Intuitives Essen – mehr als ein Ernährungstrend im Gespräch mit Karin Ockert-Höfler

Es gibt Gespräche, die länger im Kopf bleiben. Die Folge mit Karin Ockert-Höfler war so eines. Eigentlich wollte ich ein klassisches Interview führen, Fragen stellen, einen Weg nachzeichnen. Nach wenigen Minuten war klar, dass es tiefer geht. Karin ist Antidiät-Coach und zertifizierte Beraterin für intuitives Essen, und sie hat diesen Weg mit über 60 Jahren neu begonnen. Beides habe ich danach nachrecherchiert, und beides ist interessanter, als ich dachte.

Grafik mit dem Titel „Über intuitives Essen und warum ein Neuanfang kein Alter kennt" zum Podcastbeitrag von Mandy Hindenburg mit Karin Ockert-Höfler

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen in Deutschland stieg innerhalb von zehn Jahren von 53 Prozent im Jahr 2015 auf 68 Prozent im Jahr 2025, so stark wie in keiner anderen Altersgruppe [1].
  • Bei den 65- bis 69-Jährigen wuchs der Anteil im selben Zeitraum von 14 auf 23 Prozent [1].
  • Frauen sind dabei weiterhin seltener erwerbstätig: 2025 waren es bei den 60- bis 64-Jährigen 63 Prozent gegenüber 72 Prozent bei den Männern [1].
  • Deutschland hat die älteste Arbeitsbevölkerung der EU: 24 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren sind 55 Jahre oder älter [2].
  • Für intuitives Essen zeigen Auswertungen mehrerer Studien Zusammenhänge mit besserer psychischer Gesundheit, positiverem Körperbild und weniger gestörtem Essverhalten [3][4].

Ein Neuanfang mit über 60 ist keine Ausnahme mehr

Was viele als mutigen Einzelfall lesen, ist längst ein statistischer Trend, nur dass darüber selten jemand spricht. Die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen ist in Deutschland innerhalb von zehn Jahren von 53 auf 68 Prozent gestiegen, stärker als in jeder anderen Altersgruppe. Auch jenseits des Renteneintrittsalters hat sich der Anteil erhöht, bei den 65- bis 69-Jährigen von 14 auf 23 Prozent [1].

Deutschland hat inzwischen die älteste Arbeitsbevölkerung der EU. Knapp ein Viertel aller Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren ist zwischen 55 und 64 Jahre alt, EU-weit sind es rund ein Fünftel [2].

Und trotzdem gilt weiter: Frauen sind in dieser Lebensphase seltener erwerbstätig als Männer, 63 gegenüber 72 Prozent bei den 60- bis 64-Jährigen [1]. Wenn eine Frau mit über 60 nicht nur weiterarbeitet, sondern etwas Neues anfängt, ist das also durchaus bemerkenswert. Nur eben nicht, weil es unmöglich wäre.

Karin selbst spricht nicht von Mut, sondern von einem inneren „Es ist jetzt Zeit”. Ich finde das ehrlicher. Mut ist ein Etikett, das man von außen aufklebt.

Was intuitives Essen eigentlich ist

Intuitives Essen ist kein Ernährungsplan, sondern der Versuch, die Steuerung wieder an den Körper zurückzugeben. Die Grundgedanken sind schnell erzählt: Es gibt keine Einschränkungen für die Art der Lebensmittel. Gegessen wird, wenn Hunger auftritt, und beendet, wenn Sättigung eintritt. Auswahl und Menge sollen körperliche, psychische und sensorische Bedürfnisse berücksichtigen. Voraussetzung ist Achtsamkeit für die eigenen Signale, um Hunger, Sättigung und Appetit überhaupt unterscheiden zu können [4].

Der Gegenentwurf dazu sind Diäten mit genauen Vorschriften. Die dabei auferlegten Einschränkungen führen über hormonelle Gegenregulation und über psychische Belastung meist nicht zu dauerhaftem Erfolg [4].

Genau das hat Karin im Gespräch anders formuliert, und es ist mir hängengeblieben: Hunger ist kein Defizit, sondern ein Signal. Wer ihn systematisch überhört, verlernt, ihn zu lesen.

Was die Forschung zeigt, und was nicht

Die konsistentesten Befunde zum intuitiven Essen betreffen die Psyche, nicht die Waage, und das ist ein wichtiger Unterschied. In einer Metaanalyse britischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die 26 Veröffentlichungen ausgewertet hat, zeigten sich positive Zusammenhänge mit verschiedenen psychologischen Gesundheitsindikatoren [4]. Auswertungen mehrerer Studien beschreiben bei intuitiv essenden Menschen geringere Werte bei gestörtem Essverhalten und gestörtem Körperbild sowie ein besseres Körperempfinden, mehr Selbstachtung und höheres Wohlbefinden [3].

Und jetzt die Einschränkung, die dazugehört: Ein großer Teil dieser Befunde stammt aus Beobachtungsstudien. Daraus lässt sich nicht ableiten, ob intuitives Essen die Ursache dieser besseren Werte ist oder ihre Folge. Es könnte auch sein, dass Menschen, denen es ohnehin besser geht, eher intuitiv essen [3]. Die Forschung zum Thema steht vergleichsweise am Anfang [3].

Zum Gewicht ist die Lage uneinheitlich. Einzelne Auswertungen berichten von Effekten, andere finden keine Veränderung des Körpergewichts. Ich führe das hier bewusst nicht als Argument an, weil Gewichtsabnahme im intuitiven Essen ausdrücklich nicht das Ziel ist. Wer es als Diät mit anderem Namen benutzt, hat den Ansatz missverstanden.

Für die deutsche Forschung gibt es übrigens ein anerkanntes Messinstrument: Die Intuitive Eating Scale-2 liegt in einer autorisierten deutschen Fassung vor, validiert unter anderem gegen Kennwerte für körperliche und psychische Gesundheit sowie Selbstwirksamkeit [5].

Warum mich dieses Gespräch verändert hat

Ich komme selbst aus der Ernährungsberatung und war trotzdem überrascht, wie sehr dieses Gespräch ein Perspektivwechsel war. Karin schafft es, über Essverhalten zu sprechen, ohne zu bewerten. Sie zeigt, wie eng unser Verhältnis zu Nahrung mit dem Selbstbild verknüpft ist.

Für mich war die Folge ein Innehalten. Ein Nachdenken über meine eigenen Routinen und über meine Vorstellungen von richtig und falsch. Und ein Anstoß, Selbstfürsorge ernster zu nehmen, ohne daraus ein weiteres Optimierungsprojekt zu machen.

Was mich außerdem berührt hat, ist Karins selbstverständlicher Umgang mit dem BPW eClub. Für sie ist Netzwerken kein Marketinginstrument, sondern gelebte Unterstützung, ein Raum für Begegnung und Wachstum. Nach allem, was ich über Netzwerke geschrieben habe, ist das die schönste Bestätigung.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Vor dem Essen kurz prüfen, ob du Hunger hast oder etwas anderesEin MomentHunger und Appetit unterscheiden zu können ist die Grundlage [4]
Ein Lebensmittel wieder erlauben, das du dir verboten hastEine EntscheidungEinschränkungen erzeugen meist Gegenregulation [4]
Während des Essens einmal bewusst innehaltenZwei MinutenSättigung wird oft überhaupt nicht wahrgenommen
Keinen Erfolg an der Waage messenEine HaltungGewicht ist beim intuitiven Essen ausdrücklich nicht das Ziel
Bei belastendem Essverhalten Fachberatung suchenEin AnrufManche Muster brauchen mehr als Achtsamkeit
Eine berufliche Idee nicht am Alter scheitern lassenEin GesprächDie Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen liegt bei 68 Prozent [1]

Häufige Fragen

Was ist intuitives Essen?

Ein Ansatz ohne Verbote und Vorschriften. Gegessen wird bei Hunger, aufgehört bei Sättigung, Auswahl und Menge sollen körperliche, psychische und sensorische Bedürfnisse berücksichtigen. Voraussetzung ist die Fähigkeit, Hunger, Sättigung und Appetit zu unterscheiden [4].

Ist intuitives Essen wissenschaftlich belegt?

Teilweise. Eine Metaanalyse von 26 Veröffentlichungen zeigt positive Zusammenhänge mit psychologischen Gesundheitsindikatoren [4], weitere Auswertungen berichten von besserem Körperbild und weniger gestörtem Essverhalten [3]. Vieles stammt aber aus Beobachtungsstudien, die Ursache und Wirkung nicht trennen können [3].

Nimmt man mit intuitivem Essen ab?

Das ist nicht das Ziel, und die Studienlage dazu ist uneinheitlich. Manche Auswertungen berichten Effekte, andere finden keine Veränderung des Körpergewichts. Wer den Ansatz als Diät mit anderem Namen nutzt, arbeitet gegen seine eigene Logik.

Ist ein beruflicher Neustart mit über 60 realistisch?

Deutlich realistischer als früher. Die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen stieg von 53 Prozent im Jahr 2015 auf 68 Prozent im Jahr 2025, bei den 65- bis 69-Jährigen von 14 auf 23 Prozent [1]. Deutschland hat inzwischen die älteste Arbeitsbevölkerung der EU [2].

Arbeiten Frauen in dieser Altersgruppe genauso häufig wie Männer?

Nein. 2025 waren 63 Prozent der 60- bis 64-jährigen Frauen erwerbstätig, gegenüber 72 Prozent der Männer. Bei den 65- bis 69-Jährigen sind es 20 gegenüber 26 Prozent [1].

Zum Schluss

Karin zeigt, dass Wandel in jedem Lebensabschnitt möglich ist. Und sie erinnert daran, dass unser Körper kein Gegner ist, sondern ein System, das uns ein Leben lang begleitet, wenn wir ihm wieder zuhören.

Und du? Was würdest du anfangen, wenn das Alter kein Argument wäre? Schreib es mir.

👉 Die Folge mit Karin Ockert-Höfler gibt es überall, wo es Podcasts gibt:

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag gibt allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche oder ernährungstherapeutische Beratung. Wenn dein Verhältnis zum Essen dich belastet, wenn Essen mit Angst, Kontrolle oder Scham verbunden ist, ist das ein guter Grund, professionelle Unterstützung zu suchen. Anlaufstellen vermittelt unter anderem die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt: Erwerbstätigkeit älterer Menschen, Entwicklung der Erwerbsbeteiligung 2015 bis 2025, Mai 2026 — https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aeltere-Menschen/erwerbstaetigkeit.html
  2. Statistisches Bundesamt: Fast ein Viertel der Erwerbstätigen in Deutschland ist zwischen 55 und 64 Jahre alt, Pressemitteilung Februar 2026 — https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_N009_13.html
  3. VerumVita: Intuitives Essen, Überblick über die Studienlage und ihre Grenzen, mit Verweis auf die Metaanalyse von März 2021 — https://verumvita.de/intuitives-essen/
  4. UGB-Gesundheitsberatung: Intuitive Ernährung, Essen nach dem Bauchgefühl, mit Darstellung der Prinzipien und der Metaanalyse von 26 Veröffentlichungen — https://www.ugb.de/ugb-medien/einzelhefte/vitamine-kleine-dosis-grosse-wirkung/intuitive-ernaehrung-essen-nach-dem-bauchgefuehl/
  5. Universität Potsdam, Beratungspsychologie: Intuitive Eating Scale-2, autorisierte deutsche Version und psychometrische Kennwerte — https://www.uni-potsdam.de/de/beratungspsychologie/forschung/psychologische-messinstrumente/intuitive-eating-scale
  6. Statistisches Bundesamt: Ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt im EU-Vergleich — https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Arbeitsmarkt/Arbeiten_Rente.html

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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