Die Kunst der Verwirrung
- Mandy Hindenburg
- 7. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Wie Intransparenz und Fehlinformationen Essens Kulturszene verunsichern
Es gibt diese Momente im politischen Alltag, in denen man sich fragt, ob man wirklich alles richtig verstanden hat. Momente, in denen man als neue Stadträtin vor einem Berg von Informationen steht, die sich widersprechen, und in denen man sich fragt: Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass am 28. Januar in einer Sitzung des Kulturausschusses klar und deutlich gesagt wird, dass für das Jahr 2026 keine Kürzungen in der institutionellen Förderung der freien Kulturszene geplant sind? Dass Beigeordneter Al Ghusain betont, das Budget von drei Millionen Euro werde gehalten, wenn auch mit Verzögerungen bei der Freigabe? Und dass dann plötzlich, nur wenige Wochen später, die Meldung durchsickert, es gäbe doch Kürzungen und zwar in einer Höhe, die existenzbedrohend für viele Einrichtungen sein könnte?

Ich habe mich gefragt, wo diese Information herkommt. Wer hat sie recherchiert? Hat die Presse sich nur auf die Aussagen der Freischaffenden bezogen, oder hat sie tatsächlich in den Unterlagen der Stadt nachgelesen, was wirklich geplant ist? Denn wenn am 28. Januar so klar und deutlich im Ausschuss gesagt wurde, dass keine Kürzungen für 2026 stattfinden, dann müsste das doch irgendwo schriftlich festgehalten sein. Dann müsste es doch eine Pressemitteilung geben, eine offizielle Stellungnahme, die diese Aussage untermauert. Doch Fehlanzeige, stattdessen: Stille.
Und dann, plötzlich, dieser Aufschrei.
Die Verwirrung, die in den letzten Wochen entstanden ist, hat mich nicht nur als Politikerin, sondern auch als Bürgerin dieser Stadt tief verunsichert. Denn wenn selbst ich, die ich im Kulturausschuss sitze, nicht nachvollziehen kann, woher diese Aussagen stammen, wie soll es dann den Menschen gehen, die nicht direkt in diesen Prozessen involviert sind? Wie sollen die Freischaffenden, die Kultureinrichtungen, die Bürger:innen dieser Stadt Vertrauen in die Entscheidungen der Verwaltung haben, wenn selbst grundlegende Informationen nicht klar kommuniziert werden?
Und dann kam die Sitzung am 6. Mai. Dort wurde klar, dass tatsächlich Kürzungen stattfinden werden, nicht in der Höhe, die zunächst im Raum stand, aber doch in einem Umfang, der schmerzt. Zwei Veranstaltungen, die sich bereits etabliert hatten, werden nicht stattfinden. Der Kulturempfang des Oberbürgermeisters, ein Event, das den Freischaffenden nicht nur eine Wertschätzung entgegenbringt, sondern auch eine wichtige Vernetzungsmöglichkeit bietet, wurde abgesagt. Und das alles, während die Stadtverwaltung sich jetzt als Retterin der Kulturszene inszeniert, die Lösungen gefunden hat.
Doch hier stellt sich mir die Frage: Ist das wirklich eine Lösung? Oder ist es nicht vielmehr ein Symptom für ein viel größeres Problem? Ein Problem, das sich durch die gesamte Verwaltungspolitik zieht: Intransparenz.
Denn was ist eigentlich passiert? Woher kam die Aussage, dass Kürzungen für 2026 stattfinden würden? War es eine Fehlinformation, die durchgesickert ist? War es eine bewusste Taktik, um Druck aufzubauen? Oder war es schlicht und einfach ein Kommunikationsdesaster, das zeigt, wie wenig die Stadt Essen darauf achtet, ihre Bürger:innen klar und verständlich zu informieren?
Ich habe versucht, es herauszufinden. Ich habe die Protokolle durchforstet, die Aufzeichnungen angehört, mit Kolleg:innen gesprochen. Doch je mehr ich recherchiert habe, desto mehr Fragezeichen sind in meinem Kopf aufgetaucht. Denn eines ist klar: Am 28. Januar wurde im Kulturausschuss gesagt, dass keine Kürzungen für die institutionelle Förderung für 2026 geplant sind, Punkt. Und wenn das so ist, dann muss doch irgendwo ein Beleg dafür existieren, dann muss doch irgendwo stehen, dass diese Aussage der Kürzung für 2026 stimmt. Doch stattdessen herrsche ich über ein Vakuum an Informationen, das mich als Politikerin in eine unangenehme Position bringt. Denn wie soll ich den Bürger:innen erklären, was Sache ist, wenn ich selbst nicht genau weiß, was Sache ist?
Und dann kommt noch diese eine Frage hinzu, die mich besonders umtreibt: Warum wurde der Kulturempfang des Oberbürgermeisters gestrichen? Ein Event, das vielleicht 10.000 Euro kostet, eine Summe, die im Vergleich zu anderen Posten im Haushalt lächerlich klein ist. Ein Event, das den Freischaffenden nicht nur eine Plattform bietet, sondern auch zeigt: Die Stadt schätzt euch, die Stadt sieht euch. Und jetzt wird genau hier gespart? Während gleichzeitig Millionen in Prestigeprojekte fließen, die am Ende vielleicht niemandem wirklich nutzen?
Das ist für mich nicht nur intransparent, das ist auch symbolpolitisch falsch. Denn wenn die Stadt wirklich zeigen will, dass ihr die Kulturszene am Herzen liegt, dann muss sie auch bereit sein, in die Sichtbarkeit dieser Szene zu investieren. Dann muss sie bereit sein, in die Vernetzung zu investieren. Dann muss sie bereit sein, in die Wertschätzung zu investieren. Und nicht genau dort sparen, wo es am meisten wehtut.
Ich bin noch nicht lange im Stadtrat. Ich gebe zu, dass ich noch viel lernen muss, dass ich historische Zusammenhänge noch nicht kenne. Aber eines weiß ich: Kommunikation ist das A und O. Und wenn die Kommunikation nicht funktioniert, dann funktioniert auch die Politik nicht. Dann verlieren die Menschen das Vertrauen. Dann fangen sie an, sich zu fragen, ob ihre Stimme überhaupt zählt.
Und genau das ist das Problem, das wir gerade in Essen haben. Ein Problem, das nicht nur die Kulturszene betrifft, sondern die gesamte Stadt. Ein Problem, das zeigt, dass wir dringend etwas ändern müssen.
Denn am Ende geht es nicht nur um die Kultur. Es geht um die Frage, wie wir als Stadt miteinander umgehen. Es geht darum, ob wir bereit sind, klar und deutlich zu kommunizieren. Es geht darum, ob wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Und es geht darum, ob wir bereit sind, den Bürger:innen dieser Stadt das zu geben, was sie verdienen: Transparenz.
Denn nur so können wir sicherstellen, dass Essen nicht nur eine Stadt mit einer reichen kulturellen Vergangenheit bleibt, sondern auch eine mit einer lebendigen, vielfältigen Zukunft. Eine Zukunft, in der die Menschen nicht nur zuschauen, wie Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, sondern in der sie selbst mitgestalten können. Eine Zukunft, in der Kultur nicht nur gefördert, sondern auch gelebt wird.
Und ja, es gibt Lösungen. Es gibt Städte, die es besser machen. Hamburg zum Beispiel hat eine Förderdatenbank, in der jeder nachschauen kann, welche Projekte gefördert werden und warum. Eine einfache, kostengünstige Lösung, die Transparenz schafft und den Bürger:innen das Gefühl gibt, dass sie mitgenommen werden. Das ist kein Hexenwerk. Das ist gute Verwaltungspolitik.
Und genau das brauchen wir auch in Essen. Nicht mehr und nicht weniger, einfache Kommunikation die Klarheit schafft, die Transparenz ermöglicht und somit Verantwortung übernimmt.
Denn am Ende geht es nicht nur um die Kultur, nein, es geht um uns alle. Es geht um die Frage, was für eine Stadt wir sein wollen. Eine Stadt, in der Informationen hinter verschlossenen Türen bleiben. Oder eine Stadt, in der wir offen und ehrlich miteinander umgehen. Eine Stadt, in der die Menschen das Gefühl haben, dass ihre Stimme zählt.
Ich weiß, was ich will und ich hoffe, dass wir das gemeinsam hinbekommen.
Für mehr Transparenz und klare Kommunikation in Essen.
Eure Mandy Hindenburg
Verweise:
Mehr zu den Lösungsansätzen von Volt Essen findet ihr hier. Link
Den Bericht der Ratsgruppe zur letzten Kulturausschusssitzung gibt es hier. Link
Hamburg → Transparenz (sehr gut belegt durch das Transparenzportal und gesetzliche Grundlage): Link
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI
City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen
Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm
Founder I Vorständin der vilaron Stiftung
Founder I Vorständin vom BPW eClub
Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.
