Anfang 2025 hatte ich nicht vor, in die Kommunalpolitik zu gehen. Ich war gesellschaftlich aktiv, habe an nachhaltigen Konzepten und Bildungsprojekten gearbeitet, aber Ratsarbeit als Institution war kein geplanter Schritt. Vier Monate später führte ich als Spitzenkandidatin von Volt Essen ein Team in den Wahlkampf. Was ich in den Monaten danach gelernt habe, war weniger inhaltlich als strukturell, und einiges davon steht in keinem Ratgeber.

Das Wichtigste in Kürze
- Nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 sind 12 Parteien im Rat der Stadt Essen vertreten, der Rat hat 82 Sitze [1][2].
- Volt Essen zog mit einem Mandat ein, ebenso DIE PARTEI, die Tierschutzpartei, BSW und LICHT [1][2].
- In Räten mit mehr als 74 Mitgliedern braucht eine Fraktion nach § 56 der Gemeindeordnung NRW mindestens vier Mitglieder, eine Gruppe mindestens zwei [3].
- Ratsmitglieder sind für die Zeit der Mandatsausübung von ihrer Arbeitspflicht freigestellt, der Verdienstausfall wird ersetzt, bei einem Höchstbetrag von 84 Euro pro Stunde [4].
- Selbstständige erhalten dabei keine nachgewiesene Erstattung, sondern eine Pauschale nach billigem Ermessen auf Grundlage des glaubhaft gemachten Einkommens [4].
Vom „das mache ich nicht” zur Spitzenkandidatur
Diese Entwicklung kam schnell, und sie kam intensiv. Vor allem aber bedeutete sie, mich auf ein System einzulassen, das eigene Regeln hat und nicht so funktioniert wie freie Projektarbeit.
Kommunalpolitik ist kein Raum für spontane Umsetzung. Sie ist geprägt von Zuständigkeiten, formalen Abläufen und lang gewachsenen Routinen. Sich darin zurechtzufinden braucht Zeit, Geduld und die Bereitschaft, nicht alles sofort einordnen zu können. Ich sage das ohne Bitterkeit: Diese Langsamkeit hat Gründe, und einige davon sind gute.
Die erste Ratssitzung im November war dicht. Atmosphäre, Sprache, Tempo, Abläufe. Und die Erkenntnis, dass Ratsarbeit nicht nur aus Sachthemen besteht, sondern auch aus Dynamiken und ungeschriebenen Regeln, die man erst mit der Zeit erkennt.
Was ein Sitz im Rat bedeutet, und was nicht
Der wichtigste strukturelle Unterschied in der Kommunalpolitik verläuft nicht zwischen Regierung und Opposition, sondern zwischen Fraktion und allem darunter. Nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 sind zwölf Parteien im Rat der Stadt Essen vertreten. Der Rat hat 82 Sitze: CDU 25, SPD 19, AfD 14, Grüne 10, Linke 5, FDP und Essener Bürgerbündnis je 2, sowie DIE PARTEI, Tierschutzpartei, BSW, LICHT und Volt mit je einem Sitz [1][2].
Was das praktisch heißt, steht in § 56 der Gemeindeordnung NRW. In Räten mit mehr als 74 Mitgliedern muss eine Fraktion aus mindestens vier Mitgliedern bestehen. Eine Gruppe kommt mit zwei Mitgliedern aus [3]. Fraktionen und Gruppen erhalten Zuwendungen für ihre Geschäftsführung, seit der Reform von 2007 haben auch Gruppen und sogar fraktionslose Einzelmitglieder einen Anspruch darauf [3].
Damit ist die Ratsgruppe Volt & Die PARTEI keine politische Fußnote, sondern eine schlichte Konsequenz aus dem Gesetz: Mit einem Sitz allein gibt es kaum Handlungsspielraum, mit zwei Sitzen entsteht die kleinste formal handlungsfähige Einheit.
Das ist der Punkt, den ich vorher nicht wusste und den kaum jemand erklärt: Eine Stimme von Wählerinnen und Wählern übersetzt sich nicht automatisch in Mitwirkung. Wie viel Einfluss ein Mandat hat, entscheidet die Größe der Einheit, in der es steht.
Die Verteilung der Posten
In der zweiten Ratssitzung ging es um Ausschusssitze, Gremienplätze und Aufsichtsratsmandate städtischer Unternehmen. Dieser Moment war für mich der lehrreichste des ganzen Jahres.
Ich beschreibe hier meinen Eindruck, nicht einen Vorwurf: Die Verteilung wirkte auf mich weniger wie eine Entscheidung nach fachlicher Eignung und mehr wie ein gegenseitiges Zuteilen von Einfluss. Ich komme aus einem Arbeitskontext, in dem Verantwortung an Erfahrung und Qualifikation gekoppelt ist. Diese Umstellung war unangenehm.
Wichtig ist mir die Einordnung: Das ist rechtlich einwandfrei. Die Verteilung von Ausschusssitzen folgt dem Stärkeverhältnis im Rat, das ist demokratisch so vorgesehen und schützt auch vor Willkür. Was ich beschreibe, ist kein Regelverstoß, sondern die Wirkung der Regel. Wer aus dem System kommt, findet das normal. Wer neu dazukommt, erlebt es als Erklärungslücke. Und genau diese Lücke ist es, die außerhalb des Rathauses Misstrauen erzeugt.
Die wirtschaftliche Schieflage, über die kaum jemand spricht
Kommunalpolitik ist formal ein Ehrenamt, wirtschaftlich ist sie für Selbstständige etwas völlig anderes als für Angestellte. Nach der Gemeindeordnung NRW sind Ratsmitglieder für die Zeit der Mandatsausübung von ihrer Arbeitspflicht freigestellt, niemand darf an der Wahrnehmung eines Mandats gehindert werden [5].
Beim Verdienstausfall trennen sich die Wege. Nach § 6 der Entschädigungsverordnung NRW wird der entgangene Arbeitsverdienst mindestens in Höhe eines Regelstundensatzes ersetzt, der dem Mindestlohn entspricht, gedeckelt auf höchstens 84 Euro pro Stunde. Abhängig Erwerbstätigen wird auf Antrag der tatsächlich entstandene Verdienstausfall in nachgewiesener Höhe ersetzt. Selbstständige erhalten stattdessen auf Antrag eine Pauschale, deren Höhe im Einzelfall auf Grundlage des glaubhaft gemachten Einkommens nach billigem Ermessen festgesetzt wird [4].
Der entscheidende Unterschied steckt aber nicht in der Verordnung. Wer angestellt ist, wird freigestellt, und die Arbeit wird in der Organisation aufgefangen. Wer selbstständig ist, hat die Arbeit abends trotzdem noch auf dem Tisch. Ratsarbeit bedeutet für mich zusätzliche Arbeit, organisatorisch, zeitlich und wirtschaftlich.
Ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen und stehe dazu. Trotzdem gehört benannt, was diese Struktur bewirkt: Sie beeinflusst, wer sich Kommunalpolitik überhaupt leisten kann. Und damit beeinflusst sie, wer in Räten sitzt.
Was ich mitnehme
Es wäre leicht gewesen, in Frustration zu verfallen. Das hätte weder mir noch dem Team geholfen. Stattdessen haben wir uns auf das konzentriert, was in den gegebenen Strukturen möglich ist: inhaltliche Arbeit, Sachfragen, Zusammenarbeit mit sachkundigen Bürgerinnen und Bürgern.
Parallel habe ich viele Gespräche mit anderen Parteien geführt. Diese Gespräche waren herausfordernd, weil man Menschen einschätzen muss, bevor man ihre Verlässlichkeit erlebt hat. In der Politik sind schöne Worte schnell gesagt. Entscheidend ist, was am Ende umgesetzt wird. Das Bauchgefühl war dabei ein Orientierungspunkt, nicht als Ersatz für Fakten, sondern als Ergänzung.
Für das kommende Jahr nehme ich mir vor allem eines vor: Kommunikation stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht nur die Entscheidung zählt, sondern auch, wie sie erklärt und vorbereitet wird. Als jemand, der lieber umsetzt als erklärt, fällt mir das nicht leicht. Genau deshalb steht es hier.
Was du konkret tun kannst
| Schritt | Aufwand | Wirkung |
|---|---|---|
| Ins Ratsinformationssystem schauen, bevor du dich ärgerst | 15 Minuten | Vorlagen enthalten meist die Begründung, die in der Berichterstattung fehlt |
| Eine Ratssitzung besuchen | Ein Abend | Sitzungen sind öffentlich, die Erfahrung verändert die Wahrnehmung |
| Sachkundige Bürgerin oder sachkundiger Bürger werden | Eine Bewerbung bei einer Gruppe oder Fraktion | Fachliche Mitarbeit im Ausschuss, auch ohne Mandat |
| Beim eigenen Arbeitgeber nach Freistellungsregeln fragen | Ein Gespräch | Ratsmitglieder sind gesetzlich freizustellen [5] |
| Vor der Kandidatur die wirtschaftliche Seite durchrechnen | Ein Abend | Selbstständige bekommen eine Pauschale, keine Nachweiserstattung [4] |
| Nachfragen, wenn eine Entscheidung unverständlich wirkt | Eine Mail | Die Erklärungslücke ist das eigentliche Vertrauensproblem |
Häufige Fragen
Wie ist der Rat der Stadt Essen zusammengesetzt?
Nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 sind zwölf Parteien vertreten, der Rat hat 82 Sitze. Die CDU stellt 25, die SPD 19, die AfD 14, die Grünen 10 und die Linke 5 Mitglieder. FDP und Essener Bürgerbündnis haben je zwei Sitze, DIE PARTEI, Tierschutzpartei, BSW, LICHT und Volt je einen [1][2].
Was ist der Unterschied zwischen Fraktion und Gruppe?
Nach § 56 der Gemeindeordnung NRW muss eine Fraktion in Räten mit mehr als 74 Mitgliedern aus mindestens vier Mitgliedern bestehen, eine Gruppe aus mindestens zwei. Beide erhalten Zuwendungen zu den Aufwendungen für die Geschäftsführung, seit 2007 auch fraktionslose Einzelmitglieder [3].
Ist Ratsarbeit bezahlt?
Sie ist ein Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung. Der Verdienstausfall wird mindestens in Höhe des Regelstundensatzes ersetzt, der dem Mindestlohn entspricht, höchstens jedoch 84 Euro pro Stunde. Angestellte bekommen den nachgewiesenen Ausfall ersetzt, Selbstständige eine Pauschale nach billigem Ermessen [4].
Kann mein Arbeitgeber mir ein Mandat verweigern?
Nein. Nach der Gemeindeordnung NRW darf niemand gehindert werden, sich um ein Mandat zu bewerben oder es auszuüben. Ratsmitglieder sind für die Zeit der Mandatsausübung von ihrer Arbeitspflicht freigestellt, entgegenstehende Vereinbarungen sind unzulässig [5].
Wie kann ich mitarbeiten, ohne selbst zu kandidieren?
Als sachkundige Bürgerin oder sachkundiger Bürger in einem Ausschuss. Diese Plätze werden von Fraktionen und Gruppen benannt, fachliche Erfahrung zählt dabei mehr als Parteibuchdauer. Es ist der direkteste Weg in die inhaltliche Arbeit.
Zum Schluss
Mein erstes Jahr in der Kommunalpolitik war weniger eine politische als eine strukturelle Lernphase. Ich habe gelernt, wie Entscheidungen tatsächlich entstehen, wo Spielräume liegen und wo sie enden.
Was ich mitnehme, ist keine Ernüchterung, sondern eine Präzisierung. Veränderung entsteht hier nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch Beharrlichkeit und die Bereitschaft, ein System erst zu verstehen, bevor man es kritisiert.
Und du? Was wolltest du über Kommunalpolitik schon immer wissen, ohne zu wissen, wen du fragen sollst? Schreib es mir, ich beantworte die häufigsten Fragen in einem eigenen Beitrag.
Quellen
- Stadt Essen: Sitzverteilung im Rat der Stadt Essen nach der Kommunalwahl vom 14. September 2025 — https://www.essen.de/rathaus/rat/rat_der_stadt_essenn__sitzverteilung.de.html
- Bericht zur Zusammensetzung des neuen Essener Stadtrats mit 82 Mitgliedern, September 2025 — https://essen.t-online.de/region/essen/id_100926632/essen-diese-82-mitglieder-sitzen-im-neuen-stadtrat.html
- § 56 Gemeindeordnung für das Land Nordrhein-Westfalen, Fraktionen und Gruppen — https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_bes_detail?anw_nr=2&gld_nr=%2B0&ugl_nr=0&val=6784&ver=0&aufgehoben=N&bes_id=6784&det_id=701465
- Entschädigungsverordnung Nordrhein-Westfalen (EntschVO NRW), Fassung vom 8. Dezember 2025, in Kraft seit 1. Januar 2026, § 6 Ersatz des Verdienstausfalls — https://recht.nrw.de/lrgv/rechtsverordnung/01012026-entschaedigungsverordnung-nordrhein-westfalen-entschvo-nrw/
- Merkblatt zur Verdienstausfallentschädigung nach §§ 44 und 45 GO NRW, Stadt Münster, 2025 — https://www.stadt-muenster.de/fileadmin/user_upload/stadt-muenster/33_ratsservice/pdf/Verdienstausfall-Merkblatt-2025.pdf
- Volt Deutschland, Volt Essen: Ein starkes Fundament für Volt Essen, Einordnung des Wahlergebnisses, September 2025 — https://voltdeutschland.org/essen/neuigkeiten/ein-starkes-fundament-fuer-volt-essen-und-ein-europaeischer-gedanke-der-waechst
Über mich
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.