Wofür stehen wir noch ein?

Die Mitgliederversammlung von Business and Professional Women Germany in Berlin war für mich mehr als ein Termin. Als Wahlleitung durfte ich die Wahl eines nahezu vollständig neuen Bundesvorstands begleiten. Ein kraftvoller Übergang, kein Bruch. Und trotzdem ging ich mit einer Frage nach Hause, die mich seither begleitet: Was bedeutet es heute noch, Teil eines Netzwerks zu sein, und warum fällt die Antwort darauf so vielen schwer?

Grafik mit dem Titel „Wofür stehen wir noch ein?" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Frauennetzwerke, Ehrenamt und verbindliche Teilhabe

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Jahr 2024 waren 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert, rund 27 Millionen Menschen. 2019 waren es noch 39,7 Prozent [1][2].
  • Gleichzeitig investieren die verbliebenen Engagierten wieder mehr Zeit. Die Arbeit verteilt sich auf weniger Schultern [1].
  • Der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen in NRW ist 2025 auf 33,2 Prozent gesunken, nach 34,4 Prozent im Jahr 2020 [3].
  • An der Verwaltungsspitze sind es 11,1 Prozent: sechs Oberbürgermeisterinnen und Landrätinnen gegenüber 48 Männern [4].
  • Für neue Möglichkeiten sind nicht die engsten Kontakte am wirksamsten, sondern mäßig schwache Verbindungen, gezeigt an über 20 Millionen Menschen über fünf Jahre [5].

Der Rückgang ist real, und er ist messbar

Was Verbände seit Jahren spüren, lässt sich inzwischen belegen: Der Anteil engagierter Menschen sinkt, und die Last konzentriert sich auf die, die bleiben. Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey, der auf über 27.000 Befragten beruht, waren 2024 rund 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert, das entspricht etwa 27 Millionen Menschen. Im Jahr 2019 lag der Anteil noch bei 39,7 Prozent [1][2].

Der zweite Befund ist der wichtigere: Die Engagierten investieren wieder mehr Zeit in ihre Tätigkeit [1]. Es sind also nicht nur weniger Menschen, es sind auch dieselben Menschen, die mehr tragen.

Genau das erlebe ich in Gesprächen mit Frauen aus ganz Deutschland, und ich höre es genauso von Architektenkammern, Ärzteverbänden und Branchenvereinen. Mitgliederschwund, Überalterung, sinkende Beteiligung. Das ist kein Problem einzelner Organisationen, sondern eine Verschiebung im Verständnis von verbindlicher Teilhabe.

„Was bringt mir das?” ist die falsche Frage

Der Nutzen eines Netzwerks entsteht überwiegend aus Verbindungen, die man vorher nicht als nützlich erkannt hätte, und genau deshalb lässt er sich nicht im Voraus berechnen. Eine 2022 in Science veröffentlichte Untersuchung wertete randomisierte Experimente über fünf Jahre mit mehr als 20 Millionen Menschen aus. Ergebnis: Die wirksamsten Verbindungen für neue Möglichkeiten sind nicht die engsten, sondern die mäßig schwachen. Der Zusammenhang verläuft als umgekehrtes U, ganz enge und ganz lose Kontakte wirken beide schwächer [5].

Übersetzt heißt das: Der Wert liegt genau bei den Menschen, die man noch nicht gut kennt. Bei denen also, deren Nutzen man beim Beitritt unmöglich beziffern kann.

Wer ein Netzwerk mit der Frage betritt, was es ihm konkret bringt, misst es an einem Maßstab, den es nicht erfüllen kann. Netzwerke sind keine Dienstleistungen, die man bucht. Sie sind Resonanzräume. Wer Teil eines Netzwerks ist, bringt nicht nur sich selbst ein, sondern trägt auch Verantwortung für die Struktur, in der er sich bewegt.

Das ist keine moralische Belehrung, sondern eine Beschreibung, wie diese Systeme funktionieren.

Warum Frauennetzwerke nicht überflüssig geworden sind

Wer meint, Frauennetzwerke hätten sich erledigt, sollte einen Blick auf die Zahlen der letzten Kommunalwahl werfen. Ein Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum hat die NRW-Kommunalwahl 2025 ausgewertet: Der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen ist auf 33,2 Prozent gesunken, nach 34,4 Prozent im Jahr 2020. Im Zwanzigjahresvergleich hat sich kaum etwas bewegt, 2004 lag der Wert bei 29,2 Prozent [3].

An der Spitze ist das Bild noch deutlicher. Nach Auswertung von IT.NRW haben sechs Frauen das Amt einer Oberbürgermeisterin oder Landrätin inne, gegenüber 48 Männern, ein Anteil von 11,1 Prozent. Bei den Bürgermeisterwahlen 2025 setzten sich in kreisangehörigen Gemeinden nur 43 Kandidatinnen durch, ein Rückgang um 3,2 Prozentpunkte gegenüber 2020 [4].

Das Bochumer Team nennt als einen Grund eine rauer werdende Streitkultur, die Frauen von Kandidaturen abhalte [3].

Wenn das der Befund ist, dann sind geschützte Räume zum Ausprobieren keine Nettigkeit. Sie sind Infrastruktur.

Die Beitragsdebatte ist eine Haltungsdebatte

Bei der Versammlung ging es auch um eine Beitragserhöhung. Wirtschaftlich ist sie nachvollziehbar, steigende Kosten und sinkende Mitgliederzahlen gehen an keiner Organisation vorbei. Die Sorge ist trotzdem groß, besonders in kleineren Clubs und in ländlichen Regionen: Gehen Frauen, wenn wir mehr fordern?

Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Wer nur nach dem Preis fragt, hat den Wert schon aus dem Blick verloren. Und wer nur den Wert beschwört, ohne den Preis zu erklären, verliert Vertrauen.

Was hilft, ist Transparenz: Wofür wird das Geld verwendet, was entfällt ohne diese Mittel, und welche Wirkung ist belegbar. Das ist unbequemer als eine Wertedebatte, aber es ist die Debatte, die man führen muss.

Was ein Netzwerk wie BPW tatsächlich anbietet

Mentoringprogramme, Leadership-Reihen, internationale Verbindungen, überregionale Veranstaltungen, Gründungsimpulse. Und vor allem Räume, in denen man sich ausprobieren darf.

Wer zum ersten Mal vor Publikum sprechen will, findet hier einen Ort, an dem Nervosität erlaubt ist. Wer eine Leitungsrolle testen möchte, bekommt Unterstützung statt Druck. Wer sich orientieren will, bekommt ehrliches Feedback.

Ich denke dabei an die vielen Ehrenamtlichen im Deutschen Frauenrat, bei BPW International und auf europäischer Ebene, die seit Jahrzehnten Türen geöffnet haben. Diese Arbeit ist nicht sichtbar, und sie wird selten gedankt. Das gehört zu den Gründen, warum sie schwerer nachzubesetzen ist.

Was du konkret tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Eine Ehrenamtliche in deinem Verband ansprechen und dankenEine NachrichtAnerkennung ist der günstigste Bindungsfaktor, den es gibt
Ein einziges Amt übernehmen, auch ein kleinesEin Jahr36,7 Prozent tragen alles, jede zusätzliche Person entlastet [1]
Eine jüngere Frau mitbringenEine EinladungNachwuchs entsteht fast nie aus einem allgemeinen Aufruf
Bei der Beitragsdebatte nach Verwendung und Wirkung fragenEine FrageTransparenz überzeugt besser als Appelle
Kontakte pflegen, deren Nutzen du nicht beziffern kannstZwei Gespräche im QuartalGenau dort liegt der belegte Nutzen [5]
Eine Kandidatur unterstützen, statt nur zu bedauernEin GesprächDer Frauenanteil in den Räten ist zuletzt gesunken [3]

Häufige Fragen

Geht das Ehrenamt in Deutschland zurück?

Anteilig ja. Nach dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey waren 2024 rund 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren engagiert, nach 39,7 Prozent im Jahr 2019 [1][2]. Gleichzeitig investieren die verbliebenen Engagierten mehr Zeit, die Belastung konzentriert sich also [1].

Was bringt mir eine Mitgliedschaft in einem Netzwerk?

Das lässt sich vorher schwer beziffern, und das ist keine Ausrede. Eine Untersuchung in Science mit über 20 Millionen Menschen zeigt, dass die wirksamsten Verbindungen für neue Möglichkeiten die mäßig schwachen sind [5]. Der Nutzen entsteht also gerade bei Menschen, die man beim Beitritt noch nicht kennt.

Sind Frauennetzwerke heute noch nötig?

Die Zahlen sprechen dafür. Der Frauenanteil in den kommunalen Vertretungen NRWs sank 2025 auf 33,2 Prozent [3], an der Verwaltungsspitze liegt er bei 11,1 Prozent [4]. In zwanzig Jahren hat sich wenig bewegt, zuletzt ging es zurück.

Warum steigen die Mitgliedsbeiträge?

Weil steigende Kosten und sinkende Mitgliederzahlen zusammenkommen. Wichtiger als die Höhe ist aus meiner Sicht die Transparenz: wofür die Mittel verwendet werden, was ohne sie entfällt und welche Wirkung belegbar ist.

Wie finde ich heraus, ob ein Netzwerk zu mir passt?

Indem du zwei bis drei Formate besuchst, bevor du entscheidest, und dabei nicht auf den Nutzen achtest, sondern auf die Gespräche. Wenn du nach einem Abend mit einer neuen Frage nach Hause gehst, stimmt die Richtung.

Zum Schluss

Netzwerken ist kein Werkzeug zur Selbstvermarktung. Es ist eine Entscheidung für Verbindung, für Perspektivwechsel, für gemeinsames Lernen. Wer sich nur nimmt, steht irgendwann in einem leeren Raum.

Für mich war diese Versammlung ein Moment der Bestärkung. Strukturen bleiben lebendig, wenn wir sie immer wieder mit Inhalt füllen. Netzwerke sind kein Auslaufmodell. Sie sind ein Zukunftsmodell, wenn wir bereit sind, sie zu tragen.

Und du? Wofür stehst du in deinem Netzwerk ein, auch wenn es dir gerade nichts einbringt? Schreib es mir.

Quellen

  1. Bundesregierung, Staatsministerin für Sport und Ehrenamt: Bericht zur Lage von Engagement und Ehrenamt, zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys 2024, November 2025 — https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/startseite-staatsministerin-fuer-sport-und-ehrenamt/bericht-zur-lage-von-engagement-und-ehrenamt-veroeffentlicht-2393064
  2. Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE): Zentrale Ergebnisse des Fünften Deutschen Freiwilligensurveys 2019 — https://www.b-b-e.de/aktuelles/detail/freiwilliges-engagement-in-deutschland-zentrale-ergebnisse-des-fuenften-deutschen-freiwilligensurveys-fws-2019-veroeffentlicht/
  3. Ruhr-Universität Bochum, Marie Jahoda Zentrum für internationale Geschlechterforschung und Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung: Rückgang des Frauenanteils in Stadt- und Kreisräten, Auswertung der NRW-Kommunalwahl 2025, Januar 2026 — https://news.rub.de/wissenschaft/2026-01-22-studie-zur-kommunalwahl-2025-rueckgang-des-frauenanteils-stadt-und-kreisraeten
  4. Landesbetrieb IT.NRW: Frauen in den kommunalen Vertretungen und in der Verwaltungsspitze weiter in der Minderheit — https://www.it.nrw/nrw-frauen-den-kommunalen-vertretungen-und-der-verwaltungsspitze-weiter-der-minderheit-128189
  5. Rajkumar, K. et al.: A causal test of the strength of weak ties, Science, September 2022 — https://www.science.org/doi/10.1126/science.abl4476
  6. Publikationen der Bundesregierung: Sechster Deutscher Freiwilligensurvey (FWS 2024), Kurzbericht — https://www.publikationen-bundesregierung.de/pp-de/publikationssuche/freiwilligensurvey-6-2393642

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

Nach oben scrollen