Demokratiebildung

Am Infostand in Kray hatte ich lange Gespräche, und einer davon geht mir seitdem nach. Ein junger Mensch, klug, interessiert, informiert, sagte: „Politik? Das bringt doch sowieso nichts.” Dieser Satz trifft mich, weil er nicht zur Faktenlage passt. Das politische Interesse junger Menschen ist so hoch wie seit zwanzig Jahren nicht. Demokratiebildung scheitert also nicht am Desinteresse, sondern an etwas anderem.

Grafik mit dem Titel „Demokratiebildung" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über politisches Interesse junger Menschen, Beteiligung und Mitentscheidung

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach der Shell Jugendstudie 2024 bezeichnen sich 47 Prozent der 12- bis 25-Jährigen als politisch interessiert, im Jahr 2002 waren es 11 Prozent bei den 12- bis 14-Jährigen und deutlich weniger insgesamt [1].
  • Die Bereitschaft zum politischen Engagement stieg von 22 Prozent im Jahr 2002 auf 37 Prozent im Jahr 2024 [2].
  • Drei Viertel der befragten jungen Menschen haben hohes Vertrauen in die Demokratie, sind mit den Parteien aber unzufrieden [3].
  • Nach der JIM-Studie 2025 nutzen 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen KI-Anwendungen zur Informationssuche, ein Anstieg um 27 Prozentpunkte binnen eines Jahres. 57 Prozent halten die gelieferten Informationen für vertrauenswürdig [4].
  • Nach WHO-Daten stieg die problematische Social-Media-Nutzung unter Jugendlichen von 7 Prozent im Jahr 2018 auf 11 Prozent im Jahr 2022, in Deutschland auf 10 Prozent [5][6].

Junge Menschen sind nicht politikverdrossen, sie sind parteienverdrossen

Das politische Interesse junger Menschen ist auf dem höchsten Stand seit Beginn der 2000er Jahre, gleichzeitig ist die Unzufriedenheit mit den Parteien groß. Die Shell Jugendstudie befragt seit 1953 regelmäßig 12- bis 25-Jährige, für die Ausgabe 2024 waren es rund 2.500 junge Menschen [3]. Die Bundeszentrale für politische Bildung wertet die Daten so aus, dass sich inzwischen 47 Prozent als politisch interessiert einschätzen, mit dem stärksten Zuwachs bei den Jüngsten: Bei den 12- bis 14-Jährigen hat sich der Anteil seit 2002 verdreifacht [1].

An dieser Stelle eine Anmerkung zur Sorgfalt: In Zusammenfassungen der Studie kursieren für dieselbe Frage Werte zwischen 47 und 55 Prozent, je nachdem, welche Teilfrage und welche Altersgruppe zugrunde gelegt wird [1][2]. Ich nenne hier den Wert der bpb, weil dort die Berechnungsgrundlage offengelegt ist.

Eindeutig ist die zweite Zahl: Die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren, stieg von 22 Prozent im Jahr 2002 auf 37 Prozent im Jahr 2024 [2]. Und drei Viertel der Befragten haben hohes Vertrauen in die Demokratie, sind mit den Parteien aber unzufrieden [3].

Das ist der Kern. Nicht die Demokratie steht infrage, sondern der Weg, auf dem sie organisiert wird.

Wie sich politische Meinung heute bildet, und was sich gerade verschiebt

Die entscheidende Veränderung der letzten Jahre ist nicht Social Media, sondern die Geschwindigkeit, mit der KI zur Informationsquelle geworden ist. Nach der JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, für die 1.200 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren befragt wurden, nutzen 70 Prozent KI-Anwendungen zur Informationssuche. Das sind 27 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Hinter klassischen Suchmaschinen ist ChatGPT bereits das am zweithäufigsten genutzte Recherchewerkzeug, und 57 Prozent halten die gelieferten Informationen für vertrauenswürdig [4].

Auch hier eine Korrektur an mir selbst: Die oft zitierte Aussage, über 70 Prozent der Jugendlichen bezögen ihre politischen Informationen primär über Social Media, habe ich in dieser Form in den JIM-Daten nicht bestätigt gefunden. Belegt ist die KI-Zahl, und sie ist in der Sache mindestens so relevant.

Denn was hier passiert, ist neu: Eine Antwort ohne Quellenangabe, ohne erkennbaren Widerspruch, ohne sichtbare Debatte. Politische Meinungsbildung braucht aber Reibung. Sie braucht das Erlebnis, dass zwei kluge Menschen dasselbe Problem unterschiedlich beurteilen und beide Gründe haben.

Der Preis der Dauerpräsenz

Die Belastung durch digitale Medien ist messbar, sie betrifft aber eine Minderheit deutlich stärker als die Mehrheit. Nach Daten des WHO-Regionalbüros für Europa aus der HBSC-Studie, für die 2021 und 2022 fast 280.000 Elf-, Dreizehn- und Fünfzehnjährige in 44 Ländern befragt wurden, stieg der Anteil mit problematischer Social-Media-Nutzung von 7 Prozent im Jahr 2018 auf 11 Prozent im Jahr 2022, in Deutschland auf 10 Prozent [5][6]. Mädchen sind stärker betroffen als Jungen, 13 gegenüber 9 Prozent [6]. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen steht nach eigenen Angaben nahezu ständig online mit Freundinnen und Freunden in Kontakt [6].

Zum seelischen Wohlbefinden hält die WHO fest, dass Mädchen bei Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden durchweg schlechter abschneiden. Etwa ein Viertel der 15-jährigen Mädchen gab an, sich im vergangenen Jahr meistens oder immer einsam gefühlt zu haben, bei den Jungen etwa ein Siebtel [7].

Ich hatte an dieser Stelle früher geschrieben, die WHO berichte, ein Viertel der Jugendlichen in Europa zeige depressive Symptome. Das habe ich so nicht belegen können, und deshalb steht es hier nicht mehr. Die belegten Zahlen sind ernst genug.

Zugehörigkeit ist der eigentliche Mechanismus

Ich erinnere mich an meine eigene Jugend vor gut zwanzig Jahren. Rechts- und Linksradikalismus waren auch damals Thema, und wenn ich ehrlich bin, wusste ich oft nicht, wo ich stand. War ich links? War ich rechts? Oder war ich einfach da, wo mein Umfeld war?

Ich halte es für gefährlich, so zu tun, als wäre das ungewöhnlich. Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn politische Identität überwiegend über Gruppenzugehörigkeit entsteht, ist Radikalisierung kein ideologischer Entschluss, sondern ein sozialer Prozess. Heute läuft dieser Prozess nur schneller ab.

Dazu passt ein Befund der Shell-Studie, den ich für den wichtigsten halte: Die Studienleitung sieht keinen allgemeinen Rechtsruck der jungen Generation, wohl aber eine größere Empfänglichkeit für Populismus und eine Bewegung in Richtung der politischen Ränder [8]. Populistische Aussagen setzen laut Studie gezielt an Gefühlen an, nicht an durchdachten Positionen [9].

Gegen Gefühl hilft kein Faktenblatt. Dagegen hilft Erfahrung.

Was ich für die richtige Antwort halte

Meine Überzeugung ist: Junge Menschen entwickeln stabile demokratische Haltungen dort, wo sie echte Mitentscheidung erleben, nicht symbolische Beteiligung. Das ist meine Position aus der praktischen Arbeit, kein Studienergebnis, und ich kennzeichne das ausdrücklich.

Der Unterschied lässt sich an drei Fragen festmachen. Was passiert, wenn die Idee einer Schülerin zur Schulhofgestaltung tatsächlich umgesetzt wird? Was passiert, wenn ein Jugendgremium nicht nur diskutiert, sondern über ein eigenes Budget entscheidet und die Folgen trägt? Was passiert, wenn ein Bürgerdialog nicht in einer Protokollmappe endet, sondern in einem Beschluss?

Aus Distanz wird Verantwortung. Aus Ohnmacht wird Handlungskompetenz. Aus „die da oben” wird „wir”.

Ich erlebe im Rat die Spannung zwischen Anspruch und Praxis unmittelbar. Formal ist alles korrekt: Es wird abgestimmt, Mehrheiten entscheiden, Verfahren sind geregelt. Informell prägen Absprachen und parteipolitische Erwägungen den Alltag. Ich habe erlebt, dass sachlich gute Anträge keine Mehrheit fanden, und ähnliche Inhalte später von anderer Seite mehrheitsfähig waren. Das ist rechtlich legitim. Demokratiekulturell wirft es Fragen auf, und junge Menschen merken das sofort.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Eine junge Person in eine öffentliche Ausschusssitzung mitnehmenZwei StundenBeteiligung beginnt mit dem Erlebnis, dass der Raum offen ist
In Schule oder Verein ein echtes Budget an Jugendliche übergebenEine EntscheidungVerantwortung wirkt anders als Mitreden ohne Folgen
Nach der Quelle fragen, wenn eine KI eine Antwort liefertEine Rückfrage57 Prozent halten KI-Antworten für vertrauenswürdig [4]
Widerspruch aushalten statt beendenEin GesprächDemokratie lernt man an Reibung, nicht an Einigkeit
Bei Beteiligungsformaten nach der Konsequenz fragenEine Frage„Was passiert mit dem Ergebnis?” trennt echte von symbolischer Beteiligung
Über Ergebnisse berichten, auch über gescheiterteEin BeitragTransparenz über Zielkonflikte erzeugt mehr Vertrauen als Erfolgsmeldungen

Häufige Fragen

Sind junge Menschen politisch desinteressiert?

Nein, im Gegenteil. Nach der Shell Jugendstudie 2024 ist das politische Interesse der 12- bis 25-Jährigen so hoch wie seit Anfang der 2000er Jahre nicht, bei den Jüngsten hat es sich seit 2002 verdreifacht [1]. Die Bereitschaft zum politischen Engagement stieg von 22 auf 37 Prozent [2].

Vertrauen Jugendliche der Demokratie noch?

Ja, dem System schon. Drei Viertel der befragten jungen Menschen zeigen hohes Vertrauen in die Demokratie, sind mit den politischen Parteien aber unzufrieden [3]. Das ist keine Systemkrise, sondern eine Vermittlungskrise.

Woher beziehen Jugendliche ihre Informationen?

Zunehmend aus KI-Anwendungen. Nach der JIM-Studie 2025 nutzen 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen KI zur Informationssuche, ein Plus von 27 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. ChatGPT liegt hinter klassischen Suchmaschinen auf Platz zwei, und 57 Prozent halten die Antworten für vertrauenswürdig [4].

Wie belastend sind soziale Medien für Jugendliche?

Für eine Minderheit deutlich. Nach WHO-Daten stieg der Anteil mit problematischer Nutzung von 7 Prozent im Jahr 2018 auf 11 Prozent im Jahr 2022, in Deutschland auf 10 Prozent, bei Mädchen auf 13 Prozent [5][6]. Die WHO betont zugleich, dass soziale Medien auch positive Wirkungen haben können.

Was hilft gegen Radikalisierung?

Aus meiner Erfahrung: echte Mitentscheidung. Wenn politische Identität vor allem über Zugehörigkeit entsteht, braucht es Räume, die Zugehörigkeit bieten, ohne Geschlossenheit zu verlangen. Die Shell-Studie sieht keinen allgemeinen Rechtsruck, aber eine größere Empfänglichkeit für Populismus, der gezielt an Gefühlen ansetzt [8][9].

Zum Schluss

Vielleicht fehlt uns weniger Wissen über Demokratie und mehr gelebte demokratische Erfahrung. Weniger politische Bildung im theoretischen Sinn und mehr politische Praxis im konkreten Sinn. Und vielleicht fehlt uns der Mut, Macht transparenter zu machen und eingespielte Routinen zu hinterfragen.

Ich schreibe das nicht, weil ich die Antwort habe. Ich schreibe es, weil ich Teil dieses Systems bin und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit täglich sehe.

Demokratie beginnt nicht im Wahlakt. Sie beginnt im Erleben, im Gehörtwerden, im Mitgestalten.

Und du? Wo hast du zuletzt erlebt, dass deine Stimme tatsächlich etwas verändert hat, und wo nicht? Schreib mir, ich nehme beides mit.

Quellen

  1. Bundeszentrale für politische Bildung: Politisches Interesse unter 12- bis 25-Jährigen teils deutlich gestiegen, Auswertung der Shell Jugendstudie 2024, Februar 2025 — https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/559166/politisches-interesse-unter-12-bis-25-jaehrigen-teils-deutlich-gestiegen/
  2. Verian (Durchführungsinstitut der Shell Jugendstudie): Shell Jugendstudie 2024, zentrale Ergebnisse — https://www.veriangroup.com/de/case-studies/shell-jugendstudie-2024
  3. deutschland.de: Shell Jugendstudie 2024, Vertrauen in Demokratie und Zufriedenheit mit dem politischen System — https://www.deutschland.de/de/topic/leben/shell-jugendstudie-2024-jugendliche-in-deutschland-umfrage
  4. klicksafe: JIM-Studie 2025 veröffentlicht, KI-Nutzung und Informationssuche bei 12- bis 19-Jährigen, November 2025 — https://www.klicksafe.de/news/jim-studie-2025-veroeffentlicht
  5. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM-Studie 2025, Studienbericht — https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM_2025_PDF_barrierearm.pdf
  6. WHO-Regionalbüro für Europa: Jugendliche, Bildschirme und psychische Gesundheit, HBSC-Daten 2021/2022, September 2024 — https://www.who.int/europe/de/news/item/25-09-2024-teens–screens-and-mental-health
  7. WHO-Regionalbüro für Europa: Psychische Gesundheit und seelisches Wohlbefinden von Jugendlichen in Europa und Zentralasien, Oktober 2023 — https://www.who.int/europe/de/news/item/10-10-2023-mental-health-in-europe-and-central-asia–girls-fare-worse-than-boys
  8. Bericht zur Vorstellung der Shell Jugendstudie 2024, Einordnung der Studienleitung zu Populismus und politischer Verortung, Oktober 2024 — https://www.vorwaerts.de/inland/shell-jugendstudie-2024-so-ticken-jugendliche-politisch
  9. Deutsches Ärzteblatt: WHO-Daten zeigen Anstieg problematischer Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen, September 2024 — https://aerzteblatt.de/nachrichten/154530/WHO-Daten-zeigen-Anstieg-problematischer-Social-Media-Nutzung-bei-Jugendlichen

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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