Green Guide #10 – Die stille Katastrophe: Lebensmittelverschwendung in der Industrie

Wenn über Lebensmittelverschwendung gesprochen wird, geht es fast immer um Verbraucherinnen und Verbraucher: zu große Portionen, falsche Lagerung, das abgelaufene Joghurtglas. In dieser Folge von „vilaron voice” schauen wir dorthin, wo die Zahlen aufhören: in Produktion, Logistik und Struktur. Und dort liegt der eigentliche Skandal nicht in dem, was gemessen wird, sondern in dem, was gar nicht erst gezählt wird.

Grafik mit dem Titel „Die stille Katastrophe" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Lebensmittelverschwendung in Produktion und Lieferkette

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach einer Erhebung des Thünen-Instituts unter 460 Betrieben erreichen in Deutschland nur 64 Prozent der in der Primärproduktion erzeugten Lebensmittel über die vorgesehene Vermarktung tatsächlich die Verbraucherinnen und Verbraucher [1].
  • Die größten Verluste verzeichnen Erzeuger tierischer Produkte mit 30 Prozent, gefolgt von Getreide mit 24, Gemüse mit 22 und Obst mit 18 Prozent [1].
  • In der amtlichen Statistik erscheint die Primärproduktion dagegen nur mit 0,2 Millionen Tonnen oder rund 2 Prozent des Gesamtaufkommens [2].
  • Der Grund: Die Erhebungsmethode erfasst Verluste vor und während der Ernte oder Schlachtung nicht, weil diese rechtlich nicht als Lebensmittel gelten [3].
  • Lebensmittelverluste und -abfälle verursachen weltweit rund 8 bis 10 Prozent der Treibhausgasemissionen, etwa das Fünffache des gesamten Luftverkehrs [3].

Der entscheidende Punkt steht im Kleingedruckten der Statistik

Die offizielle Zahl, nach der 58 Prozent der Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten entstehen, ist korrekt und trotzdem irreführend, weil ein großer Teil der vorgelagerten Verluste per Definition nicht mitgezählt wird. Das Umweltbundesamt schreibt es selbst: Die zur Datenerhebung entwickelte Methodik setzt über alle Sektoren hinweg auf der Entsorgungsseite an und beruht auf den amtlichen Abfallstatistiken. Nicht erfasst sind dagegen Verluste vor und während der Ernte beziehungsweise Schlachtung, da sie rechtlich nicht als Lebensmittel definiert sind [3].

Auch der EU-Beschluss, der die Erhebung regelt, hält ausdrücklich fest, dass landwirtschaftliche Materialien nicht als Lebensmittelabfälle erfasst werden sollen und dass über das Abwasser entsorgte Lebensmittel nicht gemessen werden, weil dafür keine geeignete Methode existiert [4].

Deshalb erscheint die Primärproduktion in der amtlichen Statistik mit 0,2 Millionen Tonnen und rund zwei Prozent des Gesamtaufkommens [2]. Und deshalb steht in derselben Quelle der entscheidende Satz: Darüber hinaus gibt es in der Primärproduktion weitere Stoffströme, die der Lebensmittelversorgungskette entzogen werden und nicht über die amtliche Abfallstatistik erfasst werden [2].

Ich muss an dieser Stelle etwas korrigieren, das ich früher selbst so gesagt habe. Die Behauptung, rund 60 Prozent aller Lebensmittelabfälle entstünden in Landwirtschaft, Verarbeitung und Großhandel, lässt sich mit den offiziellen Zahlen nicht belegen. Dort sind es zusammen rund ein Viertel. Das Problem ist nicht, dass die Zahl zu niedrig wäre. Das Problem ist, dass sie einen Teil der Wirklichkeit gar nicht abbildet.

Was tatsächlich auf dem Feld bleibt

Die aussagekräftigste Zahl zur Primärproduktion stammt nicht aus der Abfallstatistik, sondern aus einer Befragung der Betriebe selbst. Das Thünen-Institut hat im Rahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ab Dezember 2021 Daten von insgesamt 460 Betrieben aus Landwirtschaft und Fischwirtschaft erhoben [1].

Das Ergebnis: In Deutschland finden lediglich 64 Prozent der in der Primärproduktion erzeugten Lebensmittel über die vorgesehene Vermarktung den Weg zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Die Schwankung zwischen den Branchen ist gering, sie liegt zwischen 61 und 68 Prozent. Die größten Verluste verzeichnen die Erzeuger tierischer Produkte mit 30 Prozent, gefolgt vom Getreideanbau mit 24, dem Gemüsebau mit 22 und dem Obstanbau mit 18 Prozent [1].

Im Gemüsebau fallen besonders viele Verluste an, weil der Handel hohe Ansprüche an Aussehen und Größe des Erntegutes stellt [1]. Das ist der Normenwahn, über den in der Folge gesprochen wird, nur eben mit Zahl statt mit Anekdote.

Für den Verarbeitungssektor nennt die Baseline-Studie des Thünen-Instituts für 2015 einen Anteil von 18 Prozent oder 2,17 Millionen Tonnen [5]. Wichtig zur Einordnung: Diese Studie beruht auf einer anderen Methodik als die heutige Erhebung, ein direkter Vergleich ist nicht möglich [6].

Warum wir das nicht sehen

Der Ort des Geschehens ist für Verbraucherinnen und Verbraucher schlicht nicht zugänglich: Lagerhallen, Produktionslinien, Zwischenlager. Was dort aussortiert wird, taucht in keiner Kassenbon-Statistik auf.

Dazu kommt die Definitionsfrage von oben. Wenn Verluste vor der Ernte rechtlich keine Lebensmittelabfälle sind, dann existieren sie in der Berichterstattung nicht. Das ist kein Vorwurf an die Statistik, sondern eine Folge der EU-Vorgaben [3][4]. Aber es hat eine politische Wirkung: Die Verantwortung wandert an das Ende der Kette, dorthin, wo sie am einfachsten zu benennen ist.

Auch die Datenlage selbst ist ungleich. Das Thünen-Institut hält fest, dass Unsicherheiten vor allem in den Bereichen Primärproduktion, Verarbeitung sowie Groß- und Einzelhandel bestanden [6]. Genau dort, wo die Strukturen liegen.

Was daran hängt

Jedes vernichtete Lebensmittel bedeutet auch verlorene Fläche, Energie, Arbeitszeit und Wasser. Lebensmittelverluste und -abfälle verursachen weltweit etwa 8 bis 10 Prozent der Treibhausgasemissionen, ungefähr das Fünffache dessen, was der gesamte Luftverkehr verursacht [3].

Wie groß die Unterschiede zwischen Produkten sind, zeigt eine Einordnung der Verbraucherzentrale: Die Erzeugung eines Kilogramms Rindfleisch verursacht durchschnittlich rund 14 Kilogramm CO2, ein Kilogramm Bohnen etwa 0,8 Kilogramm [7]. Wird ein tierisches Produkt vernichtet, geht also ungleich mehr verloren als bei pflanzlichen. Und ausgerechnet bei tierischen Erzeugnissen sind die Verluste in der Primärproduktion mit 30 Prozent am höchsten [1].

Was sich ändern muss

Seit Oktober 2025 gibt es erstmals verbindliche europäische Reduktionsziele, und die Umsetzung entscheidet darüber, ob die Industrie einbezogen wird. Die überarbeitete EU-Abfallrahmenrichtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis Ende 2030 die Lebensmittelabfälle in Verarbeitung und Herstellung um 10 Prozent und in Handel, Gastronomie und Haushalten um 30 Prozent pro Kopf zu senken. Die Umsetzung in nationales Recht muss bis Juni 2027 erfolgen [8].

Genau hier liegt der Hebel, und genau hier liegt auch die Schwäche: Der Agrarsektor wurde von den verbindlichen Zielen ausgenommen [9]. Wenn aber 36 Prozent der Erzeugung die Verbraucherinnen und Verbraucher nie erreichen [1], dann ist das die Stelle, an der die größten Mengen liegen.

Meine Forderungen dazu sind konkret: Erstens eine Berichtspflicht, die vorgelagerte Verluste erfasst, auch wenn sie rechtlich keine Lebensmittelabfälle sind. Zweitens Handelsnormen, die Aussehen und Größe nicht über Genießbarkeit stellen. Drittens verbindliche Abnahmevereinbarungen, damit Erzeuger nicht auf Ware sitzen bleiben.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Krummes Gemüse kaufen, wo es angeboten wirdEin EinkaufHandelsnormen sind ein Hauptgrund für Verluste im Gemüsebau [1]
Bei Lieferanten oder im Betrieb nach Aussortierquoten fragenEine FrageOhne Nachfrage entsteht keine Transparenz
Tierische Produkte bewusster einplanenEine EntscheidungHier sind sowohl Verluste als auch Klimawirkung am höchsten [1][7]
Bei Foodsharing, Tafel oder Rettungsinitiativen mitmachenEin Nachmittag im MonatWeitergabe wird durch die neue Richtlinie ausdrücklich gefördert [8]
Politisch nach der Umsetzung der EU-Richtlinie fragenEine AnfrageBis Juni 2027 wird entschieden, wie streng sie ausfällt [8]
Über die Messlücke sprechenEin GesprächWas nicht gezählt wird, wird nicht reduziert [3]

Häufige Fragen

Entsteht der meiste Lebensmittelabfall wirklich in Privathaushalten?

In der amtlichen Statistik ja. Sie erfasst allerdings Verluste vor und während der Ernte oder Schlachtung nicht, weil diese rechtlich nicht als Lebensmittel gelten [3]. Auch landwirtschaftliche Materialien und über das Abwasser entsorgte Lebensmittel bleiben außen vor [4].

Wie viel bleibt in der Landwirtschaft tatsächlich liegen?

Nach einer Befragung von 460 Betrieben durch das Thünen-Institut erreichen nur 64 Prozent der in der Primärproduktion erzeugten Lebensmittel über die vorgesehene Vermarktung die Verbraucherinnen und Verbraucher. Bei tierischen Erzeugnissen liegen die Verluste bei 30 Prozent, im Getreideanbau bei 24, im Gemüsebau bei 22 und im Obstanbau bei 18 Prozent [1].

Warum wird im Gemüsebau so viel aussortiert?

Weil der Handel hohe Ansprüche an Aussehen und Größe des Erntegutes stellt [1]. Das ist keine Frage der Genießbarkeit, sondern der Vermarktbarkeit.

Was ändert sich durch die EU-Richtlinie?

Bis Ende 2030 müssen die Lebensmittelabfälle in Verarbeitung und Herstellung um 10 Prozent und in Handel, Gastronomie und Haushalten um 30 Prozent pro Kopf sinken. Die Umsetzung in nationales Recht muss bis Juni 2027 erfolgen [8]. Der Agrarsektor wurde von den verbindlichen Zielen ausgenommen [9].

Wie stark belastet Lebensmittelverschwendung das Klima?

Lebensmittelverluste und -abfälle verursachen weltweit rund 8 bis 10 Prozent der Treibhausgasemissionen, etwa das Fünffache des gesamten Luftverkehrs [3].

Nicht ohnmächtig, aber unbequem

Industrielle Lebensmittelverschwendung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Normen, Verträgen und Berichtspflichten, und alle drei lassen sich ändern.

Was mich an der Recherche zu dieser Folge am meisten überrascht hat, ist nicht die Menge. Es ist die Messlücke. Denn was nicht gezählt wird, taucht in keinem Reduktionsziel auf.

Und du? Wo in deinem Berufsalltag siehst du Lebensmittel verschwinden, über die niemand spricht? Schreib es mir, ich sammle diese Beispiele.

👉 Die ganze Folge „Green Guide #10″ gibt es überall, wo es Podcasts gibt:

Quellen

  1. Praxis-Agrar (Bundesinformationszentrum Landwirtschaft) zur Studie des Thünen-Instituts: Lebensmittelverluste in der Landwirtschaft mindern, Befragung von 460 Betrieben — https://www.praxis-agrar.de/betrieb/betriebsfuehrung/wie-koennen-lebensmittelabfaelle-und-verluste-in-der-primaerproduktion-reduziert-werden
  2. Zu gut für die Tonne, Initiative des Bundesministeriums: Dialogforum Primärproduktion, Anteil der Primärproduktion und nicht erfasste Stoffströme — https://www.zugutfuerdietonne.de/strategie/dialogforen/primaerproduktion
  3. Umweltbundesamt: Lebensmittelabfälle, Methodik der Datenerhebung und Klimawirkung — https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/abfallvermeidung/lebensmittelabfaelle
  4. Thünen-Institut: Lebensmittelabfälle und -verluste in der Primärproduktion und in der Verarbeitung, Thünen Working Paper 209, 2023 — https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn066143.pdf
  5. Thünen-Institut, Working Paper 209, Angaben zum Anteil des Verarbeitungssektors nach der Baseline-Studie 2015 — https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn066143.pdf
  6. Thünen-Institut: Wie Lebensmittelverschwendung entstehen kann, Hinweise zu Datenunsicherheiten und Methodenwechsel — https://www.thuenen.de/de/themenfelder/welternaehrung-und-globale-ressourcen/weniger-ist-mehr-lebensmittelverluste-und-abfaelle-reduzieren/wie-lebensmittelverschwendung-entstehen-kann
  7. Verbraucherzentrale: Klimaschutz beim Essen und Einkaufen — https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/klimaschutz-beim-essen-und-einkaufen-13924
  8. Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR): Lebensmittelabfälle, erstmals verbindliche Reduktionsziele festgelegt, zur Richtlinie (EU) 2025/1892 — https://www.fnr.de/presse/pressemitteilungen/aktuelle-mitteilungen/aktuelle-nachricht/lebensmittelabfaelle-erstmals-verbindliche-reduktionsziele-festgelegt
  9. euronews: Werden neue rechtsverbindliche Ziele den Kampf gegen die Verschwendung voranbringen, zur Ausnahme des Agrarsektors — https://de.euronews.com/my-europe/2025/03/12/werden-neue-rechtsverbindliche-ziele-den-kampf-gegen-die-verschwendung-voranbringen

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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