Demokratiebildung
- Mandy Hindenburg

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Warum mich dieses Thema gerade nicht loslässt.
Ich merke seit einigen Tagen, dass mich dieses Thema innerlich nicht mehr loslässt. Vielleicht, weil ich in Kray am Informationsstand lange Gespräche geführt habe. Vielleicht, weil ich selbst inzwischen im Stadtrat sitze und politische Prozesse nicht mehr nur von außen beobachte, sondern mittendrin erlebe. Vielleicht auch, weil ich immer öfter junge Menschen treffe, die klug sind, reflektiert sind, interessiert sind und trotzdem sagen: „Politik? Das bringt doch sowieso nichts.“
Und genau dieser Satz trifft mich.

Denn wenn wir ehrlich sind, zeigen die Zahlen etwas anderes: Das politische Interesse junger Menschen ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Shell-Jugendstudien belegen deutlich, dass sich viele 12- bis 25-Jährige stärker für politische Themen interessieren als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Klimawandel, soziale Gerechtigkeit, Krieg in Europa, wirtschaftliche Unsicherheit, all das beschäftigt sie. Es ist nicht so, dass die junge Generation apathisch wäre. Im Gegenteil. Sie ist sensibel, wach und durchaus engagiert.
Aber wie bildet sich diese Meinung eigentlich?
Wenn wir uns anschauen, wo politische Informationen herkommen, dann wird es komplex. Laut JIM-Studie beziehen über 70 Prozent der Jugendlichen ihre politischen Informationen primär über Social Media. Das heißt konkret: politische Inhalte erscheinen im 15-Sekunden-Format zwischen Tanzvideos, Lifestyle-Tipps und Werbeanzeigen. Sie sind emotional zugespitzt, algorithmisch verstärkt und häufig ohne Kontext.
Und ich frage mich: Wie soll in dieser Geschwindigkeit eine fundierte politische Haltung entstehen?
Ein junger Mensch scrollt durch seinen Feed. Er sieht Empörung, er sieht Wut, er sieht moralische Überlegenheit, er sieht scheinbar einfache Lösungen für hochkomplexe Probleme. Was er aber selten sieht, ist Differenzierung. Was er kaum erlebt, ist echte Debatte. Und was fast nie stattfindet, ist die langsame, manchmal anstrengende Auseinandersetzung mit Fakten.
Gleichzeitig erzeugt diese digitale Welt einen enormen Vergleichsdruck. Die WHO berichtet, dass rund ein Viertel der Jugendlichen in Europa depressive Symptome zeigt. Studien der DAK zeigen, dass viele junge Menschen Social Media als psychisch belastend empfinden. Wenn sich dieses Gefühl von „Ich genüge nicht“ dann mit politischer Ohnmacht mischt, entsteht eine gefährliche Mischung aus Frustration und Orientierungslosigkeit.
Und Orientierung ist ein Schlüsselwort.
Ich erinnere mich an meine eigene Jugend vor etwa zwanzig Jahren. Rechts- und Linksradikalismus waren auch damals Thema. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich wusste damals oft selbst nicht, wo ich eigentlich stand. War ich links? War ich rechts? Oder war ich einfach dort, wo mein Umfeld war? Vielleicht war ich in manchen Momenten eine Mitläuferin, nicht aus Überzeugung, sondern aus dem Bedürfnis heraus, dazuzugehören. Und ich halte es für gefährlich, so zu tun, als wäre das etwas völlig Ungewöhnliches. Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn politische Identität vor allem über Gruppenzugehörigkeit entsteht, dann ist Radikalisierung keine ideologische Entscheidung, sie ist ein sozialer Prozess.
Heute läuft dieser Prozess digital beschleunigt ab.
Was mich deshalb immer wieder beschäftigt, ist die Frage: Wann engagieren sich junge Menschen konstruktiv, ohne sich zu radikalisieren?
Die Forschung ist erstaunlich eindeutig: Junge Menschen entwickeln stabile, demokratische Haltungen dann, wenn sie echte Selbstwirksamkeit erfahren. Nicht symbolische Beteiligung, nicht wohlklingende Beteiligungsformate ohne Konsequenz, sondern reale Mitentscheidung.
Was passiert, wenn eine Schülerin erlebt, dass ihre Idee zur Schulhofgestaltung tatsächlich umgesetzt wird? Was passiert, wenn ein Jugendparlament nicht nur diskutiert, sondern über ein Budget verfügt und selbst Verantwortung trägt? Was passiert, wenn ein Bürgerdialog nicht in einer Protokollmappe verschwindet, sondern in konkrete Beschlüsse mündet?
Es verändert etwas Grundsätzliches. Aus Distanz wird Verantwortung, aus Ohnmacht wird Handlungskompetenz und aus „die da oben“ wird „wir gemeinsam“.
Ich bin inzwischen selbst Teil dieses politischen Systems und erlebe im Stadtrat die Spannung zwischen Ideal und Realität sehr unmittelbar. Formal ist alles demokratisch korrekt: Es wird abgestimmt, Mehrheiten entscheiden, Prozesse sind geregelt. Informell jedoch sind Koalitionsabsprachen, strategische Blockaden und parteipolitische Überlegungen Alltag. Ich habe erlebt, dass sachlich gute Anträge keine Mehrheit fanden, weil sie von der „falschen“ Partei eingebracht wurden. Und ich habe erlebt, dass ähnliche Inhalte später, von anderer Seite, plötzlich mehrheitsfähig waren.
Das ist rechtlich legitim. Aber demokratiekulturell wirft es Fragen auf.
Denn was nehmen Bürger wahr? Sie sehen, dass Inhalte zweitrangig erscheinen können. Sie erleben, dass Machtlogik manchmal stärker wirkt als Sachargumente. Und dann wundern wir uns, wenn Vertrauen sinkt und Misstrauen wächst.
Das Edelman Trust Barometer zeigt seit Jahren, dass das Vertrauen in politische Institutionen in vielen westlichen Demokratien abnimmt. Und ich frage mich: Ist dieses Misstrauen wirklich irrational oder ist es in Teilen eine nachvollziehbare Reaktion auf erlebte Intransparenz?
Was würde passieren, wenn wir politische Prozesse anders gestalten würden?
Stellen wir uns vor, Bürgerdialoge wären keine symbolischen Veranstaltungen, sondern echte Arbeitsräume. Junge Menschen säßen mit am Tisch, wenn Stadtentwicklung diskutiert wird. Haushaltsentscheidungen würden transparent erklärt, inklusive Zielkonflikten und Grenzen. Anträge würden inhaltlich bewertet, unabhängig von Parteifarben.
Was würde das verändern?
Ich bin überzeugt: Die Polarisierung würde abnehmen, weil Menschen, die gehört werden, weniger laut schreien müssen. Die Bereitschaft, Kompromisse zu akzeptieren, würde steigen, weil Entscheidungswege nachvollziehbar wären. Und vor allem würde politische Reife wachsen, weil junge Menschen lernen würden, dass Demokratie kein Wunschkonzert ist, sondern ein permanenter Aushandlungsprozess.
Kommunale Politik zum Anfassen bedeutet für mich, dass man spürt, dass Entscheidungen Auswirkungen haben. Dass ein Jugendlicher durch die Stadt geht und sagen kann: „Da habe ich mitentschieden.“ Dass Politik nicht nur im Ratssaal stattfindet, sondern im Alltag, im Quartier, im direkten Lebensumfeld.
Demokratie darf kein Projekt sein, das alle zwei Jahre gefördert wird und dann endet. Nein, sie muss gelebter Alltag sein. Gerade in der Phase der Orientierungssuche brauchen junge Menschen Räume, in denen ihre innere Haltung nicht belächelt, sondern ernst genommen wird. Räume, in denen sie lernen, dass Konflikt nicht Feindschaft bedeutet und dass Lösungen oft im Graubereich liegen.
Vielleicht fehlt uns weniger Wissen über Demokratie, sondern mehr gelebte demokratische Kultur. Vielleicht fehlt uns weniger politische Bildung im theoretischen Sinn, sondern mehr politische Erfahrung im praktischen Sinn. Vielleicht fehlt uns der Mut, Macht transparenter zu machen und parteipolitische Routinen zu hinterfragen.
Ich schreibe das nicht, weil ich die perfekte Antwort habe. Ich schreibe es, weil ich selbst Teil dieses Systems bin und merke, wie sehr mich die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit beschäftigt. Und weil ich glaube, dass wir uns ehrlich fragen müssen, wie wir Demokratie wieder so gestalten, dass junge Menschen nicht zwischen Radikalisierung und Resignation wählen müssen.
Ich bin der festen Überzeugung: Demokratie beginnt nicht im Wahlakt, sie beginnt im Erleben, im Gehörtwerden, im Mitgestalten und vielleicht liegt genau darin unsere größte Aufgabe.
Meine Idee zur Lösung: Mach mit! Essen (in Kürze mehr dazu)



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