Wenn Einsamkeit eine Spirale wird, braucht es eine Tür

Manchmal reicht ein Gespräch, das gar nicht geplant war, um zu merken, wie viele Menschen sich wirklich allein fühlen.

Ich lebe und arbeite in Essen. Ich bin viel unterwegs, ich treffe Menschen, ich bin eingebunden in Strukturen, die genau das möglich machen, nämlich Begegnung, Austausch, gemeinsames Tun und trotzdem höre ich es immer wieder. Zwischen den Zeilen, manchmal auch ganz direkt. Das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, nicht gesehen zu werden. Einfach: allein zu sein.

Einsamkeit ist eines der größten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Wir reden nur viel zu selten darüber.

Einsamkeit ist kein persönliches Versagen

Ich glaube, das ist der erste Punkt, den wir klären müssen. Wer einsam ist, hat nichts falsch gemacht. Einsamkeit passiert. Sie passiert nach einem Umzug, nach einer Trennung, nach dem Tod eines Menschen, dem man nahe war. Sie passiert, wenn man in Rente geht und plötzlich der Kalender leer bleibt. Sie passiert, wenn man neu in eine Stadt kommt und noch gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Das Problem ist: Wenn man erstmal in dieser Spirale steckt, sieht man die Auswege oft nicht mehr. Die Energie fehlt, die Initiative fühlt sich riesig an, und vielleicht fragt man sich auch, ob man überhaupt willkommen wäre. Ob jemand merken würde, wenn man fehlt.

Teilhabe ist kein nettes Extra, sie ist das Gegenmittel

Genau hier kommt Teilhabe ins Spiel. Nicht als politisches Schlagwort, sondern als das, was es wirklich ist: die Möglichkeit, dabei zu sein. Mitzumachen und Gesehen zu werden. Teilhabe unterbricht Einsamkeit, weil sie Menschen in Kontakt bringt, in Strukturen, in Verantwortung, in Gemeinschaft.

Das ist auch der Grund, warum ich so sehr daran glaube, dass gesellschaftliche Teilhabe keine Frage von Freizeit oder Idealismus ist. Sie ist ein Grundbedürfnis. Und es ist unsere gemeinsame Aufgabe, sie möglich zu machen, als Staat, als Stadt, als Nachbarin, als Mensch.

Was der Staat tun kann und was wir selbst tun können

Natürlich hat die Politik hier eine Rolle. Strukturen für Begegnung müssen gefördert werden, Gemeinschaftszentren, offene Treffpunkte, niedrigschwellige Angebote, die keine Vorbedingungen stellen. Gerade in einer Stadt wie Essen, die so viele unterschiedliche Stadtteile hat, braucht es diese Orte, an denen Menschen einfach ankommen können.

Aber ich finde, wir sollten auch nicht nur auf den Staat warten. Wer selbst nicht einsam ist, kann Verantwortung übernehmen. Das klingt größer, als es ist. Es bedeutet manchmal nur, die Nachbarin anzusprechen, die man schon seit Wochen nicht gesehen hat. Oder jemandem einen Hinweis auf ein Angebot zu geben, das gut zu ihr passen könnte. Oder einfach: offen zu sein für jemanden, der gerade dazukommt.

Was früher selbstverständlich war, müssen wir heute manchmal neu erfinden

Ich denke manchmal daran, wie das früher funktioniert hat. Wer in eine neue Stadt gezogen ist, hat sich umgehört, Stammtische gesucht, Vereine, Netzwerke, Orte, wo neue Menschen zu treffen einfach zum Alltag gehörte. Das war nicht romantisch, das war pragmatisch. Man hat eine Gemeinschaft gesucht und sich dann in ihr eingebracht.

Heute haben wir einerseits mehr Möglichkeiten als je zuvor, Menschen zu finden, online, über Apps, über soziale Netzwerke. Andererseits sind viele dieser Verbindungen sehr flüchtig. Sie ersetzen nicht das Gefühl, wirklich irgendwo dazuzugehören. Wirklich gebraucht zu werden.

Deswegen glaube ich, dass der alte Ansatz immer noch funktioniert. Engagement in der Nachbarschaft. Ein persönliches Interesse in einem Verein einbringen. Einen Ort finden, der einem etwas bedeutet, und dort regelmäßig auftauchen. Das klingt simpel, und vielleicht ist es das auch. Aber für jemanden, der gerade in der Spirale steckt, ist dieser erste Schritt alles andere als selbstverständlich.

Wer in der Spirale steckt, braucht eine Tür, keine Leiter

Das ist der Punkt, der mir am meisten am Herzen liegt. Wenn Einsamkeit zur Spirale wird, dann sieht man die Lösung oft nicht mehr aus eigener Kraft. Man bräuchte eigentlich eine Einladung, einen konkreten Hinweis, jemanden, der sagt: komm einfach vorbei, du musst gar nichts mitbringen.

Genau deshalb brauchen wir Strukturen, die nicht voraussetzen, dass Menschen sich selbst aktiv einbringen können. Angebote, die auf Menschen zugehen, nicht nur warten, bis sie kommen. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich aus meiner Arbeit mitgenommen habe, bei Mach mit! Essen, bei der vilaron Stiftung, in all den Projekten, bei denen ich mitarbeite. Niedrigschwellig bedeutet nicht billig oder beliebig.

Essen bietet Möglichkeiten, wenn man weiß, wo man schauen soll

In Essen gibt es tatsächlich viele Orte, an denen Teilhabe gelebt wird. Nachbarschaftsprojekte, offene Gruppen, Initiativen, die Menschen zusammenbringen. Das Problem ist oft die Sichtbarkeit. Wer neu ist oder wer sich gerade nicht gut fühlt, findet diese Angebote nicht unbedingt auf Anhieb.

Auf Stadtebene arbeiten wir daran, das zu ändern. Als Stadträtin für Volt Essen in der Ratsgruppe Volt und Die PARTEI ist mir dieses Thema ein echtes Anliegen, nicht weil es gut klingt, sondern weil ich sehe, was passiert, wenn Menschen eingebunden sind. Sie blühen auf, sie bringen sich ein und sie werden sichtbar, für andere und für sich selbst.

Reden wir zu wenig darüber?

Ja. Ich glaube, wir reden zu wenig darüber. Einsamkeit ist immer noch etwas, worüber man nicht so gerne spricht, weil es sich anfühlt wie eine Schwäche. Weil man denkt, die anderen haben das irgendwie besser im Griff. Weil man nicht derjenige sein will, der zugibt, dass ihm der Anschluss fehlt.

Aber wenn wir nicht darüber reden, können wir auch keine Lösungen entwickeln. Keine gesellschaftlichen, keine politischen, keine nachbarschaftlichen. Und wir lassen Menschen in einer Spirale stecken, aus der sie alleine vielleicht nicht mehr herausfinden.

Ich glaube, es ist an der Zeit, das zu ändern. Nicht mit großen Gesten, sondern mit ehrlichen Gesprächen. Mit echtem Interesse daran, wie es den Menschen um uns herum wirklich geht. Und mit dem Mut, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn man selbst gerade gut dasteht. Gerade dann.

Wie ist das bei dir? Kennst du jemanden, der gerade in dieser Spirale steckt, oder hast du vielleicht selbst erlebt, was es bedeutet, wenn Einsamkeit zur Normalität wird? Und was hat geholfen, eine Tür zu finden?

Quellen und Links

Über Mandy

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation, Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder und Vorständin der vilaron Stiftung
Founder und Vorständin vom BPW eClub
Founder und GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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