Es wirkt auf den ersten Blick überraschend: Eine Autorin, die bisher über Ernährung, Nachhaltigkeit und regionale Küche geschrieben hat, bringt ein Buch über Netzwerken heraus. Manche fragen, was das mit meinem bisherigen Weg zu tun hat. Ehrlich gesagt: Netzwerken war für mich nie ein Thema, das ich mir erarbeiten musste. Es war immer da. Was ich beim Schreiben gelernt habe, ist etwas anderes, nämlich dass fast alles, was ich intuitiv gemacht habe, inzwischen erforscht ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Für neue berufliche Möglichkeiten sind nicht die engsten, sondern mäßig schwache Verbindungen am wirksamsten, belegt an über 20 Millionen Menschen über fünf Jahre [1].
- Wer Gruppen verbindet, die sonst getrennt sind, erhält Zugang zu nicht redundantem Wissen und wird häufiger befördert [2].
- Die populäre Grenze von 150 Kontakten ist wissenschaftlich umstritten, eine Reanalyse kommt auf 69 oder 107 Personen bei enormen Schwankungsbreiten [3].
- Beim Thema Gegenwind: Ein kompletter Rückzug aus politischer Arbeit kam für 22 Prozent der betroffenen Frauen infrage, bei Männern für 10 Prozent [4].
- Als Ursache für den Gender AI Gap nennt die Forschung unter anderem die geringere Einbindung von Frauen in informelle Lernnetzwerke [5].
Warum ausgerechnet ich
Ich habe Netzwerken intuitiv betrieben, mal aktiver, mal im Hintergrund. Aber ich wusste früh: Ein gutes Netzwerk ist mehr als ein netter Kontakt. Es ist Werkzeug, Ressource, Sicherheitsnetz und Startrampe zugleich.
Ich bin seit vielen Jahren Mitglied bei Business and Professional Women, fast neun Jahre davon aktiv im BPW Essen. Dort habe ich schon Workshops zum Netzwerken gegeben. Die Themen haben sich kaum verändert, die Fragen aber sind konkreter geworden: Wie strukturiere ich mein Netzwerk? Wie hilft es mir wirklich? Und wie pflege ich es, ohne mich zu verstellen?
Seit der Gründung des BPW eClub, dem virtuellen Netzwerk für Frauen aller Branchen und Lebensphasen, begleiten mich diese Fragen dauerhaft. Und sie kommen von Berufseinsteigerinnen genauso wie von Führungskräften und Selbstständigen.
Vom Workshop zum Kurs zum Buch
Irgendwann wurde mir klar: Es reicht nicht, Vorbilder einzuladen, die erzählen, wie Netzwerken bei ihnen funktioniert hat. Es braucht Anleitung, Austausch und einen Rahmen, in dem man sich ausprobieren darf.
Also habe ich meinen Präsenzworkshop digitalisiert: sieben Wochen, Reflexionsaufgaben, Diskussionen, gemeinsames Ausprobieren. So entstand der Netzwerk-Navigator. Ein komplexes Thema in eine Onlinestruktur zu übersetzen, war anspruchsvoll, aber es hat funktioniert. Die Teilnehmerinnen haben nicht nur gelernt, wie Netzwerken funktioniert, sondern wie sie es an ihre eigene Persönlichkeit anpassen.
Und dann kam der naheliegende Gedanke: Ich schreibe ohnehin jede Woche Aufgabenblätter, Reflexionsfragen und Impulse. Warum daraus kein Buch machen? So ist „Strategisch Netzwerken” entstanden, in kurzer Zeit, aber mit viel Substanz.
Das erste Zusatzkapitel: Wie man mit Menschen umgeht
Beim Schreiben wurde schnell klar, dass es nicht reicht, die richtigen Kontakte zu knüpfen. Ein tragfähiges Netzwerk beginnt beim Menschen selbst. Deshalb habe ich ein Kapitel über den Umgang mit Menschen ergänzt: mit Empathie, Klarheit und Respekt, und mit der Fähigkeit, Grenzen zu setzen.
Was ich damals aus Erfahrung geschrieben habe, deckt sich mit der Forschung. Menschen unterschätzen systematisch, wie positiv andere auf ausgesprochene Wertschätzung reagieren, und überschätzen gleichzeitig, wie unangenehm die Situation für sie selbst wäre. Genau diese Fehleinschätzung hält uns davon ab, uns einfach zu melden [6][7].
Und es gibt eine zweite Korrektur, die mir wichtig geworden ist: Die berühmte Grenze von 150 Kontakten hält der Prüfung nicht stand. Eine Reanalyse in den Biology Letters der Royal Society kam je nach Methode auf 69 oder 107 Personen, bei Schwankungsbreiten von 3,9 bis 508,2 [3]. Begrenzt ist also nicht dein Gehirn, sondern deine Zeit.
Das zweite Zusatzkapitel: Neid, Missgunst und Gegenwind
Wer sichtbar wird, zieht nicht nur Unterstützung an, und Frauen ziehen daraus häufiger die Konsequenz, sich zurückzuziehen. Dieses Kapitel war mir das wichtigste, weil kaum jemand darüber spricht.
Die Zahlen dazu sind eindeutig. In einer Untersuchung der TU München mit HateAid unter rund 1.100 politisch engagierten Personen kam ein kompletter Rückzug für 22 Prozent der betroffenen Frauen infrage, bei den Männern für 10 Prozent [4]. Rund zwei Drittel der betroffenen Frauen erlebten sexualisierte Angriffe, und mehr als die Hälfte aller Betroffenen hat das eigene Verhalten geändert [8].
Auch wenn es in diesem Buch nicht um Politik geht, ist der Mechanismus derselbe: Sichtbarkeit erzeugt Reaktion, und Frauen tragen dabei ein anderes Risiko. Deshalb geht es in dem Kapitel nicht darum, Gegenwind zu ignorieren, sondern darum, Strategien zu haben, um bei sich zu bleiben.
Ein Satz, den ich mir dabei selbst aufgeschrieben habe: Kritik zeigt Sichtbarkeit, nicht Richtigkeit. Beides auseinanderzuhalten ist die halbe Miete.
Warum das für Frauen besonders zählt
Netzwerkzugang ist keine Frage des Charakters, sondern eine Frage der Struktur, und die ist ungleich verteilt. Das zeigt sich an einer Stelle besonders deutlich, an der ich es nicht erwartet hätte: bei der Nutzung von KI.
Eine gemeinsame Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Initiative D21 misst einen Gender AI Gap von 16 Prozentpunkten. Als Ursachen nennt sie unter anderem unterschiedliche Zugänge zu techniknahen Netzwerken und die geringere Einbindung von Frauen in informelle Lernnetzwerke [5].
Dasselbe Muster kennt man aus der Kommunalpolitik: Der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen NRWs ist 2025 auf 33,2 Prozent gesunken [9]. Wo Netzwerke fehlen, fehlen später Kandidaturen, Aufträge und Positionen.
Deshalb ist ein Buch über Netzwerke für mich kein Karriereratgeber. Es ist ein Beitrag zu einer Zugangsfrage.
Was das Buch ist und was nicht
„Strategisch Netzwerken” ist kein klassisches Fachbuch. Es holt dich dort ab, wo du stehst, gibt Impulse, erzählt Geschichten, stellt Fragen und liefert Werkzeuge. Zusammen mit dem begleitenden Workbook lässt sich daraus eine eigene Netzwerkstrategie entwickeln, Schritt für Schritt und angepasst an Ziele, Persönlichkeit und Alltag.
Was es nicht ist: eine Anleitung für taktisches Kontaktesammeln. Ich wünsche mir, dass es Frauen und Männer darin bestärkt, sich zu positionieren, ohne sich zu verbiegen.
Und ich bin stolz darauf, weil ich alles, was darin steht, selbst erlebt habe. Netzwerke müssen keine elitären Zirkel sein. Sie können solidarisch, offen und ehrlich sein.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Drei Kontakte aus der mittleren Schicht anschreiben | Drei Nachrichten | Dort liegt der belegte Nutzen für neue Möglichkeiten [1] |
| Eine Veranstaltung außerhalb deiner Branche besuchen | Ein Abend im Quartal | Brücken zwischen getrennten Gruppen bringen neues Wissen [2] |
| Dich von der 150er-Regel verabschieden | Eine Erkenntnis | Sie ist wissenschaftlich nicht haltbar [3] |
| Eine Nachricht ohne Anliegen schreiben | Fünf Minuten | Die Wirkung wird systematisch unterschätzt [6] |
| Zwischen Kritik und Anfeindung unterscheiden | Ein Moment | Kritik beantworten, Anfeindung dokumentieren [4] |
| Eine Frau in dein Fachnetzwerk mitnehmen | Eine Einladung | Ungleicher Netzwerkzugang ist eine belegte Ursache [5] |
Häufige Fragen
Worum geht es in „Strategisch Netzwerken”?
Um den Aufbau einer eigenen Netzwerkstrategie: Analyse des bestehenden Netzwerks, bewusste Auswahl, Beziehungspflege, der Umgang mit Menschen und der Umgang mit Gegenwind. Zusammen mit dem Workbook ist es als Arbeitsbuch angelegt, nicht als Lektüre zum Durchlesen.
Warum schreibt eine Ernährungsfachwirtin über Netzwerke?
Weil ich seit Jahren Workshops dazu gebe, zuerst im BPW Essen, später digital im Netzwerk-Navigator. Das Buch ist aus diesem Kurs entstanden, aus wöchentlichen Aufgabenblättern und Reflexionsfragen.
Welche Kontakte bringen beruflich am meisten?
Nicht die engsten. Eine Untersuchung in Science mit über 20 Millionen Menschen zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen die berufliche Mobilität am stärksten erhöhen, der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U [1]. Zusätzlich lohnen Brückenpositionen zwischen getrennten Gruppen [2].
Stimmt es, dass man nur 150 Kontakte pflegen kann?
Nein, das ist umstritten. Eine Reanalyse in den Biology Letters der Royal Society kam je nach Methode auf 69 oder 107 Personen, bei Schwankungsbreiten von 3,9 bis 508,2. Die Forschenden schließen daraus, dass es keine harte kognitive Grenze gibt [3].
Warum ein eigenes Kapitel über Neid und Gegenwind?
Weil Sichtbarkeit Reaktionen erzeugt und Frauen daraus häufiger die Konsequenz ziehen, sich zurückzuziehen. In einer Untersuchung von TU München und HateAid kam ein kompletter Rückzug für 22 Prozent der betroffenen Frauen infrage, bei Männern für 10 Prozent [4].
Zum Schluss
Was als Workshop begann, ist ein Buch geworden. Und was ich intuitiv gemacht habe, hat sich beim Schreiben als überraschend gut untersucht herausgestellt.
Und du? Was ist die eine Frage zum Netzwerken, auf die du bisher keine gute Antwort bekommen hast? Schreib sie mir, ich beantworte die häufigsten in einem eigenen Beitrag.
Quellen
- Rajkumar, K. et al.: A causal test of the strength of weak ties, Science, September 2022 — https://www.science.org/doi/10.1126/science.abl4476
- Burt, R. S.: Structural Holes and Good Ideas, American Journal of Sociology, 2004 — https://www.bebr.ufl.edu/sites/default/files/Burt%20-%202004%20-%20Structural%20Holes%20and%20Good%20Ideas.pdf
- Lindenfors, P., Wartel, A., Lind, J.: „Dunbar’s number” deconstructed, Biology Letters der Royal Society, Mai 2021 — https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsbl.2021.0158
- HateAid: Neue Studie, digitale Gewalt schreckt Menschen ab, politische Verantwortung zu übernehmen — https://hateaid.org/neue-studie-politisch-engagierte-und-digitale-gewalt/
- Initiative D21: Gender AI Gap von 16 Prozentpunkten, Frauen nutzen KI deutlich seltener als Männer, April 2026 — https://initiatived21.de/presse/gender-ai-gap-von-16-prozentpunkten-frauen-nutzen-ki-deutlich-seltener-als-maenner
- Kumar, A., Epley, N.: Undervaluing Gratitude, Psychological Science, 2018 — https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0956797618772506
- British Psychological Society: Underestimating the power of gratitude — https://www.bps.org.uk/research-digest/underestimating-power-gratitude
- Technische Universität München: Politisch Engagierte werden von digitaler Gewalt abgeschreckt — https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/politisch-engagierte-werden-von-digitaler-gewalt-abgeschreckt
- Ruhr-Universität Bochum: Rückgang des Frauenanteils in Stadt- und Kreisräten, Auswertung der NRW-Kommunalwahl 2025 — https://news.rub.de/wissenschaft/2026-01-22-studie-zur-kommunalwahl-2025-rueckgang-des-frauenanteils-stadt-und-kreisraeten
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.