Politik: Was ich nach Monaten im Rat wirklich gelernt habe

Kommunalpolitik von innen, ehrlich betrachtet: Über historisches Wissen, Respektlosigkeit im Ratssaal und die stille Frage, warum Gründlichkeit immer noch weiblich klingt.

Es ist Sommerpause, und eigentlich könnte ich durchatmen. Stattdessen sitze ich hier und bereite mich vor. Nicht weil ich muss, sondern weil ich gemerkt habe, dass mich das Nicht-Vorbereitsein in den letzten Monaten immer wieder ins Schwanken gebracht hat und darüber möchte ich heute mit dir sprechen, offen und ohne Schönfärberei.

Frischer Wind ist schön, historisches Wissen ist Gold

Es klingt erstmal verlockend: neu im Gremium, unverbraucht, keine alten Loyalitäten, keine eingefahrenen Muster. Ich dachte lange, das sei ein klarer Vorteil. Und in gewisser Hinsicht stimmt das auch. Aber in den letzten Wochen und Monaten habe ich etwas gemerkt, das mich nachdenklich gemacht hat. Historisches Wissen ist wertvoll. Richtig wertvoll.

Bei uns im Gremium ist es so, dass alle zum ersten Mal dabei sind. Niemand bringt ein gewachsenes institutionelles Gedächtnis mit, niemand kennt die Vorgeschichte eines Beschlusses aus eigenem Erleben. Das bedeutet: Wir haben keinen Zugang zu einem historischen Back-up. Ich habe lange gebraucht, um zuzugeben, wie sehr mich das verunsichert hat. Nicht weil ich die Themen nicht ernst nehme, sondern weil Kontext einfach zählt. Politik ohne Kontext ist wie Kochen ohne Rezept und ohne zu wissen, für wen du kochst.

Im Ratssaal herrscht manchmal Krieg

Es gibt etwas, das ich in den letzten Sitzungen beobachtet habe und das ich nicht unerwähnt lassen will. Bei der letzten Ratssitzung war es besonders deutlich, krasser geht es kaum. Eine neue Ratsfrau, zum allerersten Mal in diesem Gremium, wurde von jemandem, der seit vielen Jahren dabei ist, vor laufender Kamera runtergemacht. Öffentlich, sichtbar, ohne Hemmung.

Ob langjährige Erfahrung im Rat grundsätzlich gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten. Aber eines ist für mich klar: Es ist schlicht respektlos, jemanden zu demontieren, weil er oder sie neu ist und angeblich noch nicht tief genug in einem Thema steckt. Neue Ratsmenschen müssen die Möglichkeit haben, ihre Gedanken zu teilen, ohne dafür beleidigt zu werden. Das ist kein Luxus, das ist eine Grundbedingung für funktionierende demokratische Gremienarbeit und diese Bedingung war dort nicht erfüllt.

Das Ratsinformationssystem ist kein Freund von mir

Ein großer Teil meiner Unsicherheit in den letzten Monaten hatte einen sehr konkreten Grund: das Ratsinformationssystem der Stadt Essen. Ich finde es wirklich schlecht zum Informieren. Es ist undurchsichtig, nicht selbsterklärend, und es frisst Zeit auf eine Art, die ich mir am Anfang nicht vorstellen konnte. Ich habe darin sehr viel Zeit verloren, ohne wirklich weiterzukommen.

Also habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich schaffe mir selbst eine Ordnungsstruktur. Nicht weil die Verwaltung das von mir verlangt, sondern weil ich diese Sicherheit brauche, um gut arbeiten zu können. Eine Struktur, in der ich schnell finde, was ich suche, in der ich Zusammenhänge sehe und in der ich nicht bei jeder Sitzung von vorne anfange.

Und dann ist da noch diese Frage, die mich beschäftigt

Ich habe mich dabei ertappt, wie ich über mein eigenes Verhalten nachgedacht habe. Warum brauche ich diese Struktur eigentlich so dringend? Warum kann ich nicht einfach reingehen, mein Ding machen und nach mir kommt, was kommt? Ich kenne dieses Auftreten, ich sehe es und manchmal beneide ich es sogar.

Denn ich funktioniere anders. Ich muss es wissen, ich muss recherchieren, eintauchen und verstehen. Erst dann habe ich eine Meinung und zu vielen Themen, die im Rat auftauchen, habe ich ehrlich gesagt noch gar keine Meinung, weil sie vorher schlicht nicht auf meiner Agenda lagen. Ich finde das vollkommen legitim, wenn ich nichts zu sagen habe, muss ich nichts sagen. Schweigen ist keine Schwäche, es ist Ehrlichkeit.

Aber dann merke ich, wie das in einem Umfeld läuft, das auf Sichtbarkeit und Lautstärke setzt. Und ich frage mich: Ist dieses gründliche Vorgehen wirklich typisch weiblich? Oder haben wir nur gelernt, es so zu nennen? Das Machen ohne Absicherung wird oft mit Stärke gleichgesetzt. Das Prüfen vor dem Sprechen wird als Zögerlichkeit gelesen. Das ist eine Rahmung, die ich ablehne, aber die im Raum trotzdem vorhanden ist.

Was ich daraus mitnehme, für mich und vielleicht für dich

Ich werde weiter recherchieren. Ich werde weiter eintauchen und verstehen wollen, bevor ich rede. Und ich werde mir die Struktur schaffen, die ich brauche, weil sie mir hilft, besser zu arbeiten und nicht, weil ich mich schäme, sie zu brauchen. Das ist mein Weg, und ich stehe dazu.

Was den Respekt im Ratssaal betrifft: Ich werde genau hinschauen, wie sich das entwickelt. Von echter Fairness geprägt ist der Betrieb im Moment nicht. Aber ich bin noch dabei, und das zählt. Volt Essen und unsere Ratsgruppe sind angetreten, um etwas zu verändern, und das passiert nicht in der ersten Sitzung und nicht ohne Reibung.

Es ist eine Geschichte, bei der jede und jeder für sich herausfinden muss, wie man damit umgeht. Ich schaue, wie sich das weiterentwickelt.

Und jetzt bin ich neugierig auf dich: Wie gehst du mit Gremien oder Strukturen um, in denen du neu bist und keine historische Verankerung hast? Schreibst du mir das in die Kommentare?

Quellen und Links

Über Mandy

Stadtraetin fuer Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead fuer Partnership & Kommunikation, Volt Team Essen
Geschaeftsfuehrerin bei Die Life & Food Farm
Founder und Vorstaendin der vilaron Stiftung
Founder und Vorstaendin vom BPW eClub
Founder und GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und fuehre nachhaltige Strukturen fuer gesunde Ernaehrung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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