätzt wird. Wir neigen dazu, uns mit Menschen zu umgeben, die ähnlich denken wie wir. Das fühlt sich gut an, aber es macht uns nicht klüger.
Die wertvollsten Gespräche, die ich je geführt habe, kamen von Menschen, die einen völlig anderen Hintergrund hatten, andere Branchen, andere Länder, andere Lebenserfahrungen. Sie haben meine Annahmen herausgefordert, und das hat mir mehr gebracht als jede Bestätigung.
Ehrliches Feedback ist ein Geschenk
In einem guten Netzwerk bekommst du Feedback, das ehrlich ist, nicht nur höflich. Das setzt Vertrauen voraus, und es setzt voraus, dass du aktiv danach fragst. Wer immer nur Zustimmung sucht, baut kein Netzwerk auf, sondern eine Fangemeinschaft.
Ich frage in meinem Umfeld regelmäßig nach, was nicht funktioniert, wo ich einen blinden Fleck habe, was andere sehen, das ich übersehe. Das ist manchmal unangenehm, aber es ist eine der schnellsten Methoden, um zu wachsen.
Resilienz entsteht nicht im Alleingang
Und dann gibt es Phasen, in denen Netzwerken etwas ganz anderes leistet: Stabilität in schwierigen Zeiten. Resilienz stärken ist ein Ziel, das viele erst entdecken, wenn es gerade brennt. Dann merkst du, welche Verbindungen tragen und welche nur gut Wetter taugen.
Ein Netzwerk, das du in guten Zeiten aufgebaut und gepflegt hast, ist in schwierigen Zeiten eine echte Ressource. Nicht weil du Hilfe einfordern kannst, sondern weil du nicht allein bist. Dieses Gefühl, Gemeinschaft zu erleben, ist selbst ein Ziel und kein Nebenprodukt.
Dein Ziel darf sich verändern
Was ich im Kapitel Network Navigator besonders betone: Es gibt kein richtiges oder falsches Hauptziel. Karriere fördern ist genauso legitim wie Zugang zu Experten gewinnen oder schlicht ein Gemeinschaftsgefühl erleben. Was zählt, ist, dass du weißt, was für dich gilt, und zwar heute, nicht in einem abstrakten Irgendwann.
Dein Hauptziel darf sich verändern, wenn sich dein Leben verändert. Wer gerade gründet, braucht andere Verbindungen als jemand, der sein Unternehmen skalieren will. Wer in eine neue Stadt zieht, hat andere Prioritäten als jemand, der seit Jahren verwurzelt ist. Networking ist kein statisches System, es ist ein lebendiger Prozess.
Was du jetzt tun kannst
Nimm dir heute zehn Minuten, setz dich hin und schreib auf, was du mit deinem Netzwerk in den nächsten zwölf Monaten erreichen willst. Nicht fünf Dinge, sondern eines. Das eine, das am meisten wiegt. Wenn du das weißt, weißt du auch, zu welchem Event du gehst, wen du anschreibst und welche Gespräche wirklich zählen.
Alles andere ergibt sich daraus.
Und jetzt bin ich neugierig auf dich: Was ist dein Hauptziel, wenn du netzwerkst, und hat sich das in den letzten Jahren verändert?
Quellen und Links
- Der Network Navigator, Kap. 2.1, ca. S. 59–62
- vilaron Stiftung
- BPW eClub
- Mach mit! Essen gUG
- Volt Essen
- Die Life and Food Farm
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation, Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder und Vorständin der vilaron Stiftung
Founder und Vorständin vom BPW eClub
Founder und GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.