Wie wir unsere Zukunft gemeinsam sichern können

Ich möchte auch in dreißig Jahren noch in einem lebenswerten Essen leben. In einer Gesellschaft, die Zusammenhalt ernst nimmt, ökologische Grenzen respektiert und Verantwortung nicht nur ankündigt. Die Frage ist, wie das gelingt, wenn Klimakrise, soziale Ungleichheit und politische Überforderung gleichzeitig zunehmen. Meine Antwort hat mit gesellschaftlicher Teilhabe in Essen zu tun, und sie beginnt mit einer Zahl, die mich überrascht hat.

Grafik mit dem Titel „Wie wir unsere Zukunft gemeinsam sichern können" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Teilhabe, Transparenz und Kreislaufwirtschaft

Das Wichtigste in Kürze

  • Laut Demokratiemonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung befürworten 82 Prozent der Menschen in Deutschland die Werte der liberalen Demokratie überdurchschnittlich stark, zwei Prozentpunkte mehr als 2019 [1].
  • Gleichzeitig sind nur 17 Prozent mit dem praktischen Funktionieren der Parteien zufrieden, obwohl 77 Prozent deren Werte und Funktionen befürworten [1].
  • Der Rohstoff-Fußabdruck lag 2022 bei 14,4 Tonnen pro Kopf, dem niedrigsten Wert seit 2010. Zwischen 2010 und 2022 sank er allerdings nur um 3 Prozent [2].
  • Die Zirkularitätsrate in Deutschland liegt bei rund 12,7 Prozent, in den Niederlanden bei 33,8 Prozent [3].
  • Beim Essener Ratsbürgerentscheid im April 2026 stimmten 91.729 Menschen mit Ja, das sind rund 21,5 Prozent der 426.328 Abstimmungsberechtigten [4].

Nicht die Demokratie hat ein Problem, sondern ihre gefühlte Praxis

Die Zustimmung zu demokratischen Werten in Deutschland ist hoch und sogar leicht gestiegen, die Unzufriedenheit betrifft die Umsetzung, nicht das Prinzip. Der Demokratiemonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung beruht auf sechs repräsentativen Befragungen zwischen 2019 und 2025 mit jeweils mehr als 5.000 Teilnehmenden [1]. Das Ergebnis: 82 Prozent befürworten die Werte der liberalen Demokratie überdurchschnittlich stark, 2019 waren es 80 Prozent [1].

Interessant wird es beim Vergleich von Anspruch und wahrgenommener Umsetzung. Den Werten demokratischer Wahlen stimmen 91 Prozent zu, und immerhin 65 Prozent bewerten auch deren praktisches Funktionieren positiv. Bei den Parteien klafft die Lücke: 77 Prozent befürworten ihre Werte und Funktionen, aber nur 17 Prozent sind mit ihrem tatsächlichen Funktionieren zufrieden [1].

Die Studienautoren ziehen daraus ausdrücklich keinen Alarm, sondern sprechen von demokratischer Widerstandsfähigkeit, betonen aber gleichzeitig, dass die Ergebnisse kein Ruhekissen sind [1]. Ich lese es genauso. Das Fundament trägt. Was fehlt, ist der erlebbare Zusammenhang zwischen dem, was Menschen einbringen, und dem, was am Ende herauskommt.

Und genau das ist Kommunalpolitik. Auf keiner anderen Ebene ist dieser Zusammenhang so direkt sichtbar zu machen.

Warum Resignation keine neutrale Haltung ist

Wer sich zurückzieht, verändert das Ergebnis, nur eben nicht in die eigene Richtung. Beim Essener Ratsbürgerentscheid zur Olympiabewerbung im April 2026 stimmten 91.729 Menschen mit Ja, bei 426.328 Abstimmungsberechtigten [4]. Das sind rund 21,5 Prozent. Die Entscheidung ist gültig und bindend, das Quorum wurde erreicht [4]. Und sie wurde von gut einem Fünftel getragen.

Das ist kein Vorwurf an die, die nicht abgestimmt haben. Es ist eine Beschreibung dessen, was passiert, wenn Beteiligung als folgenlos erlebt wird. Wenn sich weniger Menschen einbringen, bleiben Entscheidungen bei denen, die ohnehin Zugang haben. Resignation stabilisiert damit genau die Verhältnisse, über die sie sich beklagt.

Dazu kommt in Essen ein struktureller Punkt, den ich für falsch halte: Abstimmungsberechtigt waren nur deutsche und EU-Staatsangehörige ab 16 Jahren [4]. Ein erheblicher Teil der Stadtgesellschaft konnte gar nicht teilnehmen.

Konsum: der Hebel ist echt, aber kleiner als oft behauptet

Bewusster Konsum verändert etwas, aber die Zahlen zeigen deutlich, dass individuelle Kaufentscheidungen die Rohstoffwende nicht allein tragen können. Der Rohstoff-Fußabdruck in Deutschland lag 2022 bei 14,4 Tonnen pro Kopf und damit auf dem niedrigsten Stand seit 2010. Zwischen 2010 und 2022 verringerte er sich um lediglich 3 Prozent [2]. Die Bundesregierung hat mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie von 2024 eine deutliche Senkung des Primärrohstoffkonsums bis 2045 als Leitbild formuliert, einen verbindlichen Zielwert für den Rohstoffkonsum gibt es bislang weder in Deutschland noch in der EU [2].

Beim Kreislaufanteil ist der Abstand noch deutlicher: Die Zirkularitätsrate liegt in Deutschland bei rund 12,7 Prozent, in den Niederlanden bei 33,8 Prozent [3]. Und eine vom NABU beauftragte Untersuchung des ifeu kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Recyclatanteil selbst dann nur auf etwa 22 Prozent steigern ließe, wenn alle kreislauffähigen Produkte tatsächlich recycelt würden [5].

Ich schreibe das bewusst so deutlich, weil ich es für unehrlich halte, Menschen die Verantwortung für ein System zuzuschieben, dessen Regeln sie nicht setzen. Secondhand, Reparatur und regionaler Einkauf sind sinnvoll, sie stärken lokale Strukturen und sparen Ressourcen. Sie ersetzen aber kein Produktdesign, das Reparatur überhaupt zulässt, und keine Steuerlogik, die ressourcenschonende Dienstleistungen günstiger macht.

Die richtige Reihenfolge lautet deshalb: individuell handeln und gleichzeitig politisch fordern. Nicht das eine statt des anderen.

Transparenz ist kein Nice-to-have

Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Entscheidungen rechtlich korrekt sind, sondern dadurch, dass Menschen nachvollziehen können, warum sie so und nicht anders gefallen sind. Drei Fragen entscheiden darüber, ob eine Entscheidung als legitim erlebt wird: Warum wurde diese Priorität gesetzt? Welche Alternativen wurden geprüft? Welche Folgen hat das für die, die es betrifft?

In Essen sind die Werkzeuge dafür vorhanden, nur kennt sie kaum jemand. Das Ratsinformationssystem ist öffentlich, Sitzungen der Ausschüsse und Bezirksvertretungen sind in der Regel öffentlich, und nach Paragraf 24 der Gemeindeordnung NRW kann jede Person eine Anregung oder Beschwerde einreichen, die die Verwaltung bearbeiten muss. Dieses Recht hängt nicht am Wahlrecht.

Was fehlt, ist die Übersetzung. Eine Vorlage im Ratsinformationssystem ist kein Beteiligungsangebot, sie ist ein Verwaltungsdokument. Wer Beteiligung ernst meint, muss erklären, nicht nur veröffentlichen.

Was Essen und NRW jetzt brauchen

Ich glaube nicht an eine Zukunft ohne Konflikte. Ich glaube daran, dass wir beeinflussen können, wie wir mit ihnen umgehen. Drei Dinge halte ich für entscheidend.

Erstens Verlässlichkeit für die Zivilgesellschaft. Der städtische Förderfonds für bürgerschaftliches Engagement startet 2026 wegen der Haushaltslage mit einem Volumen von 40.000 Euro in zwei Förderbereichen [6]. Wenn öffentliche Mittel knapper werden, wird die Verbindung zwischen Menschen wichtiger, nicht unwichtiger. Aber Netzwerke ersetzen keine Grundfinanzierung.

Zweitens Beteiligung, die zwischen den Abstimmungen stattfindet. Bürgerräte, ZukunftsTische, Beteiligungsformate in den Stadtteilen. Ein Entscheid alle paar Jahre ist keine Beteiligungskultur.

Drittens Teilhabe unabhängig vom Pass. Wer hier lebt, arbeitet und Vereine trägt, sollte über die Zukunft dieser Stadt mitentscheiden können. Das ist eine Entscheidung auf Bundesebene, die Haltung dazu wird aber hier geprägt.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Eine Anregung nach § 24 GO NRW einreichenEin NachmittagDie Verwaltung muss antworten, unabhängig vom Wahlrecht
In eine öffentliche Ausschusssitzung gehenZwei StundenDu siehst, wie Entscheidungen tatsächlich zustande kommen
Ein Reparatur-Café oder Foodsharing-Angebot nutzenEin NachmittagVerlängert Nutzungsdauer, stärkt lokale Strukturen
Bei einer Kaufentscheidung nach Reparierbarkeit fragenEine Frage im LadenNachfrage ist das Signal, auf das Hersteller reagieren
Ein Ehrenamt über den Engagementfinder suchen20 MinutenMehrere Hundert Angebote in Essen [7]
Jemanden mitnehmen, der bisher nicht beteiligt warEin GesprächDer wirksamste Schritt in diesem ganzen Text

Häufige Fragen

Verliert Deutschland das Vertrauen in die Demokratie?

Nach dem Demokratiemonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung nicht. 82 Prozent befürworten die Werte der liberalen Demokratie überdurchschnittlich stark, etwas mehr als 2019. Kritisch ist die Bewertung der Praxis, besonders bei den Parteien, mit denen nur 17 Prozent zufrieden sind [1].

Bringt es überhaupt etwas, wenn ich mich als Einzelperson engagiere?

Ja, aber nicht so, wie oft erzählt wird. Der Rohstoff-Fußabdruck sank zwischen 2010 und 2022 nur um 3 Prozent [2], individuelle Entscheidungen allein reichen also nicht. Sie wirken doppelt, wenn sie mit politischer Forderung verbunden werden: Nachfrage ändert Angebote, Beteiligung ändert Entscheidungen.

Wie gut ist die Kreislaufwirtschaft in Deutschland wirklich?

Ausbaufähig. Die Zirkularitätsrate liegt bei rund 12,7 Prozent, die Niederlande erreichen 33,8 Prozent [3]. Selbst bei vollständigem Recycling aller kreislauffähigen Produkte ließe sich der Recyclatanteil laut einer ifeu-Untersuchung im Auftrag des NABU nur auf etwa 22 Prozent steigern [5]. Es braucht also auch besseres Produktdesign.

Kann ich mitreden, wenn ich nicht wählen darf?

Ja. Anregungen und Beschwerden nach § 24 der Gemeindeordnung NRW kann jede Person einreichen, unabhängig von der Staatsangehörigkeit. Auch Vereine, Initiativen, Beiräte und die öffentlichen Sitzungen der Gremien stehen allen offen. Mitgestaltung ist rechtlich deutlich weiter möglich als Mitwählen.

Wo finde ich in Essen Beteiligungsmöglichkeiten?

Über das Ratsinformationssystem der Stadt für Vorlagen und Sitzungstermine, über den Engagementfinder der Ehrenamt Agentur Essen für Ehrenämter [7] und über die Förderprogramme der Stadt und des Landes für eigene Projekte [6].

Zum Schluss

Die entscheidende Frage ist nicht, was schiefläuft. Das wissen wir. Die Frage ist, was wir konkret tun, um bessere Strukturen zu schaffen.

Das Fundament ist da. Vier von fünf Menschen in diesem Land stehen hinter demokratischen Werten [1]. Was fehlt, ist die Erfahrung, dass Mitmachen etwas verändert. Diese Erfahrung entsteht nicht im Bundestag. Sie entsteht in einer Bezirksvertretung, in einem Verein, an einem Tisch im Stadtteil.

Und du? Welches Projekt für Klimaschutz oder Teilhabe kennst du in Essen, das mehr Aufmerksamkeit verdient? Schreib es mir, ich mache es sichtbar.

Quellen

  1. Bertelsmann Stiftung: Demokratiemonitor 2026, Zustimmung zur liberalen Demokratie in Deutschland bleibt sehr hoch, veröffentlicht Mai 2026, Grundlage sind sechs Befragungen zwischen 2019 und 2025 mit jeweils über 5.000 Befragten
  2. Umweltbundesamt: Indikator Rohstoff-Fußabdruck, Rohstoffkonsum pro Kopf und Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie 2024, umweltbundesamt.de, abgerufen am 03.08.2026
  3. Statusbericht Kreislaufwirtschaft 2024, herausgegeben von Verbänden und Unternehmen der Kreislaufwirtschaft, Angaben zur Zirkularitätsrate
  4. Stadt Essen: Ratsbürgerentscheid zur Olympiabewerbung, Ergebnis und Abstimmungsberechtigung, essen.de, April 2026
  5. Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) im Auftrag des NABU: Sekundärrohstoffe in Deutschland, 2021
  6. Stadt Essen: Ehrenamt, Förderfonds bürgerschaftliches Engagement, essen.de, abgerufen am 03.08.2026
  7. Ehrenamt Agentur Essen e. V.: Engagementfinder, abgerufen am 03.08.2026

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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