Geben und Nehmen im Netzwerk

Der WerteSalon war für mich mehr als eine schöne Veranstaltung. Er war eine Einladung zum ehrlichen Nachdenken: Wie gestalten wir Beziehungen wirklich? Welche Rolle spielen Geben und Nehmen in unseren Netzwerken, beruflich wie privat? Und was passiert, wenn das kippt? Ich durfte an diesem Abend mein Buch „Die Macht der Kontakte” vorstellen und vor allem das Kapitel zur Balance vertiefen. Was mich berührt hat, war die Offenheit der Gäste. Es war ein Abend der Resonanz.

Grafik mit dem Titel „Geben und Nehmen im Netzwerk" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Balance, Grenzen und Beziehungspflege in Netzwerken

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Jahr 2024 waren 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert, nach 39,7 Prozent im Jahr 2019 [1][2].
  • Gleichzeitig investieren die verbliebenen Engagierten wieder mehr Zeit. Die Last verteilt sich also auf weniger Schultern [1].
  • Wer um etwas bittet, unterschätzt die Wirkung systematisch: In vier Experimenten unterschätzten Menschen, wie überrascht und wie positiv ihr Gegenüber auf ausgesprochene Wertschätzung reagiert, und überschätzten die eigene Peinlichkeit [3][4].
  • Die populäre Annahme, man könne höchstens etwa 150 stabile Beziehungen pflegen, ist wissenschaftlich umstritten. Eine Reanalyse kommt je nach Methode auf 69 oder 107 Personen bei enormen Schwankungsbreiten [5][6].
  • Für neue Möglichkeiten sind nicht die engsten, sondern mäßig schwache Verbindungen am wirksamsten, gezeigt an über 20 Millionen Menschen über fünf Jahre [7].

Balance ist kein Gleichstand

Ein funktionierendes Netzwerk braucht kein Gleichgewicht in jeder einzelnen Beziehung, sondern ein tragfähiges Gesamtverhältnis über die Zeit. Genau das meine ich, wenn ich sage, Balance ist nicht Symmetrie.

In vielen Köpfen sitzt die Vorstellung, Netzwerke funktionierten am besten, wenn man entweder besonders viel gibt oder sich clever etwas nimmt. Beides greift zu kurz. Wer nur nimmt, isoliert sich auf Dauer. Wer nur gibt, ohne Grenzen zu setzen, brennt aus oder wird ausgenutzt.

„Beziehungsarbeit bedeutet, das Maß zu finden, nicht für andere, sondern für sich selbst.” (Die Macht der Kontakte, Kapitel 2)

Wichtig ist mir der zweite Teil dieses Satzes. Das Maß, das für dich stimmt, ist nicht das, was andere für angemessen halten.

Dauergeben ist kein Charakterzug, sondern ein strukturelles Problem

Die Zahlen zum Ehrenamt zeigen genau das Muster, das viele aus ihrem eigenen Umfeld kennen: weniger Menschen tragen mehr. Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey, der auf über 27.000 Befragten beruht, waren 2024 rund 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert, nach 39,7 Prozent im Jahr 2019 [1][2]. Gleichzeitig investieren die Engagierten wieder mehr Zeit in ihre Tätigkeit [1].

Das ist der statistische Ausdruck dessen, was in Vereinen, Initiativen und Gremien passiert: Es sind immer dieselben zwanzig Leute. Und diese zwanzig Leute merken irgendwann, dass ihr Geben nicht mehr aus Überzeugung geschieht, sondern aus Gewohnheit und aus Angst, dass es sonst niemand macht.

Deshalb halte ich Grenzen nicht für Egoismus, sondern für Bestandserhaltung. Wer sich aufreibt, fällt aus. Und dann fehlt er ganz.

Nehmen ist kein Schwächezeichen, sondern Vertrauen

Menschen unterschätzen systematisch, wie positiv andere darauf reagieren, wenn man sie einbezieht. In einer Untersuchung von Amit Kumar und Nicholas Epley, veröffentlicht in Psychological Science, schrieben Teilnehmende in vier Experimenten einen Brief an eine Person, die ihr Leben spürbar geprägt hatte, und schätzten anschließend deren Reaktion ein. Danach wurden die Empfängerinnen und Empfänger befragt [3].

Das Ergebnis war eindeutig: Die Schreibenden unterschätzten deutlich, wie überrascht und wie positiv die andere Seite reagierte, und überschätzten, wie unangenehm die Situation für sie selbst wäre. Genau diese Fehleinschätzung führt dazu, dass Menschen seltener auf andere zugehen, als sie eigentlich wollen [3][4].

Ich lese das als Beleg für einen Satz, den ich im Buch anders formuliert habe: Wer nimmt, sagt „ich lasse dich teilhaben”. Das ist Beziehung auf Augenhöhe, keine Bittstellung. Und die andere Seite empfindet es meist als deutlich weniger unangenehm, als wir befürchten.

Meine Beobachtung aus Workshops ist, dass Frauen damit häufiger ringen als Männer. Das ist meine Erfahrung, keine belegte Aussage, und ich kennzeichne das ausdrücklich.

Was du überhaupt tragen kannst

Die Grenze deiner Beziehungspflege ist nicht kognitiv, sondern zeitlich, und das verändert die Frage nach dem richtigen Maß. Die bekannte Zahl von 150 stabilen Beziehungen wird gern als Naturgesetz zitiert. Eine Reanalyse in den Biology Letters der Royal Society kam mit größeren Datensätzen je nach Methode auf 69 oder 107 Personen, bei Schwankungsbreiten von 3,9 bis 508,2 beziehungsweise 0,3 bis 336,3 [5][6]. Die Forschenden schließen daraus, dass es keine harte kognitive Obergrenze für menschliche Sozialität gibt [5].

Für die Balancefrage heißt das: Es gibt keine objektive Zahl, an der du dich messen kannst. Was begrenzt ist, sind Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Wer das anerkennt, hört auf, sich für begrenzte Kapazitäten zu schämen.

Nicht jede Beziehung muss eng sein

Ein häufiges Missverständnis beim Aufräumen von Netzwerken ist, alles wegzulassen, was nicht eng ist, und genau davor warnt die Forschung. Eine 2022 in Science veröffentlichte Untersuchung mit über 20 Millionen Menschen über fünf Jahre zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen für neue Möglichkeiten am wirksamsten sind. Der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U: Ganz enge und ganz lose Kontakte wirken beide schwächer [7].

Übersetzt auf Geben und Nehmen: Nicht in jeder Beziehung muss die Bilanz aufgehen. Es gibt Verbindungen, die locker bleiben dürfen, und genau die eröffnen oft die überraschenden Wege. Die Balance zählt über das gesamte Netzwerk, nicht in jeder einzelnen Zeile.

Drei Übungen für deine Balance

Diese Punkte stammen aus meiner Praxis und aus dem Workbook „Der Network Navigator”, nicht aus Studien. Ich kennzeichne das ausdrücklich.

Erstens: Kläre dein inneres Warum beim Geben. Frag dich regelmäßig, ob du aus echtem Wunsch handelst oder um etwas zurückzubekommen. Nur Geben ohne Erwartung bleibt langfristig tragfähig.

Zweitens: Erkenne Grenzen und benenne sie freundlich. Netzwerkpflege ist keine Selbstaufgabe. Wenn eine Beziehung dich regelmäßig erschöpft, darfst du das ansprechen oder dich entscheiden loszulassen.

Drittens: Erlaube dir zu nehmen. Nehmen ist kein Schwächezeichen, es ist Vertrauen. Und wie die Forschung zeigt, wirkt es auf die andere Seite fast immer positiver, als du erwartest [3].

Drei Fragen, die im WerteSalon am meisten ausgelöst haben:

  • Woran erkenne ich, ob ich zu viel gebe oder zu wenig?
  • Fühle ich mich in dieser Beziehung verpflichtet oder verbunden?
  • Welche Energie ziehe ich aus dieser Beziehung, und was investiere ich wirklich?

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Fünf Beziehungen aufschreiben und je Rolle notieren20 MinutenUngleichgewichte werden erst sichtbar, wenn man sie aufschreibt
Bei einer Zusage einmal „nein” sagen und es begründenEin SatzGrenzen sind Bestandserhaltung, nicht Egoismus
Einmal aktiv um Unterstützung bittenEine NachrichtDie Reaktion fällt fast immer positiver aus als erwartet [3]
Prüfen, ob dein Geben aus Wunsch oder aus Gewohnheit geschiehtEin MomentGeben aus Angst vor Lücken hält nicht lange
Eine lockere Verbindung bewusst locker lassenEine EntscheidungNicht jede Beziehung muss ausgeglichen sein [7]
In deinem Verein fragen, wer alles trägtEin GesprächDie Last verteilt sich statistisch auf weniger Schultern [1]

Häufige Fragen

Was bedeutet Balance im Netzwerk?

Nicht Gleichstand, sondern ein tragfähiges Verhältnis über die Zeit und über das gesamte Netzwerk hinweg. Einzelne Beziehungen dürfen unausgeglichen sein. Problematisch wird es, wenn dauerhaft dieselbe Seite gibt oder dieselbe Seite nimmt.

Ist zu viel geben wirklich ein Problem?

Ja, und es ist auch ein strukturelles. Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey ist der Anteil Engagierter von 39,7 Prozent im Jahr 2019 auf 36,7 Prozent 2024 gesunken, während die Engagierten wieder mehr Zeit investieren [1][2]. Weniger Menschen tragen mehr, das erhöht das Risiko von Überlastung.

Warum fällt Nehmen so schwer?

Weil wir die Reaktion der anderen Seite falsch einschätzen. In vier Experimenten unterschätzten Menschen, wie überrascht und positiv Empfänger auf ausgesprochene Wertschätzung reagieren, und überschätzten die eigene Peinlichkeit [3][4]. Diese Fehleinschätzung hält viele davon ab, überhaupt zu fragen.

Wie viele Kontakte kann man pflegen?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Die oft zitierten 150 stammen aus einer Hochrechnung, die eine Reanalyse in den Biology Letters nicht bestätigen konnte, dort ergaben sich je nach Methode 69 oder 107 bei sehr großen Schwankungsbreiten [5][6]. Begrenzt sind Zeit und Aufmerksamkeit, nicht das Gehirn.

Muss jede Beziehung eng sein?

Nein, und es wäre sogar nachteilig. Eine Untersuchung in Science mit über 20 Millionen Menschen zeigt, dass mäßig schwache Verbindungen für neue Möglichkeiten am wirksamsten sind [7]. Lockere Kontakte brauchen keine ausgeglichene Bilanz.

Mein Fazit aus dem WerteSalon

Ich gehe dankbar und nachdenklich aus diesem Abend. Es tut gut zu sehen, dass über emotionale und strategische Aspekte von Netzwerken ohne Oberflächlichkeit gesprochen werden kann.

Ein besonderer Dank geht an Elita Wiegand, die mit dem LAB „Zur Goldenen Idee, New Work Lab Düsseldorf” einen Raum geschaffen hat, in dem Werte nicht nur diskutiert, sondern gelebt werden.

Ein gutes Netzwerk entsteht nicht durch Anzahl, sondern durch Aufmerksamkeit. Und die Balance zwischen Geben und Nehmen ist kein Zustand, den man erreicht, sondern ein Prozess, den man führt.

Und du? In welcher Beziehung ist dein Verhältnis von Geben und Nehmen gerade aus dem Lot? Schreib es mir, ich sammle solche Beispiele für die nächsten Workshops.

Quellen

  1. Bundesregierung, Staatsministerin für Sport und Ehrenamt: Bericht zur Lage von Engagement und Ehrenamt, zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys 2024, November 2025 — https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064
  2. Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE): Zentrale Ergebnisse des Fünften Deutschen Freiwilligensurveys 2019 — https://www.b-b-e.de/aktuelles/detail/freiwilliges-engagement-in-deutschland-zentrale-ergebnisse-des-fuenften-deutschen-freiwilligensurveys-fws-2019-veroeffentlicht/
  3. Kumar, A., Epley, N.: Undervaluing Gratitude, Expressers Misunderstand the Consequences of Showing Appreciation, Psychological Science, 2018 — https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0956797618772506
  4. British Psychological Society: Underestimating the power of gratitude, Einordnung der Befunde — https://www.bps.org.uk/research-digest/underestimating-power-gratitude
  5. Lindenfors, P., Wartel, A., Lind, J.: „Dunbar’s number” deconstructed, Biology Letters der Royal Society, Mai 2021 — https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsbl.2021.0158
  6. science.ORF.at: Gehirn, Zahl der Sozialkontakte nicht vorbestimmt, Darstellung der Berechnungswege und Schwankungsbreiten, Mai 2021 — https://science.orf.at/stories/3206364/
  7. Rajkumar, K. et al.: A causal test of the strength of weak ties, Science, September 2022 — https://www.science.org/doi/10.1126/science.abl4476

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

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