Mentoring mit Tiefgang

Im Gespräch mit Diana Plettenberg wurde mir wieder bewusst, wie viel Kraft in persönlichen Begegnungen liegt. Sie erzählt klar, ohne etwas zu beschönigen, und bleibt dabei wertschätzend. Das hat mich in meiner eigenen Haltung als Netzwerkerin bestätigt und mich dazu gebracht, einer Frage nachzugehen, die ich sonst eher aus dem Bauch beantworte: Was macht Mentoring eigentlich wirksam? Die Forschung dazu ist eindeutiger, als ich dachte, und in einem Punkt überraschend unbequem.

Grafik mit dem Titel „Über Vertrauen, Sichtbarkeit und echtes Zuhören" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über die Wirksamkeit von Mentoring

Das Wichtigste in Kürze

  • Mentees erleben nach der Forschungslage einen größeren objektiven und subjektiven Karriereerfolg als Vergleichsgruppen ohne Mentoring [1].
  • Sie sind zufriedener mit Arbeit und Karriereentwicklung, sichtbarer gegenüber einflussreichen Personen und werden schneller befördert [1].
  • Über mehrere Metaanalysen hinweg sind diese Zusammenhänge allerdings durchweg nur schwach ausgeprägt [2].
  • Informelles Mentoring wirkt stärker als formell zugeteiltes, das zeigen Metaanalysen und Einzelstudien übereinstimmend [3].
  • Die Forschung nennt konkrete Bedingungen: sorgfältige Zusammenstellung der Paare, geschulte Mentorinnen und Mentoren sowie mindestens ein Jahr regelmäßiger Austausch [4].

Mentoring wirkt, aber nicht automatisch

Die Forschung bestätigt den Nutzen von Mentoring deutlich, korrigiert dabei aber die Erwartung an seine Größenordnung. Mentees sind motivierter, lernen schneller, etablieren sich rascher in einer neuen Rolle und sind bei einflussreichen Personen in ihrer Organisation sichtbarer. Sie erzielen im Schnitt ein höheres Einkommen, werden schneller befördert und sind mit Arbeit und Karriereentwicklung zufriedener als Vergleichspersonen ohne Mentoring [1].

Und jetzt der Teil, den ich in Mentoring-Broschüren selten lese: Über mehrere Metaanalysen hinweg sind diese Effekte zwar statistisch nachweisbar, aber durchweg schwach ausgeprägt. Das gilt für den Nutzen der Mentees ebenso wie für den der Mentorinnen und Mentoren [2].

Ich finde das nicht entmutigend, sondern hilfreich. Es heißt: Ein Programm allein bewirkt wenig. Die Wirkung entsteht in der Beziehung.

Warum informelles Mentoring stärker wirkt

Zugewiesene Paare wirken schwächer als Verbindungen, die aus eigener Initiative entstehen, und das ist der entscheidende Hinweis für die Praxis. Metaanalysen zeigen einen signifikanten Gesamteffekt von Mentoring auf Karriereergebnisse, wobei informelles Mentoring durchgehend besser abschneidet als formelles [3].

Der Grund liegt nahe. Informelle Beziehungen entstehen dort, wo bereits Interesse und Passung vorhanden sind. Genau das lässt sich in einem Zuteilungsverfahren schwer herstellen.

Für Programme wie unser Mentoring im BPW eClub heißt das: Das Matching ist nicht der organisatorische Vorspann, es ist der wichtigste Teil. Die Forschung nennt dazu klare Prinzipien: sorgfältige Auswahl und Zusammenstellung der Paare, geschulte Mentorinnen und Mentoren und ein regelmäßiger Austausch über mindestens ein Jahr [4].

Anders gesagt: Ein Mentoringprogramm, das nach drei Terminen endet, ist kein Mentoringprogramm.

Was ein gutes Gespräch ausmacht

Genau darüber habe ich mit Diana gesprochen, und ihre Antwort deckt sich mit meiner Erfahrung: Mentoring ist keine einseitige Anleitung. Es setzt aufrichtiges Interesse am Gegenüber voraus.

Der Unterschied zeigt sich in einem einzigen Moment. Wenn jemand nicht nur zuhört, sondern mitdenkt. Wenn die Frage kommt, die man sich selbst schon lange stellt, aber nie ausgesprochen hat. Dann entsteht der Raum, in dem Entwicklung möglich wird.

Die Forschung beschreibt das nüchterner: Mentorinnen und Mentoren wirken nicht nur als Wissensgeber, sondern als Rollenvorbilder, sie vermitteln Netzwerke und leisten emotionale Unterstützung [4]. Es ist die Kombination, die zählt, nicht der Ratschlag.

Sichtbarkeit ist nicht Lautstärke

Was ich aus diesem Gespräch mitnehme, passt zu dem, was ich über Netzwerke ohnehin denke. Netzwerken ist kein Austausch von Visitenkarten, sondern bewusste Beziehungspflege. Und Sichtbarkeit entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Klarheit.

Nicht perfekt. Menschlich. Und mit der Bereitschaft, zuzuhören, bevor man antwortet.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Eine Person ansprechen, von der du lernen willstEine NachrichtInformelles Mentoring wirkt stärker als zugeteiltes [3]
Beim Matching auf Passung statt auf Verfügbarkeit achtenEin Gespräch mehrDie Zusammenstellung der Paare ist der wichtigste Faktor [4]
Mindestens ein Jahr Regelmäßigkeit vereinbarenEin Termin im MonatKurzformate erreichen die belegten Effekte nicht [4]
Als Mentorin anfangen, auch ohne PerfektionEine ZusageAuch Mentorinnen profitieren, das ist mitbelegt [2]
Eine Frage stellen statt eine Lösung anzubietenEin Moment GeduldReflexion wirkt nachhaltiger als Ratschlag
Erwartungen realistisch haltenEine HaltungDie Effekte sind belegt, aber moderat [2]

Häufige Fragen

Bringt Mentoring wirklich etwas?

Ja. Mentees erleben größeren objektiven und subjektiven Karriereerfolg, sind zufriedener und werden schneller befördert [1]. Allerdings sind diese Zusammenhänge über mehrere Metaanalysen hinweg nur schwach ausgeprägt [2]. Mentoring wirkt also, aber es ersetzt keine strukturellen Veränderungen.

Ist formelles oder informelles Mentoring besser?

Informelles Mentoring schneidet in Metaanalysen besser ab [3]. Das spricht nicht gegen Programme, sondern dafür, das Matching sehr sorgfältig zu gestalten und Freiwilligkeit auf beiden Seiten sicherzustellen.

Wie lange sollte eine Mentoring-Beziehung dauern?

Die Forschung empfiehlt einen regelmäßigen Austausch über mindestens ein Jahr, dazu geschulte Mentorinnen und Mentoren und eine geeignete Lernumgebung [4]. Kurzformate über wenige Termine erreichen die belegten Effekte nicht.

Profitieren auch Mentorinnen und Mentoren?

Ja, wenn auch in ähnlich moderatem Umfang. Auch auf ihrer Seite zeigen sich positive Effekte auf Karrierezufriedenheit und Wohlbefinden [2]. Wer das von Anfang an weiß, geht mit einer anderen Haltung in die Rolle.

Was macht ein gutes Mentoring-Gespräch aus?

Aufrichtiges Interesse und die Bereitschaft, mitzudenken statt anzuleiten. Mentorinnen wirken nach der Forschungslage vor allem als Rollenvorbilder, Netzwerkvermittlerinnen und emotionale Unterstützung [4], weniger als Ratgeberinnen im engen Sinn.

Zum Schluss

Ich bin dankbar für dieses Gespräch. Es zeigt, wie viel entsteht, wenn zwei Menschen einander wirklich zuhören.

Und du? Wer hat dir einmal die richtige Frage gestellt, und was hat sie verändert? Schreib es mir.

👉 Hier kannst du den Podcast hören:

Transparenzhinweis: Diana Plettenbergs Buch ist in meinem Verlag Life & Food Farm erschienen. Ich habe also ein wirtschaftliches Interesse an ihrem Erfolg. Ich empfehle das Buch trotzdem, aber ich sage es dazu.

Quellen

  1. Memorandum für Frauen in Führung, Beitrag von Dr. Sophie Drozdzewski: Forschungserkenntnisse zur Wirksamkeit von Mentoring bei Mentees, mit Überblick über die Studienlage — https://mff-memorandum.de/das-besondere-band-forschungserkenntnisse-zur-wirksamkeit-von-mentoring-bei-mentees/
  2. Haufe, zu den Auswertungen von Torsten Biemann (Universität Mannheim) und Heiko Weckmüller (FOM Hochschule) auf Basis mehrerer Metaanalysen: Mentoring, Mentor und Mentee profitieren, schwacher Effekt — https://www.haufe.de/personal/hr-management/mentoring-mentor-und-mentee-profitieren-schwacher-effekt_80_228518.html
  3. Mentessa: Mentoring-Forschung, Übersicht zu Metaanalysen unter anderem von Underhill (2006) und zur Studie von Ragins und Cotton (1999) — https://www.mentessa.com/mentoring-forschung-wirkung-studien-erfolgsfaktoren/
  4. LemaS-Forschungsverbund: Mentoring, Definition, Wirksamkeit und Gestaltungsprinzipien — https://lemas-forschung.de/glossar/mentoring/
  5. Cross Consult: Forschungserkenntnisse zur Wirksamkeit von Mentoring bei Mentees — https://www.crossconsult.de/forschungserkenntnisse-zur-wirksamkeit-von-mentoring-bei-mentees/

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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