Lebensmittelverschwendung stoppen: Warum Ernährung eine politische Aufgabe ist

Nach den intensiven Wochen des Wahlkampfs kehrt wieder Raum für Inhalte ein, und darauf freue ich mich am meisten. Denn es gibt Themen, die keine Pause kennen. Lebensmittelverschwendung ist eines davon. Und seit Oktober 2025 ist sie nicht mehr nur ein Appell an gutes Verhalten, sondern eine europäische Rechtspflicht mit Frist.

Grafik mit dem Titel „Lebensmittelverschwendung stoppen" zum Blogbeitrag von Mandy Hindenburg über Lebensmittelabfälle, EU-Ziele und kommunale Ernährungspolitik

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Jahr 2023 fielen in Deutschland entlang der Lebensmittelversorgungskette knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an, genau 10,9 Millionen Tonnen [1][2].
  • Rund 58 Prozent davon entstanden in privaten Haushalten, 17 Prozent in der Verarbeitung, 16 Prozent in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung, 7 Prozent im Handel und 2 Prozent in der Landwirtschaft [1].
  • In der EU werden jährlich fast 60 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet, etwa 132 Kilogramm pro Kopf, mehr als die Hälfte davon in Haushalten [3][4].
  • Die überarbeitete EU-Abfallrahmenrichtlinie trat im Oktober 2025 in Kraft und muss bis Juni 2027 in nationales Recht umgesetzt werden [5].
  • Erstmals gelten verbindliche Ziele bis Ende 2030: minus 10 Prozent in Verarbeitung und Herstellung, minus 30 Prozent pro Kopf in Handel, Gastronomie und Haushalten, gemessen am Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2023 [4][5].

Aus einem Appell ist eine Rechtspflicht geworden

Der wichtigste Satz zu diesem Thema lautet seit Oktober 2025: Lebensmittelverschwendung zu reduzieren ist keine freiwillige Leistung mehr, sondern eine verbindliche Zielvorgabe mit Stichtag. Das Europäische Parlament hat im September 2025 die überarbeitete Abfallrahmenrichtlinie beschlossen, sie trat als Richtlinie (EU) 2025/1892 im Oktober 2025 in Kraft [5]. Die Mitgliedstaaten müssen bis zum 31. Dezember 2030 die Lebensmittelabfälle in Verarbeitung und Herstellung um 10 Prozent senken und in Handel, Gastronomie und Haushalten um 30 Prozent pro Kopf, jeweils gemessen am Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2023 [4][5].

Zwei Dinge sind daran wichtig. Erstens: Die Ziele gelten für den Sektor insgesamt, nicht für einzelne Unternehmen [5]. Zweitens: Die Umsetzung in deutsches Recht, konkret in das Kreislaufwirtschaftsgesetz, muss bis Juni 2027 erfolgen [5]. Das heißt, in den nächsten Monaten wird entschieden, mit welchen Instrumenten Deutschland diese Ziele erreichen will.

Kritik daran gibt es auch, und ich halte sie für berechtigt: Der Agrarsektor wurde von den verbindlichen Zielen ausgenommen [6]. Und die Richtlinie unterscheidet nicht sauber zwischen vermeidbarer Verschwendung und unvermeidbaren Abfällen wie Schalen oder Knochen, was die Zielerreichung schwer messbar macht [7].

Wo die Abfälle tatsächlich entstehen

Der größte Hebel liegt in privaten Küchen, und das macht die Aufgabe schwieriger, nicht leichter. Nach dem Bericht, den das Umweltbundesamt an die EU-Kommission übermittelt hat, fielen 2023 in Deutschland knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Davon entstanden rund 58 Prozent in privaten Haushalten, etwa 17 Prozent in der Verarbeitung, 16 Prozent in Restaurants, Gemeinschaftsverpflegung und Catering, rund 7 Prozent im Handel und etwa 2 Prozent in der Landwirtschaft [1][2].

Eine Einordnung zur Genauigkeit, weil sie oft fehlt: In diesen Zahlen stecken sowohl vermeidbare Abfälle wie verdorbene Lebensmittel und Speisereste als auch unvermeidbare Bestandteile wie Schalen, Strünke, Kaffeesatz und Knochen [1]. Wer also sagt, jeder Mensch werfe 129 Kilogramm Lebensmittel weg, sagt nicht ganz das, was gemeint ist. Und die häufig zitierten 74,5 Kilogramm pro Kopf beziehen sich auf den Anteil, der in privaten Haushalten anfällt, nicht auf die Gesamtmenge [8].

Auch die bekannte Zahl, weltweit werde ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weggeworfen, stammt aus einer Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen [2]. Sie ist eindrücklich, aber älter und methodisch umstritten. Ich nenne sie deshalb mit dieser Einordnung und nicht als harte Zahl.

Das ändert nichts an der Richtung. Es ändert nur den Ton, in dem man darüber spricht.

Warum das eine politische und keine private Frage ist

Wenn die EU-Ziele bis 2030 erreicht werden sollen und 58 Prozent der Abfälle in Haushalten entstehen, dann entscheidet sich die Zielerreichung dort, wo Menschen leben, also in den Kommunen. Genau deshalb halte ich es für falsch, Ernährung weiterhin als Privatsache zu behandeln.

Was und wie wir essen, beeinflusst Klima, Wirtschaft, Gesundheit und Bildung. Und die Instrumente, mit denen sich Haushaltsverhalten überhaupt erreichen lässt, liegen überwiegend auf kommunaler Ebene: Schulen, Kitas, Kantinen, Wochenmärkte, Abfallberatung, Vereinsförderung, Beschaffung.

Der Bund hat mit der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung bereits das Ziel formuliert, das Aufkommen bis 2030 in allen Sektoren zu verringern [2]. Was fehlt, ist die Übersetzung in die Fläche.

Was Kommunalpolitik konkret tun kann

Ich setze mich dafür ein, dass Ernährung in Essen als strategisches Handlungsfeld verankert wird. Fünf Punkte halte ich für die wirksamsten.

Erstens Ernährungsbildung in Schulen. Ich bin regelmäßig in Schulen und spreche mit Kindern und Jugendlichen über Lebensmittelverschwendung. Kinder lernen durch Erleben, nicht durch Belehrung.

Zweitens öffentliche Einrichtungen als Vorbild. Kitas, Schulen, Pflegeheime und Behörden beschaffen täglich große Mengen. Wer hier ansetzt, erreicht Menschen unabhängig von deren Einkommen.

Drittens eine kommunale Ernährungsstrategie mit messbaren Zielen. Nicht als Absichtserklärung, sondern mit Zuständigkeiten und Berichtspflicht. Die EU-Ziele geben dafür ab 2027 den Rahmen vor [5].

Viertens bestehende Netzwerke stärken statt neue gründen. Initiativen, Vereine und Sozialunternehmen leisten die Arbeit bereits. Ich bin selbst Mitglied im Ernährungsrat Essen, bei Slow Food Deutschland und bei Foodsharing. Politik sollte diese Strukturen finanziell und organisatorisch tragen, statt parallel eigene Projekte aufzusetzen.

Fünftens die Weitergabe erleichtern. Die neue Richtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten ausdrücklich, die Weitergabe von Lebensmitteln zu vereinfachen [9]. Für Kommunen heißt das: rechtliche Unsicherheiten bei Spenden ausräumen, Kühlketten und Logistik unterstützen.

Was du zu Hause tun kannst

SchrittAufwandWirkung
Mahlzeiten für die Woche planen15 MinutenGezielter Einkauf ist der größte Einzelhebel im Haushalt
Mindesthaltbarkeitsdatum richtig lesenEin Moment„Mindestens haltbar bis” heißt nicht „ab dann verdorben”
Lagerung prüfen, besonders Obst und GemüseEine halbe Stunde einmaligFalsche Lagerung ist ein häufiger Wegwerfgrund
Reste als eigene Mahlzeit einplanenEin KochabendSuppe, Auflauf, Croutons, das ist keine Notlösung
Überschüsse über Foodsharing oder Nachbarschaft weitergeben10 MinutenWeitergabe wird durch die neue Richtlinie ausdrücklich gefördert [9]
In Schule, Verein oder Betrieb das Thema auf die Tagesordnung setzenEin Tagesordnungspunkt16 Prozent der Abfälle entstehen in der Außer-Haus-Verpflegung [1]

Häufige Fragen

Wie viele Lebensmittel werden in Deutschland weggeworfen?

Im Jahr 2023 waren es knapp 11 Millionen Tonnen entlang der gesamten Versorgungskette. Rund 58 Prozent entstanden in privaten Haushalten, 17 Prozent in der Verarbeitung, 16 Prozent in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung, 7 Prozent im Handel und 2 Prozent in der Landwirtschaft [1].

Gibt es verbindliche Ziele zur Reduzierung?

Ja, seit Oktober 2025. Die überarbeitete EU-Abfallrahmenrichtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis Ende 2030 die Lebensmittelabfälle in Verarbeitung und Herstellung um 10 Prozent und in Handel, Gastronomie und Haushalten um 30 Prozent pro Kopf zu senken, gemessen am Durchschnitt 2021 bis 2023 [4][5].

Bis wann muss Deutschland das umsetzen?

Bis Juni 2027. Die Richtlinie ist im Oktober 2025 in Kraft getreten, die Mitgliedstaaten haben 20 Monate Zeit für die Umsetzung in nationales Recht, in Deutschland im Rahmen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes [5].

Sind die 129 Kilogramm pro Kopf alles essbare Lebensmittel?

Nein. Die amtlichen Zahlen umfassen sowohl vermeidbare Abfälle wie Speisereste und verdorbene Lebensmittel als auch unvermeidbare Bestandteile wie Schalen, Strünke, Kaffeesatz und Knochen [1]. Der oft genannte Wert von 74,5 Kilogramm bezieht sich auf den Anteil aus privaten Haushalten [8].

Was kann eine Stadt konkret tun?

Ernährung als Handlungsfeld verankern, mit messbaren Zielen und klaren Zuständigkeiten. Konkret: Ernährungsbildung in Schulen, nachhaltige Beschaffung in Kitas, Schulen und Verwaltung, Unterstützung bestehender Initiativen statt neuer Parallelstrukturen und Erleichterung der Lebensmittelweitergabe [9].

Meine Vision

Ich glaube, dass Veränderung nur entsteht, wenn Menschen nicht nur reden, sondern handeln. Seit über einem Jahr baue ich die vilaron Stiftung auf, organisatorisch und bürokratisch. Jetzt geht es darum, sie mit Leben zu füllen.

Mein Ziel ist, dass Lebensmittelverschwendung lokal bekämpft und europäisch gedacht wird. Genau dafür gibt es jetzt einen Rahmen, der bis 2027 gefüllt werden muss. Wer in diesem Zeitfenster gute lokale Modelle vorweisen kann, hat gute Aussichten auf Förderung.

Dafür braucht es Unternehmen, die Verantwortung übernehmen, Privatpersonen, die mitdenken, und Initiativen, die sich vernetzen.

Mach mit. Ich lade Schulen, Unternehmen und Initiativen ein, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten, ob Workshop, Vortrag oder Projekt. Schreib mir, welche Idee du hast.

Quellen

  1. Umweltbundesamt: Lebensmittelabfälle, Bericht an die EU-Kommission für das Bezugsjahr 2023 — https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/abfallvermeidung/lebensmittelabfaelle
  2. Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU): Lebensmittelverluste, Einordnung der UBA-Zahlen für 2023 und der FAO-Schätzung, Jahresbericht 2025 — https://www.dbu.de/jahresbericht/jahr-2025/lebensmittelverluste/
  3. Europäisches Parlament: Lebensmittelverschwendung in Europa, Fakten, EU-Maßnahmen und Ziele bis 2030 — https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20240318STO19401/lebensmittelverschwendung-in-europa-fakten-eu-massnahmen-und-ziele-bis-2030
  4. Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland: Weniger Lebensmittelverschwendung und Textilabfälle, neue Abfallrahmenrichtlinie in Kraft, Oktober 2025 — https://germany.representation.ec.europa.eu/news/weniger-lebensmittelverschwendung-und-textilabfalle-neue-abfallrahmenrichtlinie-kraft-2025-10-16_de
  5. Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR): Lebensmittelabfälle, erstmals verbindliche Reduktionsziele festgelegt, zur Richtlinie (EU) 2025/1892 — https://www.fnr.de/presse/pressemitteilungen/aktuelle-mitteilungen/aktuelle-nachricht/lebensmittelabfaelle-erstmals-verbindliche-reduktionsziele-festgelegt
  6. euronews: Werden neue rechtsverbindliche Ziele den Kampf gegen die Verschwendung voranbringen, zur Ausnahme des Agrarsektors, März 2025 — https://de.euronews.com/my-europe/2025/03/12/werden-neue-rechtsverbindliche-ziele-den-kampf-gegen-die-verschwendung-voranbringen
  7. Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE): Bewertung der Einigung zur Abfallrahmenrichtlinie, Februar 2025 — https://www.bde.de/themen/europa-link/bdevoeb-europaspiegel-februar-2025/abfallrahmenrichtlinie/
  8. Zu gut für die Tonne, Initiative des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Lebensmittelabfälle in Zahlen — https://www.zugutfuerdietonne.de/unsere-strategie/lebensmittelabfaelle-in-zahlen
  9. 320°: EU-Parlament beschließt Abfallrahmenrichtlinie, unter anderem zur Erleichterung der Lebensmittelweitergabe, September 2025 — https://320grad.de/2025/09/09/eu-parlament-beschliesst-abfallrahmenrichtlinie/

Über mich

Deine Mandy Hindenburg

Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG

Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.

Nach oben scrollen