Es ist nicht übertrieben zu sagen: Ein gutes Netzwerk ist heute keine Zugabe, sondern Grundausstattung. Wer dauerhaft wirksam und selbstbestimmt arbeiten will, kommt ohne belastbare Beziehungen nicht weit. Und damit meine ich nicht Kontakte in einer Liste, sondern Menschen, die dich tragen, wenn du dich weiterentwickelst, wenn du unbequeme Entscheidungen triffst oder wenn es schwierig wird. Was mich überrascht hat: Die Forschung dazu ist präziser, als die üblichen Ratschläge vermuten lassen, und sie widerspricht einigen davon.

Das Wichtigste in Kürze
- Für neue berufliche Möglichkeiten sind nicht die engsten, sondern mäßig schwache Verbindungen am wirksamsten, belegt an über 20 Millionen Menschen über fünf Jahre [1].
- Ausgewertet wurden dabei rund zwei Milliarden neue Verbindungen und etwa 600.000 neue Jobs [1].
- Wer Verbindungen zwischen sonst getrennten Gruppen herstellt, hat nach der Forschung zu strukturellen Löchern Informationsvorteile und wird häufiger befördert [2][3].
- Diese Befundlage ist allerdings nicht unumstritten: Andere Untersuchungen betonen, dass geschlossene Netzwerke Vertrauen und Koordination fördern [4].
- Menschen unterschätzen systematisch, wie positiv und überrascht andere auf ausgesprochene Wertschätzung reagieren, und überschätzen die eigene Peinlichkeit [5][6].
Die Verbindungen, die tragen, sind selten die engsten
Wer sein Netzwerk auf den innersten Kreis reduziert, entfernt genau die Schicht, aus der neue Möglichkeiten kommen. Eine 2022 im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung wertete mehrere groß angelegte randomisierte Experimente auf einer beruflichen Netzwerkplattform aus, über fünf Jahre, mit mehr als 20 Millionen Menschen, rund zwei Milliarden neuen Verbindungen und etwa 600.000 angenommenen Stellen [1].
Das Ergebnis ist genauer, als die verkürzte Fassung nahelegt: Der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U. Am wirksamsten sind mäßig schwache Verbindungen, also Menschen, mit denen man einen gemeinsamen Kontext teilt, aber nicht denselben Alltag. Ganz enge Verbindungen bringen wenig Neues, weil sie über dieselben Informationen verfügen. Völlig Fremde bringen ebenfalls wenig, weil die Anschlussfähigkeit fehlt [1].
Das erklärt, warum sich Netzwerkpflege oft so unproduktiv anfühlt: Wir investieren die Zeit meist dort, wo sie am wenigsten Neues bewirkt.
Warum ein homogenes Netzwerk dich bremst
Der belegte Vorteil entsteht dort, wo du Gruppen verbindest, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Der Soziologe Ronald Burt hat dafür den Begriff der strukturellen Löcher geprägt: Lücken zwischen dicht vernetzten, in sich homogenen Gruppen. Wer sie überbrückt, bekommt Zugang zu nicht redundantem Wissen, also zu Informationen, die im eigenen Kreis nicht kursieren [2]. Empirisch zeigt sich, dass Menschen mit mehr solchen Brückenpositionen häufiger befördert werden und dass heterogene Beziehungsstrukturen wirtschaftlich erfolgreicher sind [2][3].
Und jetzt der Teil, der in Netzwerk-Ratgebern fehlt: Diese Befundlage ist umstritten. Eine Gegenposition in der Forschung argumentiert, dass geschlossene Netzwerke mit weniger strukturellen Löchern Vertrauen aufbauen und Handeln besser koordinieren, was den Wissensaustausch wiederum fördert. Ob Brückenpositionen einen Vorteil bringen, hängt nach neueren Arbeiten unter anderem von der Person und vom Kontext ab [4].
Für die Praxis heißt das nicht „entweder oder”, sondern: Du brauchst beides. Einen dichten Kern, der Vertrauen trägt, und Brücken nach außen, die neue Informationen bringen. Genau deshalb bin ich regional und überregional unterwegs, politisch und wirtschaftlich, im Frauennetzwerk und in gemischten Zusammenhängen.
Sichtbarkeit entsteht durch andere, nicht durch dich
Du musst nicht die Lauteste im Raum sein. Aber du solltest diejenige sein, über die gesprochen wird, wenn du nicht da bist.
Das ist keine Marketingweisheit, sondern die logische Folge des vorigen Abschnitts. Empfehlungen laufen über Menschen, die deinen Namen ins Spiel bringen, weil sie wissen, wofür du stehst. Damit das passiert, brauchen sie zwei Dinge: Sie müssen dich kennen, und sie müssen dich einordnen können. Wer für alles steht, wird für nichts empfohlen.
Sichtbarkeit ist deshalb keine Vorstufe guter Netzwerkarbeit. Sie ist ihr Ergebnis.
Pflege dein Netzwerk, bevor du es brauchst
Der häufigste Fehler ist nicht mangelndes Netzwerken, sondern Netzwerken zum falschen Zeitpunkt. Viele melden sich erst, wenn sie etwas benötigen. Das funktioniert selten, und es fühlt sich für beide Seiten falsch an.
Ermutigend ist dabei ein Befund, den ich für unterschätzt halte. In vier Experimenten von Amit Kumar und Nicholas Epley, veröffentlicht in Psychological Science, unterschätzten Menschen deutlich, wie überrascht und wie positiv ihr Gegenüber auf ausgesprochene Wertschätzung reagiert, und überschätzten gleichzeitig, wie unangenehm die Situation wirkt [5][6]. Genau diese Fehleinschätzung hält uns davon ab, uns einfach mal zu melden.
Die Nachricht ohne Anliegen wirkt also fast immer besser, als wir befürchten. Das ist der günstigste Hebel im ganzen Thema.
Meine drei Empfehlungen
Diese Punkte stammen aus meiner Praxis, nicht aus Studien. Ich kennzeichne das ausdrücklich.
Erstens: Pflege vor Bedarf. Frag dich heute, wem du einfach so schreiben könntest. Nicht mit einer Bitte, sondern mit ehrlichem Interesse.
Zweitens: Sei in verschiedenen Netzwerken aktiv. Jedes erfüllt einen anderen Zweck, fachlicher Austausch, gesellschaftliche Debatte, Rückhalt, politische Positionierung. Und prüfe regelmäßig, welches dir gerade guttut. Nur weil du irgendwo drin bist, musst du nicht bleiben.
Drittens: Bring dich ein, auch ohne Nutzen. Menschen merken sich nicht, wer alles will. Sie merken sich, wer gibt. Und sie merken sich, wofür du stehst.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Drei Kontakte aus der mittleren Schicht anschreiben | Drei Nachrichten | Genau dort liegt der belegte Nutzen für neue Möglichkeiten [1] |
| Eine Veranstaltung außerhalb deiner Branche besuchen | Ein Abend im Quartal | Brücken zwischen getrennten Gruppen bringen neues Wissen [2] |
| In einem Satz formulieren, wofür du stehst | 20 Minuten | Wer nicht einzuordnen ist, wird nicht empfohlen |
| Eine Nachricht ohne Anliegen verschicken | Fünf Minuten | Die Wirkung wird systematisch unterschätzt [5] |
| Ein Netzwerk bewusst verlassen | Eine Entscheidung | Kapazität ist begrenzt, Mitgliedschaft ist keine Pflicht |
| Wissen teilen, bevor du gefragt wirst | Ein Beitrag | Geben ist das, was in Erinnerung bleibt |
Häufige Fragen
Welche Kontakte bringen beruflich am meisten?
Nicht die engsten. Eine Untersuchung in Science mit über 20 Millionen Menschen zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen die berufliche Mobilität am stärksten erhöhen. Der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U, ganz enge und völlig lose Kontakte wirken beide schwächer [1].
Warum ist ein vielfältiges Netzwerk besser als ein homogenes?
Weil Informationen im eigenen Kreis schnell redundant werden. Wer Gruppen verbindet, die sonst getrennt sind, erhält Zugang zu nicht redundantem Wissen und wird nach empirischen Untersuchungen häufiger befördert [2][3]. Es gibt allerdings auch Gegenpositionen, die den Wert geschlossener, vertrauensvoller Netzwerke betonen [4].
Wie werde ich sichtbar, ohne Selbstvermarktung?
Indem andere dich einordnen können. Empfehlungen entstehen, wenn Menschen wissen, wofür du stehst, und deinen Namen von sich aus nennen. Sichtbarkeit ist das Ergebnis von Netzwerkarbeit, nicht ihr Ausgangspunkt.
Wann sollte ich mich melden?
Bevor du etwas brauchst. Und die Hemmung davor ist unbegründet: In vier Experimenten unterschätzten Menschen, wie positiv und überrascht ihr Gegenüber auf ausgesprochene Wertschätzung reagiert [5][6].
Muss ich in jedem Netzwerk bleiben, in dem ich bin?
Nein. Zeit und Aufmerksamkeit sind begrenzt, das Netzwerk selbst muss es nicht sein. Prüfe regelmäßig, welche Zugehörigkeiten dir Energie geben und welche nur Kalender füllen.
Zum Schluss
Du kannst dein Netzwerk so gestalten, dass es dich nicht Energie kostet, sondern dir welche zurückgibt. Du musst es nur bewusst angehen.
Wenn du das strategisch und mit Haltung aufbauen willst, findest du in meinem Buch „Die Macht der Kontakte” den Rahmen dafür und im Workbook „Der Network Navigator” die konkreten Übungen. Kein taktisches Netzwerken, sondern ein Kompass für den eigenen Weg.
Und du? Wem schreibst du heute, ohne etwas zu wollen? Schreib mir gern, wie die Reaktion war.
Quellen
- Rajkumar, K. et al.: A causal test of the strength of weak ties, Science, September 2022 — https://www.science.org/doi/10.1126/science.abl4476
- Springer Professional zur Theorie von Ronald S. Burt: Structural Holes, Zusammenfassung von Konzept und empirischen Befunden — https://www.springerprofessional.de/ronald-s-burt-structural-holes/18960628
- Burt, R. S.: Structural Holes and Good Ideas, American Journal of Sociology, 2004, Volltext — https://www.bebr.ufl.edu/sites/default/files/Burt%20-%202004%20-%20Structural%20Holes%20and%20Good%20Ideas.pdf
- Structural holes and firm innovation in industrial clusters, Journal of Business Research, 2025, mit Darstellung der widersprüchlichen Befundlage — https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0148296325002759
- Kumar, A., Epley, N.: Undervaluing Gratitude, Expressers Misunderstand the Consequences of Showing Appreciation, Psychological Science, 2018 — https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0956797618772506
- British Psychological Society: Underestimating the power of gratitude, Einordnung der Befunde — https://www.bps.org.uk/research-digest/underestimating-power-gratitude
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.