Drei Stühle bleiben leer, obwohl drei Zusagen da waren. Die Tische sind aufgebaut, die Unterlagen ausgedruckt, das Licht läuft seit einer Stunde, und wer gekommen ist, trägt noch den Mantel, weil es dauert, bis der Raum warm wird. Eine Person schiebt die Stühle nicht weg, lässt die Lücken stehen, wie sie sind. Draußen ist es grau, ein gewöhnlicher Abend unter der Woche, kein besonderer Anlass, nicht zu übersehen zu haben. Die Tür geht noch zweimal auf, beide Male ist es der Wind.
Der Termin war seit sechs Wochen bekannt. Die Einladung ging dreimal raus, einmal postalisch, zweimal digital. Die Tagesordnung war kurz, der Weg zumutbar, die Kindgerechte Betreuung wäre für diesen Abend gewesen. Was auf dem Spiel steht, ist nicht abstrakt: ohne ausreichend Beteiligte können Entscheidungen nicht getragen werden, Verantwortung bleibt ungeteilt, und wer dann doch da ist, übernimmt mehr, als ursprünglich vorgesehen war. Das ist kein Ausnahmeabend. Das ist der Regelfall.
Wer regelmäßig erscheint, bringt etwas mit, das sich nicht auf Engagement reduzieren lässt: freie Abende, körperliche Belastbarkeit, ein soziales Umfeld, das die Abwesenheit abfedert, und die Fähigkeit, Informationen schnell zu verarbeiten, die in einem bestimmten Jargon formuliert sind. Wer pflegt, wer mit unregelmäßigen Schichten arbeitet, wer in einer Sprache operiert, die nicht die Sprache der Sitzung ist, wer unter chronischer Erschöpfung leidet, kommt strukturell seltener an den Tisch, nicht aus Desinteresse, sondern weil die Voraussetzungen fehlen. Dazu kommt etwas Schwereres, etwas Schwerer zu Fassendes: eine Lähmung, die nicht aus Faulheit entsteht, sondern aus dem Dauerbeschuss durch Nachrichten, die keine Handlungsoption anbieten, nur Ausmaß. Wer täglich mit Schaden konfrontiert wird, ohne je eine Stelle zu sehen, an der das eigene Zutun greift, verliert nicht die Absicht, aber die Bewegung dazu. Die Folge ist, dass die wenigen, die noch kommen, nicht nur mehr Aufgaben tragen, sondern auch mehr Stabilisierungsarbeit leisten, und zwar für ein System, das auf Freiwilligkeit beruht. Wer ausbrennt, wird nicht ersetzt. Das Muster ist überall gleich, unabhängig vom Thema.
Ich habe das früher anders gemacht, bin gegangen, egal wie voll die Woche war, habe nicht gefragt, ob noch Kapazität da ist, weil die Frage nicht vorkam. Heute ist sie da, bei mir, und ich beobachte, dass sie auch bei anderen aufgetaucht ist, nur ohne dass jemand laut darüber spricht. Die Person, die die Unterlagen jetzt zusammenfaltet, macht das ohne Kommentar, schreibt in die Liste, wer gefehlt hat, und legt den Stift ab. Auf dem Formular steht Anwesenheit: 4 von 7. Drei Stühle, drei Namen in Klammern, drei Zusagen, die nicht eingelöst wurden. Die Liste ist dieselbe wie vor sechs Wochen.