Der einzige Stuhl

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Der Stuhl neben mir bleibt frei, wie meistens. Die Runde sitzt im Halbkreis, Kaffeebecher auf dem Tisch, Laptops aufgeklappt, draußen zieht Regen an den Fenstern herunter. Ich zähle die Gesichter und komme auf dasselbe Ergebnis wie beim letzten Mal. Es sind keine anderen geworden. Wer redet, wer nickt, wer fragt, das Bild hat sich seit Monaten nicht verschoben. Der leere Stuhl gehört niemandem, also gehört er mir, und das ist kein Trost.

Beteiligung kostet Zeit, und Zeit ist das, woran es zuerst fehlt. Wer am Tisch sitzen will, muss verfügbar sein, nicht einmal, sondern regelmäßig, zu Terminen, die selten nach Betreuungszeiten oder Schichtenden gelegt werden. Dazu kommt, was man mitbringen soll, Überblick, Sprache, Vernetzung, die Energie nach einem vollen Tag, noch einmal präsent zu sein. Das sind keine kleinen Hürden. Und gleichzeitig wächst der Katalog dessen, was außerdem noch erledigt werden soll, Sichtbarkeit nach außen, Erreichbarkeit, Gesundheitsroutinen, familiäre Verantwortung, Pflege. Das Gewicht dieser Kombination verteilt sich nicht gleichmäßig. Das ist das Problem.

Wenn Beteiligung an den falschen Stellen beginnt, also dort, wo bereits Ressourcen und Spielräume vorhanden sind, dann reproduziert sie genau das, was sie angeblich überwinden will. Wer kommt, hat Zeit gehabt zu kommen. Wer fehlt, hat sie nicht gehabt oder hat sie für etwas anderes gebraucht, für Kinder, für Eltern, für Arbeit, die kein Ende kennt, das sich verschieben lässt. Strukturen, die Beteiligung formal offenhalten, aber praktisch an Bedingungen knüpfen, die ungleich verteilt sind, erzeugen keine breitere Teilhabe, sie bestätigen die bestehende. Das Ergebnis ist nicht, dass manche nicht wollen. Das Ergebnis ist, dass manche nie gefragt wurden, weil sie schlicht nicht da waren, und dass niemand nachgefragt hat, warum. Eine Perspektive, die nicht im Raum ist, kann nicht eingebracht werden, egal wie offen das Verfahren auf dem Papier formuliert ist. Wer dauerhaft fehlt, wird dauerhaft nicht gehört. Das Muster sitzt nicht in den Menschen, es sitzt in den Voraussetzungen.

Ich bin oft die Einzige. Früher habe ich das als Zeichen gelesen, dass ich es geschafft habe, einen Platz zu bekommen, ich habe nicht gefragt, woher die Leerstelle links von mir kommt. Diese Frage stelle ich mir jetzt, und sie ist unbequemer als jede Antwort, die ich kenne. Die Person, die heute neben mir hätte sitzen können, ist nicht gegangen, sie ist nicht angekommen, weil der Tag zu voll war, weil der Kalender keine Lücke ließ, weil niemand die Vertretung organisiert hat. Meine Perspektive füllt den Raum, den sie hinterlässt. Ich trage das Formular nach Hause, auf Zeile sieben steht ein Feld für weitere Beteiligte, es ist leer. Der Stuhl bleibt frei.

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