Warum ich mich von US-IT verabschiede

Ich stelle meine Projekte, Firmen und Institutionen schrittweise auf europäische Lösungen um. Nicht aus Prinzipienreiterei und nicht aus Antiamerikanismus, sondern weil ich mir eine Frage nicht mehr wegdiskutieren kann: Was passiert mit meinen Daten, wenn jemand anderes entscheidet, dass ich keinen Zugriff mehr habe? Digitale Souveränität ist damit keine Technikfrage mehr, sondern eine Frage der Handlungsfähigkeit. Und die Zahlen dazu sind unbequemer, als ich dachte.

Grafik mit dem Titel „Warum ich mich von US-IT verabschiede" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über digitale Souveränität und europäische Alternativen

Das Wichtigste in Kürze

  • 85 Prozent der deutschen Unternehmen halten die Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern für zu hoch, im Vorjahr waren es 78 Prozent [1].
  • 71 Prozent beziehen Cloud-Angebote aus den USA, aber nur 8 Prozent würden diese Herkunft tatsächlich bevorzugen [1].
  • 64 Prozent der Cloud-Nutzer sehen sich durch die Politik der US-Regierung gezwungen, ihre Strategie zu überdenken, nach 50 Prozent im Vorjahr [2].
  • Deutsche Unternehmen könnten im Schnitt nur 12 Monate weiterarbeiten, wenn Technologien aus den USA wegfielen. Nur 4 Prozent wären dauerhaft überlebensfähig [3].
  • 90 Prozent der Unternehmen fordern, dass staatliche Stellen stärker auf europäische oder souveräne Cloud-Lösungen setzen [4].

Was die Zahlen wirklich sagen

Die deutsche Wirtschaft will längst weg von US-Diensten, sie kommt nur nicht weg. Der Bitkom Cloud Report 2026 beruht auf einer repräsentativen Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten [2]. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: 71 Prozent beziehen Cloud-Angebote aus den USA, bevorzugen würden das nur 8 Prozent [1].

Der Druck wächst schnell. Die Zahl derer, die die Abhängigkeit für zu hoch halten, stieg binnen eines Jahres von 78 auf 85 Prozent [1]. Und die Bereitschaft, dafür etwas zu opfern, hat sich deutlich verändert: 37 Prozent würden einen Dienst nutzen, der Daten ausschließlich in Deutschland und geschützt vor ausländischem Zugriff verarbeitet, selbst wenn das weniger Funktionen oder höhere Kosten bedeutet. Vor einem Jahr waren das noch 27 Prozent [2].

Eine Korrektur an dieser Stelle, weil die Zahl auch in meinen eigenen Texten falsch stand: Die oft zitierten 96 Prozent stammen aus der Bitkom-Studie zur digitalen Souveränität und bedeuten, dass 96 Prozent der Unternehmen digitale Technologien und Services aus dem Ausland importieren, nicht speziell aus den USA [5]. Der Unterschied ist wichtig, denn China steht bei der Abhängigkeit inzwischen gleichauf [3].

Das ist kein Misstrauen, das ist Risikomanagement

Wer seine gesamte Arbeitsfähigkeit an Anbieter bindet, die einer fremden Rechtsordnung unterliegen, hat kein Vertrauensproblem, sondern ein Klumpenrisiko. Nach Angaben des Bitkom könnten deutsche Unternehmen im Durchschnitt zwölf Monate weiterarbeiten, wenn sie Technologien und Services aus den USA nicht mehr beziehen könnten. Bei China wären es elf Monate. Dauerhaft überlebensfähig wären nur 4 Prozent [3].

Gleichzeitig ist die wahrgenommene Abhängigkeit im Laufe eines Jahres gestiegen: 51 Prozent der Unternehmen sehen sich stark abhängig von den USA, im Januar 2025 waren es 41 Prozent [3].

Der rechtliche Kern dahinter ist der US-amerikanische CLOUD Act. Er verpflichtet US-Anbieter, Daten auf Anordnung herauszugeben, auch wenn diese Daten auf Servern in Europa liegen. Genau deshalb prüfen inzwischen mehrere Verwaltungen den Ausstieg, und genau deshalb reicht ein Rechenzentrum in Frankfurt als Antwort nicht aus [6].

Der Staat bewegt sich, langsamer als die Wirtschaft es fordert

Deutschland hat mit openDesk längst eine eigene Alternative aufgebaut, sie wird nur zu zögerlich genutzt. openDesk ist eine quelloffene Office- und Kollaborationssuite für die öffentliche Verwaltung, entwickelt vom Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung, kurz ZenDiS, einer bundeseigenen Gesellschaft. Sie bündelt bekannte Bausteine: Nextcloud für Dateien, Collabora Online für Dokumente, Open-Xchange für Mail und Kalender, OpenProject für Projekte [7].

Der Stand im Frühjahr 2026: ZenDiS hat im April einen Strategieprozess gestartet, um openDesk und die Plattform openCode in deutschen und europäischen Behörden zu verbreiten. Das zuständige Bundesministerium testet openDesk selbst an über 80 Arbeitsplätzen [8]. Hamburg prüft den Umstieg, die Bürgerschaft hat dazu einen Bericht des Senats bis zum 1. Dezember 2026 beauftragt [6]. Schleswig-Holstein gilt als Vorreiter beim Wechsel zu Open Source [9]. Und das Cyberkommando der Schweizer Armee will bis Oktober 2026 von Microsoft 365 auf openDesk migrieren [10].

Das ist der Punkt, an dem Kommunalpolitik ins Spiel kommt. 79 Prozent der Unternehmen sehen den Staat in der Vorreiterrolle bei souveränen Cloud-Angeboten, und 75 Prozent sagen, die bisherigen politischen Initiativen hätten für ihr Unternehmen zu wenig konkrete Effekte gehabt [4]. Beschaffung ist Souveränitätspolitik. Jede Ausschreibung einer Stadt ist eine Entscheidung darüber, welche Anbieter wachsen.

Ehrlich bleiben: Was heute noch nicht geht

Europäische Alternativen sind besser als ihr Ruf, aber sie sind noch kein vollwertiger Ersatz für alles, und wer das verschweigt, verliert die Leute beim ersten Problem. Eine Untersuchung des Zürcher Kompetenzzentrums für Digitalisierung gemeinsam mit der Berner Fachhochschule kam zu dem Ergebnis, dass ein schneller Ersatz von Microsoft 365 durch openDesk für die Stadtverwaltung derzeit nicht möglich ist, weil wichtige Funktionen fehlen. Bei Chat und Dateiverwaltung erfüllt openDesk die meisten Anforderungen, in anderen Bereichen nicht [11].

Auch die Unternehmen benennen die Hürde klar: 43 Prozent geben an, dass es für ihre Cloud-Anforderungen derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen gibt [12].

Ich halte das für keinen Grund abzuwarten, sondern für einen Grund, sortiert vorzugehen. Nicht alles auf einmal, sondern dort anfangen, wo der Wechsel heute schon funktioniert: Mail, Kalender, Dateiablage, Messenger, Videokonferenz. Die schwierigen Fälle kommen später, und sie werden leichter, je mehr Nachfrage vorher entstanden ist.

Was ich konkret umstelle

Ich mache das schrittweise und dokumentiere es, weil mich selbst am meisten geärgert hat, dass niemand über die praktischen Stolpersteine schreibt.

Zuerst kommen Kommunikation und Dateien, also Messenger, Mail und Cloudspeicher. Danach Zusammenarbeit und Dokumente. Zuletzt die Spezialanwendungen, bei denen es tatsächlich schwierig wird. Für jede Umstellung notiere ich drei Dinge: Was hat funktioniert, was hat gefehlt, was hat es gekostet.

Wenn dich das interessiert, sag Bescheid. Dann mache ich daraus eine eigene Serie mit konkreten Erfahrungswerten statt Empfehlungslisten.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Eine Liste deiner genutzten Dienste anlegen30 MinutenDu siehst zum ersten Mal, wo du tatsächlich abhängig bist
Bei Messenger und Mail anfangenEin AbendHier funktionieren europäische Alternativen heute schon gut
Datenexport testen, bevor du wechselstEine StundeWer nicht exportieren kann, ist bereits gefangen
In Vereinen und Betrieben die Frage stellenEin TagesordnungspunktBeschaffung entscheidet über Marktanteile, nicht Privatnutzung
Bei kommunalen Ausschreibungen nachfragenEine AnfrageDer Staat soll Vorreiter sein, das fordern 79 Prozent der Unternehmen [4]
Erwartungen realistisch haltenEine Haltung43 Prozent finden noch keine gleichwertige Alternative, das ist kein Scheitern [12]

Häufige Fragen

Wie abhängig ist die deutsche Wirtschaft von US-IT wirklich?

Sehr. 71 Prozent der Unternehmen beziehen Cloud-Angebote aus den USA, obwohl nur 8 Prozent das bevorzugen würden [1]. Im Schnitt könnten deutsche Unternehmen ohne US-Technologien noch etwa zwölf Monate weiterarbeiten, dauerhaft überlebensfähig wären nur 4 Prozent [3].

Reicht es nicht, wenn die Daten in Europa liegen?

Nein. Entscheidend ist nicht der Serverstandort, sondern welchem Recht der Anbieter unterliegt. Der US-amerikanische CLOUD Act verpflichtet US-Unternehmen zur Herausgabe von Daten auch dann, wenn diese in Europa gespeichert sind. Genau deshalb prüfen Verwaltungen inzwischen den Wechsel zu quelloffenen Lösungen [6].

Was ist openDesk?

Eine quelloffene Office- und Kollaborationssuite für die öffentliche Verwaltung, entwickelt vom Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS), einer bundeseigenen Gesellschaft. Sie kombiniert Nextcloud, Collabora Online, Open-Xchange und OpenProject zu einer Arbeitsumgebung [7][8].

Können europäische Lösungen Microsoft schon vollständig ersetzen?

Noch nicht überall. Eine Untersuchung der Stadt Zürich mit der Berner Fachhochschule kam zu dem Ergebnis, dass openDesk Microsoft 365 derzeit nicht vollständig ersetzen kann, weil Funktionen fehlen [11]. 43 Prozent der Unternehmen sehen für ihre Anforderungen aktuell keine gleichwertige europäische Alternative [12].

Was kann eine Stadt wie Essen konkret tun?

Beschaffung ist der wirksamste Hebel. 90 Prozent der Unternehmen fordern, dass staatliche Stellen stärker auf europäische oder souveräne Lösungen setzen, 79 Prozent sehen den Staat in der Vorreiterrolle [4]. Jede Ausschreibung entscheidet mit darüber, welche Anbieter wachsen können.

Zum Schluss

Ich rede nicht gern über Europa, ohne etwas dafür zu tun. Deshalb stelle ich um, mit allen Umwegen, die dazugehören.

Und ich finde, wir sollten aufhören, digitale Souveränität als Expertenthema zu behandeln. Es ist dieselbe Frage wie bei Energie oder Lieferketten: Wer entscheidet im Ernstfall, ob wir weiterarbeiten können?

Und du? Welchen Dienst würdest du gern ersetzen, weißt aber nicht, wodurch? Schreib mir. Ich sammle die Fragen und beantworte die häufigsten in einem eigenen Beitrag.

Quellen

  1. Tagesspiegel zum Bitkom Cloud Report 2026: Cloud-Abhängigkeit, Firmen fordern Alternativen, Juni 2026 — https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/bitkom-studie-cloud-abhangigkeit-firmen-fordern-alternativen-15722132.html
  2. Bitkom: Deutsche Cloud, 4 von 10 Unternehmen würden Abstriche in Kauf nehmen, Presseinformation zum Cloud Report 2026, Juni 2026 — https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Deutsche-Cloud-4-von-10-Unternehmen-wuerden-Abstriche-in-Kauf-nehmen
  3. heise online: Digitale Souveränität Fehlanzeige, Abhängigkeit von USA und China steigt, Bericht zur Bitkom-Umfrage, November 2025 — https://www.heise.de/news/Digitale-Souveraenitaet-Fehlanzeige-Abhaengigkeit-von-USA-und-China-steigt-11077217.html
  4. Bitkom: Cloud Report 2026, Studienbericht mit den Forderungen an den Staat, Juni 2026 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-06/17062026-bitkom-studienbericht-cloud-report-2026.pdf
  5. Bitkom: Digitale Souveränität, Studienbericht 2025 — https://www.bitkom.org/Studienberichte/2025/Digitale-Souveraenitaet
  6. Bericht zur Prüfung eines openDesk-Umstiegs in Hamburg, mit Verweis auf den CLOUD Act, Mai 2026 — https://www.nachrichten-heute.net/1676135-hamburg-prueft-umstieg-auf-open-source-software-opendesk-in-der-verwaltung.html
  7. Übersicht der openDesk-Komponenten und Entwicklungsstand, Mai 2026 — https://borncity.com/news/opendesk-deutsche-antwort-auf-microsoft-erreicht-neue-stufe/
  8. cosinex Blog: ZenDiS neu aufgestellt, openDesk und openCode im Fokus, April 2026 — https://blog.cosinex.de/2026/04/16/zendis-strategische-neuausrichtung-open-source/
  9. Bitkom: Europas Weg in die digitale Souveränität, Presseinformation, November 2025 — https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Europas-Weg-digitale-Souveraenitaet
  10. Bericht zum Umstieg des Schweizer Cyberkommandos auf openDesk, Juli 2026 — https://www.ad-hoc-news.de/wissenschaft/schweizer-armee-verlaesst-microsoft-bis-oktober-umstieg-auf-opendesk/69746276
  11. heise online: OpenDesk laut Studie keine volle Microsoft-Alternative, zur Untersuchung der Stadt Zürich mit der Berner Fachhochschule, Mai 2026 — https://www.heise.de/news/Digitale-Souveraenitaet-OpenDesk-laut-Studie-keine-volle-Microsoft-Alternative-11303065.html
  12. Bitkom: Cloud Report 2026, Angaben zu fehlenden gleichwertigen europäischen Alternativen — https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Cloud-Report-2026

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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