Echte Verbindungen entstehen nicht durch das Sammeln von Namen, sondern durch bewusste Entscheidungen.
Ich erinnere mich noch gut an eine Networking-Veranstaltung vor ein paar Jahren hier in Essen. Große Runde, viel Betrieb, überall flogen Visitenkarten durch den Raum. Ich bin nach Hause gegangen mit einem dicken Stapel Papier und dem Gefühl, einen produktiven Abend gehabt zu haben. Dann lag der Stapel auf meinem Schreibtisch. Einen Monat, zwei Monate und irgendwann landete er im Altpapier, weil ich mit den meisten dieser Menschen nie wieder gesprochen hatte.
Ich glaube, diese Erfahrung kennst du auch.
Das Missverständnis: Kontakte und Netzwerk sind nicht dasselbe
Viele Menschen setzen Netzwerken mit dem Sammeln von Kontakten gleich. Sie tauschen LinkedIn-Profile aus, schicken eine Verbindungsanfrage, und das war es dann. Die Verbindung liegt da wie eine ungeöffnete Nachricht im Postfach, ohne dass je eine echte Beziehung entstanden ist. Solche Kontakte bleiben ungenutzt. Sie bieten langfristig keinen Mehrwert, weder für dich noch für die andere Person.
Das ist kein Vorwurf, das ist eine Beobachtung. Wir alle haben es so gelernt. Mehr Kontakte gleich stärkeres Netzwerk. Aber das stimmt nicht. Ein Adressbuch mit tausend Einträgen, in dem niemand weiß, wer du wirklich bist und was du tust, ist kein Netzwerk. Es ist eine Datenbank.
Was echtes Networking ausmacht
In meinem Buch Strategisches Netzwerken beschreibe ich in Kapitel 2.1, was Netzwerken wirklich bedeutet: nicht möglichst viele Menschen kennen, sondern die richtigen Beziehungen pflegen. Das klingt simpel, aber es verändert alles, wenn du es wirklich verinnerlichst. Es bedeutet, dass du aufhörst, Kontakte zu jagen, und anfängst, Beziehungen zu gestalten.
Ein starkes Netzwerk basiert auf drei Dingen: Vertrauen, Wertschätzung und gegenseitiger Unterstützung. Alle drei brauchen Zeit, alle drei brauchen Aufmerksamkeit und alle drei entstehen nur, wenn du echtes Interesse an der anderen Person mitbringst, nicht nur Interesse an dem, was sie dir nützen könnte.
Vertrauen wächst nicht beim ersten Kaffee
Vertrauen ist das Fundament jeder tragfähigen Beziehung, auch im beruflichen Kontext. Es entsteht nicht durch einen einzigen guten Eindruck. Es wächst durch Verlässlichkeit, durch Ehrlichkeit, durch das Halten von Versprechen. Wer sagt, er meldet sich, und es dann nicht tut, hat schon verloren, bevor die Beziehung begonnen hat.
Das bedeutet konkret: Lieber wenige Kontakte wirklich pflegen, als viele halbherzig bedienen. Wenn du nach einem Gespräch sagst, du schickst einen Link, dann schick ihn. Noch heute, nicht irgendwann. Solche kleinen Gesten summieren sich zu echtem Vertrauen, und echtes Vertrauen ist das, was ein Netzwerk trägt, wenn es darauf ankommt.
Wertschätzung zeigt sich im Alltag, nicht auf Events
Ich beobachte immer wieder, dass Menschen ihr Netzwerk nur dann aktivieren, wenn sie etwas brauchen. Ein Job wackelt, ein Projekt stockt, eine Empfehlung fehlt. Und plötzlich tauchen Nachrichten auf von Leuten, von denen man monatelang nichts gehört hat. Das fühlt sich seltsam an, das weißt du selbst.
Wertschätzung bedeutet, präsent zu sein, auch wenn du gerade nichts brauchst. Einen Artikel teilen, der jemanden interessieren könnte. Eine kurze Nachricht schicken, weil du an jemanden gedacht hast. Jemandem zu einem Erfolg gratulieren, den du auf LinkedIn gesehen hast. Das kostet fünf Minuten und bleibt in Erinnerung. Es zeigt, dass die Person für dich mehr ist als ein Eintrag in einer Liste.
Gegenseitige Unterstützung heißt auch: geben, bevor du nimmst
Das Prinzip, das hinter einem starken Netzwerk steht, ist im Kern ein einfaches: Du gibst, ohne sofort eine Gegenleistung zu erwarten. Du bringst jemanden mit einer anderen Person zusammen, weil du siehst, dass es passt. Du teilst Wissen, das jemandem helfen könnte. Du empfiehlst jemanden weiter, weil du von seiner Arbeit überzeugt bist.
Nicht weil du etwas dafür bekommst, sondern weil ein Netzwerk, in dem alle nur nehmen, sich selbst zerstört. Langfristig kommen die Dinge zurück, die du gibst. Nicht immer von der gleichen Person, nicht immer in der gleichen Form. Aber ein Netzwerk, das auf gegenseitiger Unterstützung aufgebaut ist, trägt dich auch dann, wenn du es selbst nicht erwartest.
Netzwerken ist kein Zufall, sondern eine Entscheidung
Das ist vielleicht der wichtigste Satz aus diesem Kapitel: Netzwerke haben nichts mit Zufall zu tun. Sie sind eine bewusste Entscheidung. Du entscheidest, welche Beziehungen du aufbauen willst. Du entscheidest, wie viel Energie du in welche Verbindungen investierst. Du entscheidest, welche Werte dein Netzwerk prägen sollen.
Das nimmt dir die Ausrede, dass es nie geklappt hat, weil du einfach die falschen Menschen getroffen hast. Es gibt keine falschen Menschen, es gibt nur Verbindungen, in die du nicht investiert hast. Und es gibt Verbindungen, die du bewusst nicht weiter verfolgen musst, weil sie nicht zu dir passen. Auch das ist eine legitime Entscheidung.
Weniger ist mehr, aber es braucht Mut
Qualität statt Quantität klingt gut, aber es bedeutet auch, loszulassen. Es bedeutet, nicht jedem Event nachzulaufen, nicht jede Verbindungsanfrage anzunehmen, nicht jeden Kontakt um jeden Preis zu halten. Das fühlt sich zunächst falsch an, weil wir gelernt haben, dass mehr immer besser ist.
Ich habe für mich selbst entschieden, lieber wenige Beziehungen tief zu gestalten als viele flach zu halten. Das spüre ich in meiner Arbeit für Volt Essen, in der vilaron Stiftung, bei Mach mit! Essen. Überall da, wo ich etwas bewegen will, brauche ich Menschen, die wirklich dabei sind, nicht solche, die mich vage kennen.
Wo du anfangen kannst
Du musst nicht dein gesamtes Netzwerk neu aufbauen. Fang klein an. Schau dir an, welche zehn Beziehungen dir gerade wirklich wichtig sind, beruflich oder privat. Wann hast du dich zuletzt bei diesen Menschen gemeldet, ohne einen Anlass zu brauchen? Wenn die Antwort länger als drei Monate ist, ist heute ein guter Tag, um das zu ändern.
Und dann schau, welche neuen Verbindungen du dir wünscht. Nicht irgendwie, sondern konkret. Wer könnte dich inspirieren, herausfordern, unterstützen? Wem könntest du etwas zurückgeben? Wenn du das weißt, weißt du auch, wo du als nächstes auftauchen solltest, auf welchem Event, in welcher Community, in welchem Gespräch.
Netzwerken ist kein Zufallsprodukt. Es ist Handwerk. Und wie jedes Handwerk kann man es lernen.
Jetzt bin ich neugierig auf dich: Welche Verbindung in deinem Netzwerk hat dich in letzter Zeit wirklich überrascht, und was hat sie so besonders gemacht?
Quellen und Links
- Der Network Navigator, Kapitel 2.1: Strategisch Netzwerken
- Volt Essen
- vilaron Stiftung
- Mach mit! Essen gUG
Stadtraetin fuer Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead fuer Partnership & Kommunikation, Volt Team Essen
Geschaeftsfuehrerin bei Die Life & Food Farm
Founder und Vorstaendin der vilaron Stiftung
Founder und Vorstaendin vom BPW eClub
Founder und GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und fuehre nachhaltige Strukturen fuer gesunde Ernaehrung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.