Als wir bei Volt Essen beschlossen haben, zur Kommunalwahl anzutreten, begann die eigentliche Arbeit erst. Wir wollten kein Wahlprogramm schreiben, das an der Oberfläche bleibt. Also haben wir uns an zwei Samstagen zusammengesetzt und geredet, nicht nur über Politik, sondern darüber, was uns in dieser Stadt ärgert und was fehlt. Ein Thema hat sich dabei über alle anderen gelegt: das Gefälle zwischen dem Essener Norden und dem Süden. Ich habe im Nachhinein nachgesehen, wie gut das belegt ist. Die Antwort lautet: sehr gut, und schärfer, als wir es damals formuliert haben.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Autobahn A40 gilt in Essen als sozialräumliche Trennlinie, in der Forschung wird sie als „Sozialäquator” beschrieben [1].
- Eine wissenschaftliche Fallanalyse definiert Essen Nord über zwei Kriterien: Lage nördlich der A40 und eine Existenzsicherungsquote über dem städtischen Durchschnitt von 17,20 Prozent [2].
- Auf dieses Gebiet entfallen 19 Stadtteile mit 258.790 Menschen, das Vergleichsgebiet umfasst 332.242 Menschen [2].
- Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei der primärärztlichen Versorgung Ungleichheiten zulasten der sozial benachteiligten Stadtgebiete bestehen [2].
- Ein Politikwissenschaftler beschreibt den Bruch zwischen Nord und Süd entlang von vier Faktoren: Armut, Mobilität, Bildung und Wahlbeteiligung [1].
Was an zwei Samstagen entstanden ist
Unterschiedlichste Menschen, verschiedene Hintergründe, eine gemeinsame Haltung: Wir wollen, dass sich in Essen etwas bewegt, und wir wollen das nicht nur fordern.
Was diese Tage besonders gemacht hat, war nicht der Austausch über Probleme, sondern das gemeinsame Nachdenken über Lösungen. Volt ist eine europäische Bewegung, und wir denken auch lokal europäisch. Wenn eine Idee in Amsterdam, Paris oder Kopenhagen funktioniert, fragen wir: Wie ließe sich das auf Essen übertragen, was müsste angepasst werden?
Das Thema, das alles überlagert hat
Das Gefälle zwischen dem Essener Norden und dem Süden ist keine gefühlte Wahrnehmung, sondern in der Wissenschaft als sozialräumliche Segregation beschrieben. Die A40 ist dabei die Trennlinie, in der Forschung wird sie als Sozialäquator bezeichnet [1].
Wie ernst das gemeint ist, zeigt eine Fallanalyse zur ärztlichen Versorgung. Sie definiert das Untersuchungsgebiet Essen Nord über zwei Kriterien: die Lage nördlich der A40 und eine Existenzsicherungsquote über dem Essener Durchschnitt von 17,20 Prozent. So entstehen 19 Stadtteile mit 258.790 Menschen, denen ein Vergleichsgebiet mit 332.242 Menschen gegenübersteht [2].
Das Ergebnis ist der Kern unserer Diskussion, nur in Zahlen: Es bestehen Ungleichheiten in der primärärztlichen Versorgung zulasten der Bevölkerung sozial benachteiligter Stadtgebiete. Die übliche Bedarfsplanung berücksichtigt so starke Unterschiede innerhalb einer Planungseinheit nicht [2].
Das ist der Punkt, den ich mitnehme. Es geht nicht nur darum, dass ungleich verteilt wird. Es geht darum, dass die Verfahren, nach denen verteilt wird, diese Ungleichheit gar nicht sehen können.
Der Politikwissenschaftler Norbert Kersting macht den Bruch an vier Faktoren fest: Armut, Mobilität, Bildung und Wahlbeteiligung. In jedem dieser Bereiche hat er sich in den vergangenen Jahren verstärkt [1]. Die A40 sei dabei erst später zur sozialen Grenze geworden, die sie heute ist, und die Betonwüste lasse den angrenzenden Vierteln keinen Raum für Handel, Kultur oder Austausch. Beiderseits bildeten sich eigenständige Milieus, die sich kaum noch berühren [1].
Ein Hinweis zur Redlichkeit: Wir haben damals über die ungleiche Verteilung von Ladeinfrastruktur gesprochen. Belastbare Zahlen dazu habe ich für Essen nicht gefunden. Deshalb steht dieses Beispiel hier nicht, sondern die ärztliche Versorgung. Die ist belegt, und sie wiegt schwerer.
Warum es nicht an Konzepten fehlt
Was mich seit diesen Tagen begleitet, ist eine andere Frage. In all den Strategien, Konzepten und Rahmenplänen der Stadt steckt viel Gutes. Woran es hakt, ist die Umsetzung.
Genau das zerstört Vertrauen: das Gefühl, dass sich nichts ändert, obwohl auf dem Papier vieles beschlossen wurde. Und es trifft die Menschen am härtesten, die ohnehin schon das Gefühl haben, übersehen zu werden.
Wer weniger wählt, wird weniger umworben. Wer weniger umworben wird, erlebt weniger Veränderung. Und wer weniger Veränderung erlebt, wählt noch seltener. Kersting nennt die Wahlbeteiligung nicht ohne Grund als einen der vier Faktoren [1].
Transparenz ist die Voraussetzung, nicht die Zugabe
Nur wer weiß, was geplant ist, was umgesetzt wurde, was scheitert und warum, kann sich einbringen. Deshalb war Transparenz eines unserer zentralen Ergebnisse.
Wir haben beschlossen, Umfragen auf unserer Website zu platzieren, nicht als Pflichtübung, sondern als Einladung. Ich möchte wissen, wie Essenerinnen und Essener ihre Stadt erleben, was sie stört und was sie brauchen.
Dazu gehört auch das, was die Verwaltung ohnehin veröffentlicht. Das Ratsinformationssystem ist öffentlich, Ausschusssitzungen sind in der Regel öffentlich, und nach Paragraf 24 der Gemeindeordnung NRW kann jede Person eine Anregung einreichen, unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Was fehlt, ist die Übersetzung. Eine Vorlage ist kein Beteiligungsangebot.
Politik des Handelns
Das war die wichtigste Erkenntnis dieser Tage: Wenn es schon so viele durchdachte Papiere gibt, dann nehmen wir sie beim Wort. Nicht irgendwann, sondern in dieser Wahlperiode. Mit kleinen Schritten und mit Veränderungen, die im Alltag sichtbar werden.
Und mit einem klaren Schwerpunkt. Wenn 19 Stadtteile mit über 258.000 Menschen strukturell schlechter versorgt sind [2], dann ist das kein Nebenthema, sondern die Hauptaufgabe dieser Stadt.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| An einer Umfrage teilnehmen | Fünf Minuten | Ohne Rückmeldungen entscheiden dieselben wie immer |
| Eine Anregung nach § 24 GO NRW einreichen | Ein Nachmittag | Die Verwaltung muss antworten, auch ohne Wahlrecht |
| Bei Beschlüssen nach dem Umsetzungsstand fragen | Eine Mail | Die Lücke liegt selten im Konzept, meist in der Umsetzung |
| In einer öffentlichen Ausschusssitzung zuhören | Zwei Stunden | Sie sind öffentlich, aber selten besucht |
| Zur Wahl gehen, auch bei Kommunalwahlen | 15 Minuten | Wahlbeteiligung ist einer der vier Faktoren des Gefälles [1] |
| Einen Ort auf beiden Seiten der A40 besuchen | Ein Nachmittag | Die Milieus berühren sich kaum noch [1] |
Häufige Fragen
Was ist der Sozialäquator in Essen?
So wird die Autobahn A40 bezeichnet, weil sie in Essen eine sozialräumliche Trennlinie bildet. Nördlich davon liegen überwiegend Stadtteile mit höherer Armutsbetroffenheit, südlich davon steigen Einkommen und Immobilienpreise [1].
Ist das Nord-Süd-Gefälle wissenschaftlich belegt?
Ja. Eine Fallanalyse zur ärztlichen Versorgung definiert das Gebiet Essen Nord über die Lage nördlich der A40 und eine Existenzsicherungsquote über dem städtischen Durchschnitt von 17,20 Prozent. Es umfasst 19 Stadtteile mit 258.790 Menschen [2].
Wirkt sich das auf die medizinische Versorgung aus?
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Ungleichheiten in der primärärztlichen Versorgung zulasten sozial benachteiligter Stadtgebiete bestehen und dass die übliche Bedarfsplanung solche Unterschiede innerhalb einer Planungseinheit nicht berücksichtigt [2].
Woran macht die Forschung das Gefälle fest?
An vier Faktoren: Armut, Mobilität, Bildung und Wahlbeteiligung. In allen vier Bereichen hat sich der Bruch zwischen Norden und Süden in den vergangenen Jahren verstärkt [1].
Wie kann ich mich einbringen, wenn ich nicht in einer Partei bin?
Über Anregungen und Beschwerden nach § 24 der Gemeindeordnung NRW, über die öffentlichen Sitzungen der Ausschüsse und Bezirksvertretungen, über Vereine und Initiativen sowie über Umfragen und Beteiligungsformate.
Zum Schluss
Diese Strategietage waren ein Aufbruch, keine Diskussion, die im Raum verhallt. Was ich seither mitnehme, ist ein Satz, den ich damals noch nicht so formuliert hätte: Das eigentliche Problem ist nicht, dass ungleich verteilt wird. Es ist, dass die Verfahren diese Ungleichheit nicht abbilden.
Und du? Was fehlt in deinem Stadtteil, worüber im Rathaus offenbar niemand spricht? Schreib es mir, ich nehme es mit.
Quellen
- fluter, Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung: Abgefahren, die Autobahn A40 trennt Essen in arm und reich, mit Einordnung durch den Politikwissenschaftler Norbert Kersting, Februar 2025 — https://www.fluter.de/autobahn-teilung-arm-reich
- Primärärztliche Versorgungsungleichheiten zu Ungunsten der Bevölkerung sozial benachteiligter Stadtgebiete, eine Fallanalyse am Beispiel der Stadt Essen, Fachaufsatz, 2023 — https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2175-8290
- Primary Care Inequalities to the Disadvantage of the Population of Socially Deprived Urban Areas, A Case Study of Essen, Germany, Volltext — https://ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10713330
- Stadt Essen: Sitzverteilung im Rat der Stadt Essen nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 — https://www.essen.de/rathaus/rat/rat_der_stadt_essenn__sitzverteilung.de.html
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.