Sichtbar bleiben: Warum feministische Netzwerke unser Bollwerk gegen den Backlash sind

Der Podcast „Das Politikteil” von ZEIT ONLINE mit der Journalistin und Autorin Susanne Kaiser war für mich kein beliebiger Beitrag, sondern ein Weckruf. Sie beschreibt darin den antifeministischen Backlash nicht als Stimmung, sondern als Strategie. Ich habe danach nachgesehen, was sich davon in deutschen Daten wiederfindet. Das Ergebnis ist ernüchternd, aber es ist auch präziser als die Debatte, und genau deshalb sind feministische Netzwerke heute keine Wohlfühlräume, sondern Infrastruktur.

Grafik mit dem Titel „Sichtbar bleiben" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über feministische Netzwerke, digitale Gewalt und politische Teilhabe

Das Wichtigste in Kürze

  • In einer Studie der TU München mit HateAid unter rund 1.100 politisch engagierten Personen kam ein kompletter Rückzug aus der politischen Arbeit für 22 Prozent der betroffenen Frauen infrage, bei den Männern für 10 Prozent [1].
  • Rund zwei Drittel der betroffenen Frauen erlebten online sexualisierte Angriffe [2].
  • Rund ein Drittel aller digital Angegriffenen wurde zusätzlich physisch attackiert, mehr als die Hälfte änderte das eigene Verhalten [2].
  • Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand. 70,4 Prozent der Opfer sind weiblich [3].
  • Bei Partnerschaftsgewalt allein waren es 171.069 Betroffene, davon rund 80 Prozent Frauen [4].

Sichtbarkeit hat einen Preis, und er ist messbar

Digitale Gewalt trifft Frauen und Männer in ähnlichem Ausmaß, aber sie wirkt bei Frauen anders und führt bei ihnen mehr als doppelt so häufig zum Gedanken an Rückzug. Ein Forschungsteam der Hochschule für Politik an der TU München hat gemeinsam mit HateAid rund 1.100 politisch engagierte Personen befragt, überwiegend Politikerinnen und Politiker auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene [2].

Die Studienleitung formuliert den Befund präzise: Frauen und Männer erleben ähnlich viel Hass, aber weibliche Engagierte sind anders betroffen [5]. Rund zwei Drittel der betroffenen Frauen erlebten sexualisierte Angriffe [2]. Und ein kompletter Rückzug aus der politischen Arbeit kam für 22 Prozent der betroffenen Frauen infrage, gegenüber 10 Prozent der Männer [1].

Ich nenne diese Unterscheidung bewusst so genau, weil die verkürzte Fassung, Frauen seien einfach häufiger betroffen, der Studie nicht entspricht. Der Unterschied liegt nicht in der Menge, sondern in der Art des Angriffs und in seiner Wirkung. Sexualisierte Angriffe zielen nicht auf Argumente, sondern auf die Person. Genau deshalb wirken sie.

Dazu kommt: Rund ein Drittel aller digital Angegriffenen wurde auch physisch attackiert, und mehr als die Hälfte der Betroffenen hat das eigene Verhalten geändert, von eingeschränkter Kommunikation bis zum geplanten Rückzug [2]. Die Studie ist nicht repräsentativ, das gehört zur Einordnung dazu [6].

Ein weiterer Wert erklärt, warum sich daran wenig ändert: Nach einer YouGov-Umfrage im Auftrag von HateAid hat ein Drittel der Befragten Verständnis dafür, wenn Menschen Politikerinnen aus Unzufriedenheit online anfeinden, auch wenn sie es selbst nicht täten [7].

Die Zahlen zur Gewalt gegen Frauen

Häusliche Gewalt hat 2024 in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Nach dem Bundeslagebild des Bundeskriminalamts wurden 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, 70,4 Prozent von ihnen weiblich [3]. Der größte Teil entfällt auf Partnerschaftsgewalt mit 171.069 Betroffenen, dort liegt der Frauenanteil bei rund 80 Prozent [4]. Allein als Opfer häuslicher Gewalt wurden 187.128 Frauen registriert, ein Anstieg um 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr [8].

Zwei Einordnungen gehören dazu. Erstens ist das Dunkelfeld hoch, das Bundeskriminalamt weist ausdrücklich darauf hin, dass viele Taten aus Angst, Scham oder Abhängigkeit nicht angezeigt werden [3]. Zweitens steigen auch bei Partnerschaftsgewalt die Straftaten im digitalen Raum [3]. Analoge und digitale Gewalt sind längst kein getrenntes Phänomen mehr.

Was Susanne Kaiser beschreibt

Kaisers These im Podcast ist, dass der aktuelle Antifeminismus kein Nebenprodukt ist, sondern ein politisches Instrument: ein offensiver Maskulinismus, der Männlichkeit als Herrschaftsnarrativ einsetzt und Frauenverachtung nicht in Kauf nimmt, sondern zur Mobilisierung nutzt. Dass Frauen an der Spitze rechtskonservativer Bewegungen stehen, sei dazu kein Widerspruch, sondern Teil derselben Strategie.

Ich gebe das ausdrücklich als ihre Analyse wieder und nicht als belegte Tatsache, weil solche Deutungen über einzelne Personen und Parteien in der Politikwissenschaft umstritten sind und ich hier keine Quelle vorlegen kann, die das für konkrete Personen beweist.

Was ich aus eigener Beobachtung sagen kann: Die Verschiebung des Tons ist real, und sie wirkt bis in Kommunalparlamente hinein. Das Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum nennt eine rauer werdende Streitkultur ausdrücklich als einen Grund dafür, dass der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen NRWs 2025 auf 33,2 Prozent gesunken ist [9].

Warum feministische Netzwerke keine Wohlfühlräume sind

Feministische Netzwerke sind Schutzraum und Struktur zugleich. Sie geben Rückhalt, aber vor allem geben sie Wissen, Sichtbarkeit und Strategie.

Ohne sie wäre mein politisches Engagement nicht möglich gewesen. In Momenten von Selbstzweifel, digitaler Anfeindung oder Frustration braucht es Menschen, die sagen: Du bist nicht allein, wir machen weiter. Das ist keine Sentimentalität, das ist Bestandssicherung. Wenn 22 Prozent der betroffenen Frauen über einen kompletten Rückzug nachdenken [1], dann entscheidet Rückhalt darüber, wie viele tatsächlich gehen.

Wer sich zurückzieht, überlässt das Feld denen, die am lautesten sind. Deshalb ist Sichtbarkeit politisch, auch dann, wenn sie anstrengend ist.

Gleichstellung ist kein Nullsummenspiel

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass jemand verliert. Diese Argumente halte ich für die wichtigsten, und ich kennzeichne sie als Position, nicht als Studienlage:

Entlastung von Rollenerwartungen. Männer müssen nicht dauerhaft Stärke und Dominanz vorführen, sondern dürfen unsicher und menschlich sein.

Gleichberechtigte Elternschaft. Väter, die Verantwortung übernehmen, berichten von engerer Bindung zu ihren Kindern.

Vielfalt im Denken. Wenn nicht immer derselbe Typ Mensch entscheidet, entstehen andere Lösungen.

Auch Männer brauchen Netzwerke. Wer Gleichstellung leben will, braucht Orte für Austausch und Reflexion. Das ist bislang die größte Lücke.

Zur Ehrlichkeit gehört: Für die oft zitierte Behauptung, diverse Teams seien nachweislich wirtschaftlich erfolgreicher, ist die Studienlage uneinheitlicher, als sie in Präsentationen wirkt. Ich führe sie deshalb hier nicht als Beleg an. Der Fall für Gleichstellung ist auch ohne sie stark genug.

Was jetzt zu tun ist

Erstens Schutz statt Appelle. HateAid fordert spezialisierte Anlaufstellen für Betroffene digitaler Gewalt innerhalb der Parteien, ausreichend ausgestattet [1]. Das ist eine Forderung, die jede Partei sofort umsetzen kann, auch auf kommunaler Ebene.

Zweitens den Digital Services Act durchsetzen. Plattformbetreiber sind nach dem DSA verpflichtet, nachteilige Auswirkungen auf gesellschaftliche Debatte und Wahlprozesse einzuschätzen und zu minimieren. Gemeldete Inhalte müssen zügig geprüft werden [1].

Drittens Anzeigen ermöglichen. Solange Betroffene den Aufwand allein tragen, bleibt Strafverfolgung Theorie.

Viertens Netzwerke tragen. Nicht als Wohlfühlangebot, sondern mit Geld, Räumen und Zeit.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Einen Hasskommentar melden, der sich nicht gegen dich richtetZwei MinutenBetroffene tragen den Aufwand sonst allein
In deiner Partei nach einer Anlaufstelle für digitale Gewalt fragenEine AnfrageGenau das fordert HateAid von den Parteien [1]
Einer angegriffenen Person öffentlich beistehenEin KommentarEin Drittel findet Anfeindungen gegen Politikerinnen nachvollziehbar [7]
Einer Frau zu einer Kandidatur zuraten und sie begleitenMehrere Gespräche22 Prozent der Betroffenen denken über Rückzug nach [1]
Ein feministisches Netzwerk finanziell unterstützen5 Euro im MonatStruktur kostet Geld, Haltung allein trägt sie nicht
Bei Bedrohungen Anzeige erstatten und dokumentierenEin NachmittagWas nicht angezeigt wird, existiert für die Statistik nicht [3]

Häufige Fragen

Sind Frauen in der Politik häufiger von digitaler Gewalt betroffen?

Nicht in der Menge, aber in der Art. Die Studienleitung der TUM-Untersuchung formuliert, dass Frauen und Männer ähnlich viel Hass erleben, weibliche Engagierte aber anders betroffen sind [5]. Rund zwei Drittel der betroffenen Frauen erlebten sexualisierte Angriffe [2].

Führt digitale Gewalt dazu, dass Frauen aufhören?

Für einen erheblichen Teil ja. Ein kompletter Rückzug aus der politischen Arbeit kam für 22 Prozent der betroffenen Frauen infrage, bei den Männern für 10 Prozent [1]. Mehr als die Hälfte aller Betroffenen hat das eigene Verhalten geändert [2].

Wie viele Menschen sind in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen?

Im Jahr 2024 wurden 265.942 Opfer registriert, ein Höchststand. 70,4 Prozent der Opfer sind weiblich [3]. Bei Partnerschaftsgewalt liegt der Frauenanteil bei rund 80 Prozent [4]. Das Bundeskriminalamt weist auf ein hohes Dunkelfeld hin [3].

Was können Plattformen tun?

Nach dem Digital Services Act sind sie verpflichtet, nachteilige Auswirkungen auf gesellschaftliche Debatten und Wahlprozesse einzuschätzen und zu minimieren sowie gemeldete Inhalte zügig zu prüfen. HateAid fordert, den DSA konsequent durchzusetzen [1].

Warum braucht es feministische Netzwerke, wenn es doch Gleichstellungsstellen gibt?

Weil beides unterschiedliche Aufgaben hat. Behördliche Stellen können Verfahren und Rechte sichern. Netzwerke leisten das, was Verfahren nicht können: Rückhalt in dem Moment, in dem jemand überlegt aufzuhören.

Zum Schluss

Ich weiß, dass ich mich mit Sichtbarkeit angreifbar mache. Es wäre leichter, still zu bleiben. Ich halte den anderen Weg trotzdem für den richtigen, und ich möchte nicht, dass ihn jemand allein gehen muss.

Wie es in meinem Buch heißt: Der Erfolg, den man sich erarbeitet hat, gehört einem selbst, und es ist nicht die Aufgabe anderer, ihn gutzuheißen.

Und du? Wie lange willst du noch warten, bevor du dich positionierst? Wenn du findest, dass Sichtbarkeit nicht bestraft, sondern unterstützt gehört: Teile diesen Beitrag, sprich darüber, unterstütze feministische Netzwerke.

Schweigen war noch nie Fortschritt.

Quellen

  1. HateAid: Neue Studie, digitale Gewalt schreckt Menschen ab, politische Verantwortung zu übernehmen, zur Studie „Angegriffen & alleingelassen” von TU München und HateAid — https://hateaid.org/neue-studie-politisch-engagierte-und-digitale-gewalt/
  2. Technische Universität München: Politisch Engagierte werden von digitaler Gewalt abgeschreckt, Pressemitteilung zur Studie mit rund 1.100 Befragten — https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/politisch-engagierte-werden-von-digitaler-gewalt-abgeschreckt
  3. Bundeskriminalamt: Häusliche Gewalt, Opferzahlen auf neuem Höchststand, Bundeslagebild für das Jahr 2024, November 2025 — https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html
  4. Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen: Bundeslagebericht 2024, häusliche Gewalt auf Höchststand — https://www.gleichberechtigt.org/bundeslagebericht-2024-h%C3%A4usliche-gewalt-auf-h%C3%B6chststand
  5. Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt): Neue Studie, digitale Gewalt schreckt Menschen ab, mit Einordnung durch die Studienleitung — https://www.bidt.digital/neue-studie-digitale-gewalt-schreckt-menschen-ab-politische-verantwortung-zu-uebernehmen/
  6. Bericht zur TUM- und HateAid-Studie mit Hinweis auf die nicht repräsentative Anlage der Befragung, Januar 2025 — https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.hateaid-studie-zur-digitalen-gewalt-frauen-besonders-betroffen.d428acfb-db8d-45a3-99bb-38ec6a916473.html
  7. HateAid: Jede dritte Person findet Beschimpfungen gegen Politikerinnen akzeptabel, YouGov-Umfrage im Auftrag von HateAid — https://hateaid.org/hass-im-internet-jede-dritte-person-findet-beschimpfungen-gegen-politikerinnen-akzeptabel/
  8. Bundeskriminalamt: Polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu, Bundeslagebild geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024 — https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_Straftaten_gegen_Frauen2024.html
  9. Ruhr-Universität Bochum: Rückgang des Frauenanteils in Stadt- und Kreisräten, Auswertung der NRW-Kommunalwahl 2025, Januar 2026 — https://news.rub.de/wissenschaft/2026-01-22-studie-zur-kommunalwahl-2025-rueckgang-des-frauenanteils-stadt-und-kreisraeten

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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