Raus aus der Bubble

Es gibt Wochen, die nicht einfach nur vergehen. Letzte Woche war so eine. Ich war über meine Ratsfunktion beim Tanzpreis und beim Kultursalon, und ich habe dort etwas beobachtet, das mich seitdem beschäftigt. Menschen, die sich seit Jahren kennen, waren im Gespräch, und trotzdem war der Raum offen für alle. Genau das ist der Punkt, an dem Netzwerken in Essen anfängt zu wirken: da, wo die eigene Bubble endet.

Grafik mit dem Titel „Raus aus der Bubble" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Netzwerke, Selbstreflexion und Gegenwind in der Kommunalpolitik

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung mit über 20 Millionen Menschen über fünf Jahre zeigt, dass mäßig schwache Kontakte die berufliche Mobilität stärker erhöhen als enge Verbindungen [1].
  • Ausgewertet wurden dabei rund zwei Milliarden neue Verbindungen und etwa 600.000 neue Jobs [1].
  • Die kommunikationswissenschaftliche Forschung kommt zu dem Ergebnis, dass die Wirkung von Filterblasen und Echokammern überschätzt wird [2][3].
  • Nach einer Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung von 2021 waren 57 Prozent der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister schon mindestens einmal beleidigt, bedroht oder angegriffen worden, in größeren Städten 75 Prozent [4].
  • 68 Prozent von ihnen haben deshalb ihr Verhalten geändert, 30 Prozent äußern sich zu bestimmten Themen seltener als früher [5].

Warum lose Kontakte mehr bewegen als enge

Die Verbindungen, die neue Möglichkeiten eröffnen, sind meist nicht die engsten, sondern die mittleren. Das ist keine Netzwerk-Folklore, sondern inzwischen kausal belegt. Eine 2022 im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung wertete mehrere groß angelegte randomisierte Experimente auf einer beruflichen Netzwerkplattform aus, über fünf Jahre, mit mehr als 20 Millionen Menschen, rund zwei Milliarden neuen Verbindungen und etwa 600.000 angenommenen Stellen [1].

Das Ergebnis ist präziser, als die verkürzte Fassung nahelegt. Der Zusammenhang verläuft nicht linear, sondern als umgekehrtes U: Am wirksamsten sind mäßig schwache Verbindungen, also Menschen, mit denen man einen gemeinsamen Kontext teilt, aber nicht denselben Alltag. Ganz enge Verbindungen bringen wenig Neues, weil sie dieselben Informationen haben. Völlig Fremde bringen ebenfalls wenig, weil die Anschlussfähigkeit fehlt [1].

Übersetzt auf einen Abend wie den Kultursalon heißt das: Der Wert liegt nicht bei den drei Menschen, die ich ohnehin jede Woche sehe. Er liegt bei den zwölf, die ich vom Sehen kenne und mit denen ich noch nie länger als fünf Minuten gesprochen habe.

Die Bubble ist echt, aber sie ist nicht die, die wir meinen

Die Forschung zu Filterblasen und Echokammern kommt zu einem unbequemen Ergebnis: Der algorithmische Effekt ist deutlich kleiner als angenommen. Eine viel beachtete Übersichtsarbeit deutscher und norwegischer Kommunikationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler trägt den Titel „Maßlos überschätzt” und kommt zu dem Schluss, dass die pauschalen Annahmen hinter beiden Metaphern der Komplexität politischer Meinungsbildung nicht gerecht werden und die Personalisierungsmechanismen von Algorithmen bisher überschätzt wurden [2]. Auch die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages stützen sich in ihrer Aufarbeitung des Themas auf diesen Befund [3].

Ich finde das entlastend und beunruhigend zugleich. Entlastend, weil es bedeutet: Wir sind nicht Gefangene einer Maschine. Beunruhigend, weil die Verantwortung damit zurück bei uns liegt.

Denn die Blase, die tatsächlich wirkt, ist selten technisch. Sie ist sozial. Sie besteht aus denselben Gremien, denselben Veranstaltungen, denselben zwanzig Nummern im Telefon. Kein Algorithmus zwingt mich dazu, mich beim Empfang zu den Leuten zu stellen, die ich schon kenne. Das mache ich ganz allein.

Was ich an mir selbst korrigiere

Ich habe in den letzten Jahren eine Angewohnheit übernommen, die mir nicht gefällt: Ich äußere schneller Kritik, und manchmal rutschen Gespräche ins Lästern ab. Das ist kein Austausch, das ist ein soziales Muster, und ich habe es übernommen, weil es oft so vorgelebt wird.

Abends kommt dann die Frage: Warum hast du das gesagt? Dieses Unwohlsein ist kein schlechtes Gewissen, es ist ein Warnsignal. Es zeigt mir, dass ich von meiner eigenen Haltung abgekommen bin.

Die Haltung, zu der ich zurückwill, ist einfach zu benennen und schwer zu leben: wohlwollende Akzeptanz gegenüber Menschen, klare und respektvolle Kritik in der Sache. Die Bremse gehört dabei nicht auf die andere Person, sondern auf mich selbst.

Gegenwind: ein ehrlicher Zwischenruf

Kritik zu bekommen zeigt, dass man sichtbar ist. Es zeigt nicht, dass man recht hat. Ich habe diesen Satz früher anders geschrieben, nämlich sinngemäß: Wer angegriffen wird, hat einen Nerv getroffen. Ich halte das inzwischen für gefährlich. Wer jede Kritik als Bestätigung liest, macht sich unkorrigierbar. Sachliche Kritik verdient eine Antwort in der Sache, auch wenn sie unangenehm ist.

Etwas anderes sind Anfeindungen, und die sind in der Kommunalpolitik keine Ausnahme. Nach einer repräsentativen Umfrage von forsa im Auftrag der Körber-Stiftung unter 1.641 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern aus dem Jahr 2021 waren 57 Prozent schon mindestens einmal beleidigt, bedroht oder tätlich angegriffen worden, in größeren Städten 75 Prozent [4]. 68 Prozent haben deshalb ihr Verhalten geändert, 37 Prozent verzichten weitgehend auf soziale Medien, 30 Prozent äußern sich zu bestimmten Themen seltener und 19 Prozent haben aus Sorge um die eigene Sicherheit oder die der Familie schon über einen Rückzug aus der Politik nachgedacht [5].

Diese Zahlen sind aus 2021 und damit nicht mehr taufrisch. Neuere Erhebungen deuten nicht auf Entspannung hin. Der entscheidende Wert ist für mich ohnehin ein anderer: Wenn ein Drittel der Amtsträgerinnen und Amtsträger zu bestimmten Themen schweigt, dann ist das kein persönliches Problem. Dann fehlen der Demokratie Positionen.

Für Betroffene gibt es das Portal Stark im Amt, das Bürgermeisterinnen, Landräte und Ratsmitglieder mit Informationen und Anlaufstellen unterstützt [4][6].

Vom Weg abkommen und zurückfinden

Ich denke oft an meine Wanderungen. Du gehst einen Pfad, und ab und zu nimmst du einen Seitenweg, weil die Aussicht lockt. Das ist richtig so, Inspiration gehört dazu. Irgendwann merkst du aber, dass du zurück musst, sonst verlierst du die Richtung.

So ist es auch mit den vielen Projekten, die ich habe. Sie haben einen gemeinsamen Nenner, und der bin ich. Wenn dieser Nenner aus dem Blick gerät, verliert das Ganze seine Richtung. Deshalb gehört zu jedem Quartal eine Stunde, in der ich nur eine Frage beantworte: Was bleibt, wenn ich alle Rollen abziehe?

Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, bewusst zu sein.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Auf einer Veranstaltung zuerst zu jemandem gehen, den du kaum kennstZehn Minuten ÜberwindungGenau dort liegen die mäßig schwachen Verbindungen, die etwas bewegen [1]
Einen eingeschlafenen Kontakt reaktivierenEine NachrichtVertrauen ist da, die Perspektive ist neu
Eine Veranstaltung außerhalb deines Themenfelds besuchenEin Abend im QuartalDie wirksame Blase ist sozial, nicht technisch [2]
Ein Gespräch verlassen, das ins Lästern kipptEin SatzHaltung zeigt sich nicht in Reden, sondern im Aussteigen
Zwischen Kritik und Anfeindung unterscheidenEin MomentKritik beantworten, Anfeindung dokumentieren
Einmal im Quartal eine Stunde Rückbesinnung einplanenEine StundeOhne Kern verlieren viele Projekte ihre Richtung

Häufige Fragen

Warum sind lose Kontakte beim Netzwerken so wichtig?

Weil sie Zugang zu Informationen bieten, die im engen Kreis nicht vorkommen. Eine Untersuchung in Science mit über 20 Millionen Menschen zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen die berufliche Mobilität am stärksten erhöhen. Der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U, ganz enge und völlig fremde Kontakte wirken beide schwächer [1].

Gibt es Filterblasen überhaupt?

Es gibt sie, aber ihre Wirkung wird überschätzt. Die kommunikationswissenschaftliche Forschung kommt zu dem Ergebnis, dass die Personalisierungsmechanismen von Algorithmen bislang zu hoch bewertet wurden und pauschale Annahmen der Realität der Meinungsbildung nicht gerecht werden [2][3]. Die wirksamere Blase ist meist die soziale.

Wie verbreitet sind Anfeindungen in der Kommunalpolitik?

Nach einer Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2021 unter 1.641 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern waren 57 Prozent schon mindestens einmal betroffen, in größeren Städten 75 Prozent [4]. 68 Prozent haben ihr Verhalten geändert, 19 Prozent haben über einen Rückzug aus der Politik nachgedacht [5].

Bedeutet viel Gegenwind, dass man richtig liegt?

Nein. Gegenwind zeigt Sichtbarkeit, nicht Richtigkeit. Sachliche Kritik verdient eine Antwort in der Sache. Wer jede Kritik als Bestätigung deutet, verliert die Fähigkeit, sich zu korrigieren. Anfeindungen dagegen sind kein Beitrag zur Debatte und sollten dokumentiert und gemeldet werden.

Wo finden Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker Unterstützung?

Über das Portal Stark im Amt, das gemeinsam von kommunalen Spitzenverbänden und der Körber-Stiftung getragen wird. Es bündelt Informationen zu Prävention, rechtlichen Schritten und Ansprechpartnern für Betroffene von Hass und Gewalt [4][6].

Zum Schluss

Netzwerke sind Räume, die uns formen. Reflexion ist das, was uns zur eigenen Haltung zurückbringt. Und Gegenwind ist ein Hinweis auf Sichtbarkeit, mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Und du? Wann bist du zuletzt bewusst aus deiner Bubble herausgegangen, und was ist dabei passiert? Schreib es mir, ich lese jede Nachricht.

Quellen

  1. Rajkumar, K. et al.: A causal test of the strength of weak ties, Science, September 2022 — https://www.science.org/doi/10.1126/science.abl4476
  2. Stark, B., Magin, M., Jürgens, P.: Maßlos überschätzt. Ein Überblick über theoretische Annahmen und empirische Befunde zu Filterblasen und Echokammern, in: Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit, Springer VS, 2021 — https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-32133-8_17
  3. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Ausarbeitung WD 10 – 3000 – 007/22 zu Filterblasen und Informationsintermediären, 2022 — https://www.bundestag.de/resource/blob/898208/396d70db93fbc68bca40726b4d5308db/WD-10-007-22-pdf-data.pdf
  4. Körber-Stiftung: Gegen Hass und Gewalt, Kommunalpolitiker wappnen sich, Pressemitteilung zur forsa-Umfrage unter 1.641 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, April 2021 — https://koerber-stiftung.de/presse/mitteilungen/gegen-hass-und-gewalt-kommunalpolitiker-wappnen-sich/
  5. Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB): Gegen Hass und Gewalt, Kommunalpolitiker wappnen sich, April 2021 — https://www.dstgb.de/publikationen/pressemitteilungen/gegen-hass-und-gewalt-kommunalpolitiker-wappnen-sich/
  6. Körber-Stiftung: Repräsentative Umfrage über die Bedrohung von Kommunalpolitiker:innen, 2021 — https://koerber-stiftung.de/mediathek/repraesentative-umfrage-ueber-die-bedrohung-von-kommunalpolitikerinnen/

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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