Wir haben uns im Irish Pub getroffen, voller Anspannung und mit sehr unterschiedlichen Erwartungen. Von „Hauptsache ein Sitz” bis „vielleicht schaffen wir die 3,1 Prozent wie bei der Europawahl”. Am Ende stand ein Mandat für Volt Essen, und ich durfte als Spitzenkandidatin einziehen. Ein großer Moment. Und daneben eine Zahl, die mich seither begleitet: Frauen in der Kommunalpolitik sind in NRW nicht auf dem Vormarsch, sondern auf dem Rückzug.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen in NRW lag nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 bei 33,2 Prozent, nach 34,4 Prozent im Jahr 2020 [1][2].
- Im Zwanzigjahresvergleich hat sich damit kaum etwas bewegt: 2004 waren es 29,2 Prozent, 2009 waren es 28,8, 2014 waren es 30,1 [1].
- Die Spanne zwischen den kreisfreien Städten ist groß, von 43,3 Prozent in Köln bis 27,6 Prozent in Krefeld [1].
- Bei den Verwaltungsspitzen ist das Bild deutlicher: Nur sechs Frauen sind Oberbürgermeisterin oder Landrätin, gegenüber 48 Männern, das sind 11,1 Prozent [3].
- Der Rat der Stadt Essen hat 82 Sitze, in ihm sind 12 Parteien vertreten, Volt Essen stellt ein Mandat [4].
Wie aus Zuschauen eine Kandidatur wurde
Anfang 2025 habe ich begonnen, mich bei Volt Essen stärker einzubringen. Vorher war ich vor allem auf Bundesebene aktiv und gelegentlich bei Treffen in Essen dabei. Die politischen Entwicklungen bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland haben mich aufgerüttelt. Ich habe gespürt, dass Zusehen nicht reicht.
Dass ich dann relativ schnell als Spitzenkandidatin für die Kommunalwahl aufgestellt wurde, war ein echter Wow-Moment. Und der Beginn von sehr vielen ersten Malen.
Viele erste Male
Ein Team zusammenführen. Menschen kennenlernen und ihre Kompetenzen sichtbar machen. Unterstützungsunterschriften sammeln. An Haustüren klingeln. Zeitressourcen überschätzen. Und trotzdem eine klare Linie und eine Strategie entwickeln.
Darauf bin ich stolz, und zwar weniger wegen des Ergebnisses als wegen der Struktur, die dabei entstanden ist: Website, Flyer, Social Media, Pressearbeit und vor allem sehr viele Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern. Diese Struktur trägt auch dann, wenn ein Wahlkampf vorbei ist.
Das Ergebnis, nüchtern betrachtet
Ein Mandat in einem Rat mit 82 Sitzen ist ein Anfang, kein Machtfaktor, und beides gleichzeitig auszuhalten war die eigentliche Übung. Nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 sind zwölf Parteien im Rat der Stadt Essen vertreten. Volt Essen zog mit einem Sitz ein, ebenso DIE PARTEI, die Tierschutzpartei, BSW und LICHT [4].
Was daraus folgte, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben: Mit einem Sitz allein ist der Handlungsspielraum sehr klein, deshalb entstand die Ratsgruppe Volt & Die PARTEI. Kommunalpolitik ist kein Selbstläufer. Sichtbarkeit muss aufgebaut, Themen müssen beharrlich verfolgt und Bündnisse müssen erst geschlossen werden.
Die Zahl, die mir keine Ruhe lässt
Der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen NRWs ist bei der Wahl 2025 gesunken, und die Forschung sieht darin keinen Ausrutscher, sondern ein Muster. Ein Team des Marie Jahoda Zentrums für internationale Geschlechterforschung und des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung an der Ruhr-Universität Bochum hat die Wahl ausgewertet. Ergebnis: 33,2 Prozent Frauen, nach 34,4 Prozent im Jahr 2020 [1][2].
Der lange Blick ist noch ernüchternder. 2004 lag der Anteil bei 29,2 Prozent, 2009 bei 28,8, 2014 bei 30,1, 2020 bei 34,4 und 2025 bei 33,2 [1]. In zwanzig Jahren also gut vier Prozentpunkte, mit Rückschritt am aktuellen Rand.
Entscheidend ist dabei die parteipolitische Zusammensetzung. In den Ratsfraktionen der kreisfreien Städte lag der Frauenanteil 2025 bei den Grünen bei knapp 55 Prozent, bei der Linken bei 49,8, bei der SPD bei 40,2, bei der CDU bei 28,1, bei der FDP bei 22,3 und bei der AfD bei 20,2 Prozent [2]. Wo Parteien mit hohem Frauenanteil Sitze verlieren, sinkt auch die Frauenrepräsentanz im Rat [1].
Noch deutlicher wird es an der Spitze. Nach Auswertung von IT.NRW haben sechs Frauen das Amt einer Oberbürgermeisterin oder Landrätin inne, gegenüber 48 Männern, ein Anteil von 11,1 Prozent [3]. In den kreisangehörigen Gemeinden setzten sich bei den Bürgermeisterwahlen 2025 nur 43 Kandidatinnen durch, der Anteil liegt bei 11,5 Prozent und damit 3,2 Prozentpunkte niedriger als 2020 [3].
Und dann steht in der Bochumer Auswertung ein Satz, der mich am meisten beschäftigt: Das Forschungsteam befürchtet, dass ein Rollback in Gleichstellungsfragen und eine rauer werdende Streitkultur Frauen von kommunalpolitischem Engagement abschrecken oder von einer erneuten Kandidatur abhalten [1].
Das deckt sich mit dem, was ich höre. Nicht „ich will nicht”, sondern „ich tue mir das nicht an”.
Was daraus folgt
Das Bochumer Team zieht daraus eine klare Konsequenz: Ohne Wahlrechtsreform sei Parität auf kommunaler Ebene in den nächsten Jahren nicht zu erreichen, konkret schlägt es ein reines Verhältniswahlrecht ohne Wahlkreise vor [1][2]. Das ist eine politisch umstrittene Forderung, und ich gebe sie hier bewusst als Position der Forschenden wieder, nicht als meine.
Meine eigene Konsequenz ist kleiner und sofort umsetzbar. Ich komme aus dem Netzwerk Business and Professional Women und weiß, was den Unterschied macht: nicht Appelle, sondern konkrete Begleitung. Wer als Frau kandidiert, braucht jemanden, der erklärt, wie Listenaufstellung funktioniert, was ein Mandat zeitlich bedeutet und wie man mit Gegenwind umgeht.
Deshalb nehme ich mir für diese Wahlperiode vor, genau das anzubieten. Sichtbarkeit ist wichtig, aber Sichtbarkeit allein bringt niemanden auf eine Liste.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Eine Frau, die du für geeignet hältst, direkt ansprechen | Ein Gespräch | Die meisten Kandidaturen beginnen mit einer Aufforderung von außen |
| Zur nächsten Listenaufstellung deiner Partei gehen | Ein Abend | Dort entscheidet sich der Frauenanteil, nicht am Wahltag |
| Bei einer Kandidatin nachfragen, was sie braucht | 10 Minuten | Kinderbetreuung und Sitzungszeiten sind oft die echte Hürde |
| Sitzungszeiten in deinem Gremium hinterfragen | Ein Tagesordnungspunkt | Abendtermine ohne Betreuung schließen Menschen systematisch aus |
| Bei Anfeindungen nicht schweigen | Ein Widerspruch | Die rauer werdende Streitkultur ist ein benannter Abschreckungsfaktor [1] |
| Den Frauenanteil in deinem eigenen Rat nachschlagen | 15 Minuten | Zahlen wirken anders als Eindrücke |
Häufige Fragen
Wie hoch ist der Frauenanteil in den Räten in NRW?
Nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 lag er bei 33,2 Prozent, nach 34,4 Prozent im Jahr 2020. Im Zwanzigjahresvergleich hat sich wenig bewegt: 2004 waren es 29,2 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Auswertung der Ruhr-Universität Bochum [1][2].
Warum ist der Anteil gesunken?
Ein wesentlicher Faktor ist die parteipolitische Zusammensetzung. Parteien mit hohem Frauenanteil in den Fraktionen haben Sitze verloren, Parteien mit niedrigem Anteil gewonnen [1][2]. Das Forschungsteam nennt zusätzlich eine rauer werdende Streitkultur, die Frauen von Kandidaturen abhalte [1].
Wie sieht es an der Verwaltungsspitze aus?
Deutlich schlechter. Sechs Frauen sind Oberbürgermeisterin oder Landrätin, gegenüber 48 Männern, das entspricht 11,1 Prozent. In kreisangehörigen Gemeinden setzten sich 2025 nur 43 Bürgermeisterinnen durch, ein Anteil von 11,5 Prozent und ein Rückgang um 3,2 Prozentpunkte [3].
Was schlägt die Forschung vor?
Das Bochumer Team hält eine Wahlrechtsreform für erforderlich, konkret ein reines Verhältniswahlrecht ohne Wahlkreise, weil Parität sonst auf kommunaler Ebene nicht erreichbar sei [1][2]. Das ist eine politisch umstrittene Forderung, die hier als Position der Forschenden wiedergegeben wird.
Wie ist der Rat der Stadt Essen zusammengesetzt?
Er hat 82 Sitze, in denen zwölf Parteien vertreten sind. Volt Essen stellt wie DIE PARTEI, die Tierschutzpartei, BSW und LICHT ein Mandat [4].
Blick nach vorn
Es fühlt sich an wie der Beginn eines neuen Kapitels, mit Verantwortung, mit Herausforderungen und mit einer echten Chance. Ich wünsche mir eine Zusammenarbeit, die modern, offen und konstruktiv ist, für ein Essen, das lebenswert und fair ist.
Und ich nehme mir vor, in fünf Jahren auf eine bessere Zahl zu schauen als auf 33,2 Prozent.
Und du? Kennst du eine Frau, die kandidieren sollte und es sich noch nicht zutraut? Schreib mir, oder besser: Sprich sie an.
Quellen
- Ruhr-Universität Bochum, Marie Jahoda Zentrum für internationale Geschlechterforschung und Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung: Rückgang des Frauenanteils in Stadt- und Kreisräten, Auswertung der NRW-Kommunalwahl 2025, Januar 2026 — https://news.rub.de/wissenschaft/2026-01-22-studie-zur-kommunalwahl-2025-rueckgang-des-frauenanteils-stadt-und-kreisraeten
- Regionalverband Ruhr: Studie zur Kommunalwahl 2025, Rückgang des Frauenanteils in Stadt- und Kreisräten, Januar 2026 — https://www.rvr.ruhr/news/startseite-news/news/studie-zur-kommunalwahl-2025-rueckgang-des-frauenanteils-in-stadt-und-kreisraeten/
- Landesbetrieb IT.NRW: Frauen in den kommunalen Vertretungen und in der Verwaltungsspitze weiter in der Minderheit, Auswertung der Kommunalwahlen 2025 — https://www.it.nrw/nrw-frauen-den-kommunalen-vertretungen-und-der-verwaltungsspitze-weiter-der-minderheit-128189
- Stadt Essen: Sitzverteilung im Rat der Stadt Essen nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 — https://www.essen.de/rathaus/rat/rat_der_stadt_essenn__sitzverteilung.de.html
- Volt Deutschland, Volt Essen: Ein starkes Fundament für Volt Essen, Einordnung des Wahlergebnisses, September 2025 — https://voltdeutschland.org/essen/neuigkeiten/ein-starkes-fundament-fuer-volt-essen-und-ein-europaeischer-gedanke-der-waechst
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.